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Grams' Sprechstunde: Die Quecksilberbombe in der Plombe

Wenn etwas feststeht, dann doch eins: Amalgam gehört raus aus dem Mund, weil: Quecksilbertodesgefahr! Oder doch nicht?
Plombenschau beim DentistenLaden...

»Amalgam ist doch voll gefährlich für den Körper«, meinte neulich eine gute Freundin, eine Apothekerin, voller Überzeugung, »das ist doch bewiesen!« »Nein«, gab ich zurück – mitnichten. »Von allen Alternativen zur Zahngesunderhaltung ist Amalgam die unschädlichste – und die am besten erforschte.« Daraufhin war die Stimmung etwas eisig, wie so oft, wenn Faktenwissen und gefühltes Wissen kollidieren – und wenn man sich auch selbst vor lauter Mythen und Märchen erstmal verorten muss.

Gefühltes Wissen findet man beim Thema Amalgam ähnlich oft wie beim Thema Impfen: So hartnäckig wie der Glaube an eine Unzahl (merkwürdigerweise bisher unerkannter) Impfschäden hält sich der Glaube an die (unerhörte) Gesundheitsgefahr durch Amalgam. Im Internet findet man unter dem Suchbegriff »Amalgam« genau wie unter »Impfen« seitenlang Warnungen, Horrormeldungen und Halbwahrheiten, die es Laien schwer machen, zum tatsächlich aktuellen Stand des Wissens vorzudringen. Die Amalgam-Angst scheint in der Zahnheilkunde ein ähnlicher Dauerbrenner zu sein wie die längst widerlegte und trotzdem weiter grassierende Autismus-Impflüge in der Medizin.

Aber der Reihe nach: Wenn ein Zahn kaputt zu gehen droht – meist durch Karies –, dann muss er erhalten und versorgt werden. Allerdings ist es bisher nicht möglich, verlorene Zahnsubstanz durch wirklich natürliches Material zu ersetzen. Nun kommt Amalgam ins Spiel, ein nicht besonders ansehnlicher, aber kostengünstiger Metallgemengefüllstoff. Amalgam ist lange haltbar, leicht zu verarbeiten und schrumpft nicht zusammen – das stoppt Mikrorisse, an deren Rändern neue Zahnfäule entstehen kann. Zudem ist es leicht antibakteriell, so dass es das Wiederentstehen von Karies verhindern hilft. Außerdem können es Zahnärzte in der Praxis herstellen, statt wie beim Goldinlay extra ein Zahnlabor bemühen zu müssen – das macht es recht günstig, und bei den Kassen im Gegensatz zu anderen Alternativen zuzahlungsfrei. Nur: Neben Silber, Zinn und Kupfer besteht Amalgam zur Hälfte aus Quecksilber. Quecksilber?

Da gehen nun alle Alarmglocken an: Wenn überhaupt etwas »chemisches Allgemeinwissen« ist, dann dies: Quecksilber ist Gift! Böse Chemie! Todesgefahr! Quecksilber ist giftig, das weiß jeder, und das stimmt natürlich auch – irgendwie. Und obwohl auch beim Quecksilber die Regel »Die Dosis macht das Gift« gilt, kurbelt gefühltes Wissen nun eine imposante Angst- und Mythenmaschinerie an, die das viel verwendete Amalgam fest ins Visier nimmt.

Nun liegt das Quecksilber im Amalgam allerdings gar nicht in freier Form vor, sondern ist fest in einer Legierung gebunden – fein verteilt in einer homogenen, festen Masse metallischer Bestandteile. Moderne Amalgamlegierungen werden ständig weiterentwickelt – und schon lange kann sich keine relevante Menge freies Quecksilber mehr daraus freisetzen. Tatsächlich nehmen wir mit der Nahrung oft (vor allem als Fan von gut zubereiteten Seefischen) mehr Quecksilber auf, als aus dem Füllmaterial Amalgam freigesetzt werden. Auch passionierte Fischesser bekommen dabei im Regelfall Konzentrationen weit unter den Grenzwerten für eine Gesundheitsgefährdung mit.

Und so gibt es bis heute keine seriöse Untersuchung, die einen konkreten Schaden durch Amalgam belegt. Ein Positionspapier der Bundeszahnärztekammer fasst die die Lage im Juni 2018 zusammen: »Es konnte bisher jedoch keine Studie nachweisen, dass Amalgamfüllungen in einem ursächlichen Zusammenhang mit degenerativen Krankheiten, anderen Krankheiten oder sonstigen unspezifischen Symptomen stehen.« Aber was was liest man über Amalgam, sobald man das Internet aufmacht? »Bombe in der Plombe«! Der »Feind in deinem Mund«! Mein Mund soll »metallfrei bleiben«! Krebs, Depression, chronische Müdigkeit, Kopfschmerzen und Unfruchtbarkeit, und noch viel mehr soll es zudem auslösen, das Amalgam. Und leider liest man das nicht nur auf unseriösen Seiten und Schwurbelblogs, die Verunsicherung von Ratsuchenden zum Geschäftsmodell gemacht haben: Auch so manche Zahnarztseite beteiligt sich an derlei Irreführung.

