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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte einer tödlichen Zuckerflut

In Boston wohnten die verarmten Einwanderer dicht an der Industrie. Umso verheerender traf sie eine Flutwelle, die nur auf den ersten Blick ulkig wirkt, erzählen unsere Kolumnisten Hemmer und Meßner.
Standort des Tanks nach dem Unglück

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im September 1915. Im Bostoner Stadtteil North End wird ein Tank gebaut, der nach seiner Fertigstellung fast neun Millionen Liter fassen wird. Die Zeit drängt, denn schon Mitte Dezember erwarten die Erbauer die erste Lieferung des für den Tank vorgesehenen Inhalts: Melasse.

Der zähe Zuckersirup kommt über Kuba und Puerto Rico und wird dringend benötigt. Nicht etwa, um verspeist zu werden. Nein, das Unternehmen Purity Distilling, das die Melasse bestellt hat, will daraus Alkohol produzieren. Und diesen wiederum nicht, damit er getrunken wird, sondern um der Waffenindustrie der USA und ihrer Verbündeten einen dringend benötigten Rohstoff zu liefern. Denn auf der anderen Seite des Atlantiks herrscht Krieg.

Und tatsächlich gelingt es den Konstrukteuren, den Tank rechtzeitig für seine erste Füllung fertig zu stellen. Doch die Hast, in der er gebaut wird, soll sich einige Jahre später rächen.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« auf ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Bis dahin wird er ausgiebig verwendet. Seine Betreiberin heißt inzwischen United States Industrial Alcohol Company (USIA) und produziert auf Hochtouren. Anfang 1919 ist bereits absehbar, dass die Prohibition den Alkoholabsatz empfindlich einbrechen lassen wird. Die Übergangsfrist von einem Jahr will man nach Kräften nutzen. Den Bedenken, die Statiker bezüglich der Stabilität des Tanks äußern, schenkt man genauso wenig Gehör wie dem Ächzen und Stöhnen, das aus dem fünf Stockwerke hohen Rundbau dringt, wenn er befüllt wird.

Sein Standort ist strategisch klug gewählt: Das North End verfügt über einen Hafen, der von zentraler Bedeutung für die gesamte Stadt ist. Einst lag hier die Keimzelle Bostons, im Amerikanischen Bürgerkrieg war der Hafen Dreh- und Angelpunkt, jetzt aber, im Jahr 1919, ist North End eines der bevölkerungsreichsten Slums der Stadt.

Im North End wird gebaut, wo Platz ist

Prägten bis in die 1880er Jahre irische Emigrantinnen und Emigranten die Einwohnerschaft, sind es nach dem Ersten Weltkrieg Menschen aus Italien, die sich hier ihren Wohnort mit den Bauten der Industrie und Schifffahrt teilen müssen. Für ihre Belange interessiert sich kaum jemand. Das nicht einmal einen Quadratkilometer große Areal wird vollständig überbaut, die Bevölkerungsdichte wächst immer weiter. Und allein schon die oft fehlenden Sprachkenntnisse sorgen dafür, dass sich kaum einer aus dieser prekären Wohnsituation befreien kann.

Am 15. Januar des Jahres 1919 schließlich erweist sich das Nebeneinander von Wohn- und Industriegebäuden als fatal.

Tags zuvor ist eine weitere Lieferung Melasse eingetroffen. Über 2200 Kubikmeter wurden über einen Zeitraum von knapp 24 Stunden in den Tank gefüllt. Nun ist er bis an den Rand gefüllt, wie schon einige Male zuvor.

Der Tank reißt auf

Doch diesmal hält er nicht stand. Um 12.30 Uhr birst der Tank, und der gesamte Inhalt ergießt sich in einer annähernd neun Meter hohen Flutwelle über das North End. Durch den Druck der Explosion losgelöste Nieten schießen wie Kugeln durch die Luft, Teile der zerborstenen Stahlkonstruktion werden dutzende Meter weit geschleudert.

Umliegende Gebäude reißt der Schwall einfach weg, ein Spritzenhaus der Feuerwehr wird aus dem Fundament gehoben und beinahe in den Hafen gespült. Die Melasse zerquetscht Lastwagen, Pferdegespanne und Autos. Gebäude, die der Welle widerstehen, verlieren ihre Fensterscheiben, Mauern brechen in sich zusammen. Ein tödlicher Mix aus Melasse, Autowracks, Möbeln, Bierfässern schwappt nun über die angrenzende Commercial Street. In deren Mitte verläuft eine Hochbahn. Die Ständer aus massivem Stahl knicken weg, die Woge bringt um ein Haar einen Waggon zum Entgleisen.

Vor allem aber sind unter der klebrigen Masse auch Menschen begraben. Matrosen eines im Hafen gedockten Kriegsschiffs, der USS Nantucket, sind als Erste vor Ort. Sie versuchen verzweifelt, Menschen zu bergen, doch die Rettungsarbeiten gestalten sich außergewöhnlich schwierig. In der Nähe des geborstenen Tanks bildet die Melasse eine brusthohe Schicht, in den Wohngebieten reicht sie immerhin noch bis zur Hüfte. Vor allem: Der Zuckersaft erkaltet schnell und wird dadurch so zäh, dass sich die Eingeschlossenen nicht befreien können und ersticken. Auch die Retter durchdringen ihn nur mit größter Schwierigkeit. 21 Menschen sterben, mehr als 150 tragen Verletzungen davon.

Bereits kurz nach dem Unglück beginnt die Suche nach einem Schuldigen. Die United States Industrial Alcohol Company versucht die Schuld auf Anarchistinnen und Anarchisten zu schieben. Anfang des 20. Jahrhunderts ist das in den Vereinigten Staaten kein so abwegiger Gedanke. Noch im selben Jahr werden Anhänger des italienischen Anarchisten Luigi Galleani mehrere Bomben zünden.

Gärungsgase und Konstruktionsmängel lösten die Katastrophe aus

Auch in der Presse wird die Ursache heftig diskutiert. Experten wie der staatliche Chemiker Walter Wedger und der US-Inspekteur für Sprengstoffe Daniel O'Connell kommen jedoch bald überein, dass ein Anschlag als sehr unwahrscheinlich gelten kann. Das bestätigt sich auch im Zuge einer Sammelklage gegen die USIA. Keine Bombe, sondern eine fahrlässige Konstruktion des Tanks und die damit einhergehende Überlastung sind der Grund für das Unglück. Ungewöhnlich warmes Winterwetter, einsetzende Gärung und die Bildung von Gasen hatten den Innendruck zu stark erhöht.

Wie Stephen Puelo in seinem Buch »Dark Tide« ausführt, werden während des beinahe sechs Jahre andauernden Prozesses 921 Zeugen und Zeuginnen befragt, das Transkript der Aussagen umfasst 25 000 Seiten. Im Jahr 1925 wird die USIA zu Geldzahlungen an die Hinterbliebenen und Geschädigten des Unglücks verurteilt.

Heute befindet sich auf dem Areal, in dem am 15. Januar 1919 über 20 Personen ihr schreckliches Ende fanden, der Langone Park. Manchmal, so heißt es, soll der Geruch der süßen Melasse noch mit dem Wind des Charles River über den Park wehen.

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