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Museumsbrand: Eine Tragödie - und Schande

Langsam wird offenbar, welche Schätze durch den Museumsbrand in Rio de Janeiro verloren gingen. Ihr Verlust ist eine internationale Tragödie, meint Daniel Lingenhöhl.
Brennendes Naturkundemuseum in Rio de Janeiro

Die Tonbandaufzeichnungen inzwischen ausgestorbener Sprachen: in Rauch aufgegangen. Die weltweit bedeutendste Sammlung von Flugsauriern – Pterosauriern -: mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verloren. Eine Sammlung von fünf Millionen Tag- und Nachtfaltern: verkohlt und zerstört. Einer der ältesten bekannten menschlichen Überreste Amerikas, der Schädel und die Hüfte einer »Luzia« genannten Frau: wohl von einstürzenden Trümmern pulverisiert. Lang ist die Liste der Verluste durch den verheerenden Brand des Nationalmuseums in Rio den Janeiro am letzten Sonntag (02.09.2018), die der Wissenschaftsjournalist Ed Yong in seinem Artikel für »The Atlantic« aufführt. Verzweifelt hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums versucht, möglichst viele Schätze aus dem Gebäude mit ihren Händen zu retten. Doch wohl nur ein Bruchteil der Sammlung dürfte das Feuer überstanden haben, wie der tonnenschwere Bendegó-Meteorit der Ausstellung, dem weder die Hitze noch das Löschwasser etwas ausgemacht haben.

Innerhalb weniger Stunden wurden Millionen Fundstücke und einzigartige Typusexemplare von Tieren, kunsthistorische Gegenstände, präkolumbische Mumien und Aufzeichnungen über indigene Völker aus 200 Jahren Sammelgeschichte des Museums vernichtet. Nur ein kleiner Teil der musealen Schätze – darunter das Herbarium und Teile der Wirbeltiersammlung sowie die Bibliothek – befanden sich in einem anderen Gebäude und entgingen dem Flammenmeer. Was das Feuer auslöste, ist noch unbekannt: Vermutungen reichen von einem Kurzschluss bis zu einer Himmelslaterne, die sich auf dem Dach verfing und deren Kerze dann das Inferno entfachte. Doch gleich, was die Ursachenforschung ergibt – dass es überhaupt zu dieser Katastrophe kam, lag vor allem an einer völligen Geringschätzung des Museums durch die städtische und nationale Politik Brasiliens.

Milliarden Euro wurden in den letzten Jahren für die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro ausgegeben – nicht nur für dringend notwendige Infrastrukturmaßnahmen, sondern auch für Sportstätten, die seitdem überwiegend nicht mehr genutzt werden und verfallen. Selbst das legendäre Maracana-Stadion – Schauplatz des WM-Finales – verrottet langsam und wird nicht einmal von einer der zahlreichen großen Mannschaften Rios genutzt. Für das Nationalmuseum gab es dagegen nicht einmal Brosamen. Die Wissenschaftlerin Ana Lucia Araujo twitterte, wie sich das Budget des Museums in den letzten Jahren entwickelte: Der ohnehin für eine derart bedeutende Sammlung niedrige Etat wurde immer wieder drastisch beschnitten. Der Vizedirektor des Museums Luiz Duarte beklagte sich nach dem Feuer, dass die Leitung mit verschiedenen Regierungen immer wieder intensiv über ein angemessenes Budget stritt, doch jedes Mal ohne Erfolg. Er sei am Boden zerstört und voller Zorn, so Duarte. Erst kurz vor dem Brand habe man eine Zusage der staatlichen Entwicklungsbank für einen Kredit zur Feuerprävention heraushandeln können.

Ein internationales Problem

Allein mit dem Finger auf Brasilien zeigen sollte jedoch niemand: Weltweit sind viele naturkundliche – und andere – Museen und Sammlungen in einem beklagenswerten Zustand. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch an den Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar 2004, bei dem 30 000 wertvolle Bücher zerstört wurden. 2016 brannte das Naturhistorische Museum von Delhi nieder, wobei unter anderem der Knochen eines 160 Millionen Jahre alten Dinosauriers verloren ging, der zu den größten bekannten Exemplaren dieser Tiere zählte. Selbst in reichen Ländern wie Deutschland führen viele zoologische oder botanische Sammlungen abseits der Glanzlichter wie dem Senckenberg in Frankfurt oder dem Museum für Naturkunde in Berlin ein Schattendasein mit zu kleinem Budget, aufbewahrt in oft nicht adäquaten Räumen und für die Öffentlichkeit kaum zugänglich.

Die Zoologische Staatssammlung in München hat (noch) kein richtiges eigenes Museum, weswegen die weltgrößte Schmetterlingskollektion für Besucher bislang nicht dauerhaft zu sehen ist. Erst jetzt macht sich der Freistaat Bayern daran, sie aufzuwerten – obwohl sie mit ihrer umfangreichen Sammlung keinen Vergleich mit den Naturkundemuseen in Berlin, Frankfurt, London oder New York scheuen müsste. Noch schlechter sieht es in Hamburg aus, wo das Zoologische Museum der Universität Hamburg in einem vor sich hingammelnden Betonbau mit viel zu kleiner Ausstellungsfläche untergebracht ist. Bisher konnte sich die Politik noch nicht dazu durchringen, 100 Millionen Euro für einen adäquaten Neubau auszugeben – die Elbphilharmonie hat am Ende 866 Millionen Euro gekostet (auch wenn man Naturwissenschaft und Kultur hier vielleicht nicht gegeneinander ausspielen sollte).

Der schändliche Umgang mit den Museen weltweit ist jedoch nur der offensichtlichste Aspekt, wie Artenvielfalt und die wissenschaftliche Arbeit daran missachtet werden. Weltweit werden kleinere biologische Sammlungen geschlossen und teilweise sogar vernichtet. Museen müssen mit weniger Kuratoren und Wissenschaftlern auskommen, welche mit den hinterlegten Arten arbeiten. Selbst Flaggschiffe wie das Field Museum in Chicago oder das National Museum of Natural History in New York sind davon betroffen. In den Universitäten setzt sich dieser Trend fort: Taxonomie wird zum Nischenthema, viele Absolventen verfügen nicht einmal mehr über elementare Bestimmungs- oder gar Artenkenntnisse.

All dies findet zu einer Zeit statt, in der sich die globale Biodiversität in der sechsten großen Aussterbewelle der Erdgeschichte befindet – und Arten oft verschwinden, bevor sie überhaupt identifiziert und benannt wurden. Ja, und?, mag vielleicht manch einer einwerfen. Artenvielfalt ist jedoch nicht nur für das Funktionieren wichtiger Ökosysteme wie Regenwälder oder Korallenriffe nötig: Wildpflanzen und -tiere tragen auch Gene, die Nutztiere und -pflanzen resistent gegen Schädlinge oder Krankheiten machen können. Oder sie beinhalten Wirkstoffe für Antibiotika und andere Medikamente, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ohne Taxonomen und museale Sammlungen wüssten wir vieles davon nicht. Sie durch Missachtung und Desinteresse zu verlieren, ist deshalb mehr als tragisch: Es ist eine internationale Schande.

36/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 36/2018

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