Damit muss ich auch vor mir selbst den stillen Vorwurf revidieren, den ich meiner Apothekerfreundin gemacht hatte, die es doch eigentlich besser wissen müssen. Schon gar nicht sind ratsuchenden Menschen »Schuld daran«, dass sie fehlinformiert werden. Tatsächlich kennt die Medizin die »psychogene Amalgamintoleranz«, ein typisches Nocebo-Krankheitsbild, bei denen die Patienten durch ihren unbedingten Glauben an die Amalgammythen körperliche Symptome fast jeglicher Art entwickeln – auf Grund von Mythen! Ist das nicht tragisch? Sie erinnern sich vielleicht daran, dass ich Ihnen schon einmal erzählt habe, dass nur deshalb nach neuen Impfzusatzstoffen geforscht wird, weil die Impfraten aus lauter unbegründeter Angst der Menschen vor den Mythen über die verwendeten Zusatzstoffe sinken. Hier ist es nicht anders.

Dabei kann man Amalgam durchaus durch Alternativen wie Gold, Keramik oder Kunststoff ersetzen. Keramik und insbesondere Kunststoff müssen allerdings zum Beispiel mit Spezialklebern – einem »Bonder« – in den Zahn geklebt werden, damit sie nicht gleich wieder herausfallen. Der Bonder enthält nun Stoffe, über deren potenzielle Schädlichkeit sehr viel weniger bekannt ist: Zu Amalgam liegen, wegen des ja wirklich giftigen Quecksilbers, weit mehr Daten aus internationalen Studien vor als zu jedem anderen Füllmaterial. Gerade Komposit-(Kunststoff)-Füllungen bestehen aus einer solchen Vielzahl von Einzelsubstanzen, dass eine Gesamtbeurteilung der Toxizität bislang noch gar nicht möglich ist.

Bekannt ist dagegen, dass Kunststoffkleber Bisphenol A enthalten – welches eventuell zellschädigend wirken kann. Auch kann eine Allergie gegen Bisphenol A und andere Kleberstoffe wie Methacrylate vorliegen, und das sehr viel häufiger als gegen Inhaltsstoffe des Amalgams. Klar, man kann einwenden, dass das Grau der Plomben hässlich ist – gerade im Frontzahnbereich zahlen Krankenkassen mittlerweile deshalb auch Kunststofffüllungen. Ein Austausch intakter Amalgamfüllungen gegen Kunststofffüllungen oder Keramikinlays ist nach Lage der Dinge allerdings nicht sinnvoll.

Halten wir also fest: Ja, eine minimale Quecksilberfreisetzung aus Amalgam gibt es durchaus. Und nein, eine Gesundheitsgefährdung ergibt sich daraus nicht. Insgesamt ist Amalgam weltweit das Mittel der Wahl mit den geringsten Risiken.

Zwei Dinge allerdings können Amalgam doch schädlicher und gefährlicher machen als nötig: Erstens sollten vorhandene, intakte Füllung nicht aus esoterischen Gründen oder unnötiger Angst extra herausgefräst werden. Denn dabei können tatsächlich größere Quecksilbermengen frei werden als im Normalfall – und verschluckt oder als Quecksilberdampf eingeatmet werden, der besonders toxisch wirken kann. Und zweitens schadet es, wenn aus den Taschen von Menschen mit »Amalgamangst« ordentliche Summen in die Kasse der örtlichen Heilpraktiker fließen – für ein »Ausleiten« von Quecksilber, das es in relevanten Mengen im Körper gar nicht gibt, solange es in der intakten Amalgamfüllung gebunden ist.

Was also ist zu tun? Gelassen bleiben, wenig Süßes essen, ordentliche und regelmäßige Zahnpflege betreiben und durchaus auch auf den medizinischen Fortschritt vertrauen, der uns noch bessere Zahnfüllmaterialen bescheren dürfte. Schon heute wird an pluripotenten Stammzellen geforscht, aus denen Zahnärzte irgendwann einmal auch Zahnsubstanz und Dentin (eine körpereigene Mineralienschutzschicht um den Zahn) neu wachsen lassen können. Auch neue Wege der Kariesprophylaxe sind vorstellbar – um irgendwann die meisten Füllungen ganz überflüssig zu machen. Bis dahin werden – da bin ich sicher – jedoch auch neue angstmachende Mythen gewachsen sein. Machen Sie da nicht mit!

PS: Zum Aufreger machten professionell Amalgambesorgten übrigens gerade eine bald europaweit geltende Verordnung, die den Quecksilbereintrag in die Umwelt bis 2030 deutlich zu reduzieren versucht. Darin wird im Prinzip nur auf auf EU-Ebene geregelt, was in Deutschland schon Standard ist: Zahnarztspülwasser, in dem kleinsten Mengen an freiem Quecksilber enthalten sein können, darf erst nach gründlicher Reinigung in das Abwasser entlassen werden. Amalgamgegner sehen damit die Gefährlichkeit von Amalgam hochoffiziell bestätigt. Tatsächlich ist das eine Fehlinterpretation. Verhindert werden soll, dass sich winzige Mengen von Quecksilber im Lauf der Zeit im Ökosystem zu allmählich immer größeren Mengen ungebremst ansammeln. Erst das könnte im schlimmsten Fall (etwa einer Anreicherung in der Nahrungskette) dazu führen, dass auch der Mensch in Gefahr gerät, wenn er einen schwermetallverseuchten Fisch isst – und dabei dann viel mehr Quecksilber aufnimmt, als seine Amalgamfüllungen jemals abgeben könnten.

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