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Hatts Dufte Welt: Diagnostik mit der Nase

Manche Krankheiten verraten sich durch charakteristische Gerüche. Sie lassen den Atem süßlich, den Schweiß sauer oder den Urin scharf riechen. Auch Krebszellen, Malaria oder Epilepsie verändern den Körpergeruch. Bisher können nur trainierte Tiernasen und spezielle Tests diese frühen Warnsignale des Körpers wahrnehmen.
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Die moderne Labormedizin weiß alles. Mit ihrer Hilfe lassen sich Blut- und Hormonwerte messen, Keime und Pilze bestimmen und sämtliche Organe prüfen. Doch manchmal reicht schon der Einsatz einer feinen Nase, um die ersten Krankheitssymptome zu erkennen. Sauer oder süßlich? Faulig oder frisch? Moschus, Äpfel oder Ammoniak? Bei bestimmten Krankheiten produziert der Körper Stoffwechselprodukte, die über den Schweiß, den Atem oder den Urin abgesondert werden und einen starken Eigengeruch aufweisen. Manche dieser Gerüche könnten als frühe Warnsignale hilfreich sein und womöglich bald sogar komplizierte Tests überflüssig machen.

Dass ein schlechter Mundgeruch auf Karies oder Parodontose hinweist, kann man sich leicht denken. In bis zu 90 Prozent der Fälle liegt die Ursache für schlechten Atem im Mundbereich. Nicht so naheliegend ist, dass ein süßlicher Atem auf eine Mandelentzündung schließen lässt. Die Bakterien, die die Entzündung hervorrufen, verursachen gleichzeitig die Bildung von Eiterpusteln, und die wiederum verströmen den süßlichen Duft. Riecht es zudem faulig, kann eine Lungenentzündung oder, auch das kam früher häufig vor, eine Diphterie vorliegen. Zum Glück ist die lebensgefährliche Diphterie dank der hohen Impfquote bei Kleinkindern bei uns inzwischen selten geworden. Umso häufiger begegnet man dafür dem sauren Atem – hervorgerufen durch eine entzündete Magenschleimhaut, die übermäßig viel Magensäure produziert. Ursache können Bakterien, Tumoren oder auch Stress sein.

Die beiden Erkrankungen, die am häufigsten Mundgeruch verursachen, sind Diabetes und Nierenleiden. Ein obstartiger Geruch (Apfel), manchmal auch der leichte Geruch nach azetonhaltigem Nagellackentferner ist typisch für den Diabetiker. Der Urin kann entsprechend ebenso nach Apfelsäure oder Azeton riechen. Das liegt daran, dass der Körper nicht mehr genug Insulin hat und mit Fettsäuren überschwemmt wird.

Wenn der Schweiß nach Urin riecht

Nach Urin oder Ammoniak riechender Schweiß und Atem können hingegen auf eine Nierenschwäche oder sogar ein akutes Nierenversagen hindeuten. Wenn die Niere nicht richtig arbeitet, scheidet der Körper Schadstoffe nicht über den Urin aus. So gelangt Harnstoff vermehrt in die Blutbahn und wird über die Haut ausgeschwitzt und über die Lunge ausgeatmet. Ein beißender Ammoniakgeruch kann zudem auf eine kranke Leber hindeuten.

Im Vergleich mutet eine Blasenentzündung, die den Urin streng und scharf riechen lässt, eher harmlos an. Viele Frauen wissen allerdings, wie schmerzhaft eine solche Bakterieninfektion sein kann. Riecht der Urin dagegen süßlich, kann eine Erbkrankheit vorliegen. Sie ist schon bei Neugeborenen erkennbar und heißt, wie sie riecht: Ahornsirupkrankheit.

Nach Essig hingegen riecht, wer an einer Schilddrüsenunterfunktion leidet. Der Grund dafür ist der verlangsamte Stoffwechsel. Im Körper entstehen Säuren, die – oft nachts – ausgeschwitzt werden. Eine der häufigsten angeborenen Erbkrankheiten ist die Phenylketonurie. Dabei sammelt sich die Aminosäure Phenylalanin im Körper an und stört die geistige Entwicklung. Schweiß und Urin eines betroffenen Kindes verströmen einen moschusartigen Geruch.

