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Springers Einwürfe: Experimentelles Risiko

Mit den rapiden Fortschritten der synthetischen Biologie wächst die Wahrscheinlichkeit riskanter Nebenwirkungen. Freiheit und Sicherheit der Forschung stehen neu in Frage.
Eine Frau mit Schutzausrüstung im LaborLaden...

Jeder technische Prozess soll sein Ergebnis möglichst unfallfrei erreichen. Diesem Ziel der Betriebssicherheit (englisch: safety) dienen in Biolabors gewisse Standards, die nicht nur die Mitarbeiter schützen, sondern auch verhindern sollen, dass beispielsweise gentechnisch veränderte Organismen in die Umwelt gelangen.

Es gibt aber noch einen zweiten Sicherheitsaspekt, der im Englischen mit »security« bezeichnet wird. Während die »safety« Vorkehrungen gegen technisches oder menschliches Versagen bezweckt, soll die »security« den jeweiligen Betriebsablauf vor gezielten Vergehen schützen, etwa vor dem Missbrauch von Daten, Patenten und Substanzen.

Ein Bruch der »security« vollzieht sich nur ausnahmsweise als Raub sensibler Papiere aus einem Laborsafe bei Nacht und Nebel. Zentrale Errungenschaften biologischer Forschung sind über Veröffentlichungen in Fachzeitschriften allgemein zugänglich. Immer öfter entzündet sich vielmehr eine Sicherheitsdebatte an dem Verdacht, bestimmte Versuche würden zum Missbrauch geradezu einladen. Das war beispielsweise der Fall, als Wissenschaftler 2011 mit dem Erreger der Vogelgrippe experimentierten und es vorübergehend so aussah, als könnte eine Laborvariante des Virus H5N1 auch den Menschen befallen. Eine lebhafte Debatte entbrannte: Darf die Methode veröffentlicht werden? Was, wenn ein Bösewicht damit eine Biowaffe entwickelt?

Medizinethiker diskutieren das so genannte »Dual-use«-Problem in der Infektionsforschung: Lässt sich ein Resultat sowohl zur Krankheitsbekämpfung nutzen als auch zu terroristischen Zwecken missbrauchen?

Ein älteres, heute schon fast vergessenes Beispiel liefern die 2001 quer durch die USA verschickten und teils tödlichen Briefe mit dem bakteriellen Milzbranderreger. Sie wurden zunächst fälschlicherweise dem Irak zugeschrieben; tatsächlich entstammten sie einem US-Militärlabor.

Das alles mutet an wie aus einer anderen Zeit angesichts einer Viruspandemie, deren Erreger irgendwann Ende 2019 vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Das ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf einem Markt geschehen, doch Spekulationen über einen Ursprung in einem Labor, das mit seiner Arbeit just einer möglichen Pandemie vorzubeugen suchte, halten sich hartnäckig.

Kurz davor, im Juli 2019, organisierte Sam Weiss Evans, ein Spezialist für Technikfolgenabschätzung von der Harvard University, einen Workshop an der University of Cambridge zum Thema Biosicherheit. In einem daraus hervorgegangenen Artikel vertreten er und seine Koautoren die These, das Feld der synthetischen Biologie bewege sich so schnell vorwärts, dass noch so aktuelle Sicherheitsüberlegungen immer zu spät zu kommen drohen. Die einzige Chance sei ein experimenteller Ansatz, der alle möglichen Sicherheitsstrategien vergleicht und auf einer Metaebene diskutiert (Science 368, S. 138–140, 2020).

Der Ausgangspunkt solcher Überlegungen ist die Stiftung International Genetically Engineered Machine (iGEM), die jährlich einen weltweiten Wettbewerb von Studenten und universitärem Mittelbau – auch aus mehreren deutschen Universitäten – um besonders innovative Ideen zur synthetischen Biologie auslobt. Zunehmend geht es iGEM auch um Methoden der einschlägigen »safety« und »security«. Die Veranstalter scheuen nicht einmal den Kontakt zur US-Bundespolizei FBI, die auf diese Weise das dringend nötige Knowhow für ihre »Biological Countermeasures Unit« auf den neuesten Stand bringen möchte. Unstrittig bleibt: Die besten Sicherheitskontrolleure der Bioforschung sind die Forscher selbst.

Juni 2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Juni 2020

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