Doch nicht immer muss es so dramatisch zugehen: Schon ein grippaler Infekt mit Fieber kann den Körpergeruch erheblich verändern. Auch in der Gerichtsmedizin sind typische Gerüche bekannt. Eine Zyankalivergiftung ist noch beim Toten zu riechen, ebenso eine Vergiftung mit Arsen. Die allerdings riecht nach Knoblauch. Wenn der Verstorbene an Typhus gelitten hat, stellt der Untersuchende den Geruch von frisch gebackenem Brot fest.

Tierische Spürnasen

Viele Krankheiten wären besser heilbar, wenn man sie frühzeitig entdecken würde. Verursachen womöglich auch Krebserkrankungen Gerüche, die man mit empfindlichen Nasen wahrnehmen könnte? Dieser Frage ging zuerst ein Forscherteam in Kalifornien nach. Es trainierte Hunde darauf, Krebspatienten anhand ihrer Atemproben zu erkennen. Nach kurzer Zeit erzielten die Tiere Trefferquoten, die fast so gut waren wie aufwändige Labortests. Inzwischen gilt als sicher, dass Hunde Lungen-, Brust und Blasenkrebs anhand von Atem- und Urinproben feststellen können. Der Hundetrainer der israelischen Firma »Dogprognose« jedenfalls verspricht, dass sein Hund Timi in 95 Prozent der Fälle richtigliegt.

Genauso erspüren Hunde offenbar die olfaktorischen Veränderungen eines drohenden Anfalls bei Epileptikern. Patienten hatten immer wieder berichtet, ihr Begleithund habe sie durch unruhiges Verhalten vor einem Anfall gewarnt. Bei einer wissenschaftlichen Untersuchung in Frankreich bestätigte sich: Alle beteiligten Hunde identifizierten Epilepsiepatienten, die sie vorher nicht kannten, anhand ihrer Haut- und Atemduftproben.

Diabetikerwarnhunde können täglich Koma, Krampfanfälle und den Tod verhindern

Am meisten verbreitet sind Diabetikerwarnhunde. Sie erkennen bei schwer Zuckerkranken erste Anzeichen eines diabetischen Komas, so dass der Patient noch Zeit hat, sein Insulin zu nehmen. Diabetikerwarnhunde sind ausgebildete Assistenzhunde, die eine Schulung von 18 bis 24 Monaten durchlaufen. Sie können täglich Koma, Krampfanfälle und den Tod verhindern. Hohe Blutzuckerwerte werden von guten Diabetikerwarnhunden bereits ab 170 Milligramm pro 100 Milliliter erkannt. Auf diese Weise kann der Diabetiker rechtzeitig Kohlenhydrate zu sich nehmen oder Insulin spritzen, um einer Hypoglykämie oder Hyperglykämie entgegenzuwirken und auch die Gefahr von Folgeerkrankungen zu mindern. Die Tiere warnen ihre Besitzer, indem sie diese zum Beispiel anstupsen oder ihnen eine Pfote auflegen.

Wissenschaftler an der TU Braunschweig haben herausgefunden, dass auch Ratten mit ihrer feinen Nase hilfreich bei der Erkennung von Krankheiten sein können. So wird inzwischen die afrikanische Riesenhamsterratte darauf trainiert, Tuberkulose zu erkennen. In Afrika werden bislang nur rund die Hälfte aller Fälle erkannt, da die Diagnose teuer ist. Die so genannten »HeroRats«, die von der Non-Profit-Organisation Apopo eingesetzt werden, erzielen schon Trefferquoten von 75 Prozent und könnten damit eine Alternative zu herkömmlichen Tests darstellen.

Einen Test zur Früherkennung von Parkinson gab es bisher nicht, ebenso wenig wie Hinweise auf die Hilfe von Tiernasen. Doch nun machte eine Engländerin mit Supernase von sich reden: Joy Milne kann offenbar Parkinson riechen, noch bevor die ersten Symptome auftreten. Sie berichtet, ihr Ehemann habe schon zehn Jahre bevor die Krankheit bei ihm diagnostiziert wurde, nach Moschus gerochen. Bei einem Treffen mit anderen Kranken habe sie diesen Geruch ebenfalls bemerkt. Jetzt arbeiten Wissenschaftler der University of Manchester und der University of Edinburgh mit Joy Milne zusammen. Erstes Forschungsergebnis: Der Geruch scheint mit Sebum, einem Hautsekret, zu tun zu haben. Sebum wird – wie auch andere molekulare Verbindungen – bei Menschen mit Parkinson verstärkt produziert.

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