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Freistetters Formelwelt: Humboldts Erbe

Alexander von Humboldt gehört zu den größten Gelehrten aller Zeiten. Seine Forschungen wirken bis heute nach. Das belegt eine einfache Formel.
Alexander von HumboldtLaden...

Vor 250 Jahren, am 14. September 1769, wurde Alexander von Humboldt geboren. Und es ist eigentlich unverständlich, dass dieser Naturforscher heute nicht mehr so prominent ist, wie er es zu seinen Lebzeiten war. Selbst 1869 noch, als sein hundertster Geburtstag begangen wurde, beteiligten sich daran hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt. 25 000 Menschen versammelten sich im Central Park von New York, um der Enthüllung einer Humboldt-Büste zuzusehen; in Pittsburgh gedachte der US-amerikanische Präsident Ulysses Grant gemeinsam mit 10 000 anderen Besuchern bei einer Humboldt-Feier dem deutschen Forscher. In Ägypten gab es Festakte mit Feuerwerk, in Australien, Argentinien, Mexiko und Russland fanden Paraden und Veranstaltungen statt. In Berlin kamen 80 000 Menschen, um an einer Feier zu Humboldts Ehren teilzunehmen.

So eine Reaktion auf das Leben eines Naturwissenschaftlers kann man sich heute kaum noch vorstellen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir die Forschung von Humboldt mittlerweile so sehr verinnerlicht haben, dass wir gar nicht mehr merken, wie revolutionär sie war. Das sieht man auch sehr gut an dieser Formel:

T = const.

»T« ist die Temperatur, und die Formel besagt, dass sie konstant ist. Das ist sie natürlich normalerweise nicht: Sie ändert sich im Lauf eines Tages und von Ort zu Ort – oder je nachdem, ob man sie in einer Wüste oder einem Wald misst oder auf einem hohen Berg. Humboldts Verdienst lag nun unter anderem darin, dass er den Menschen einen viel umfassenderen Blick auf die Welt lieferte. Bei seinen Reisen durch Nord- und Südamerika, Europa und Asien untersuchte er alles: Er vermaß die Berge und Flüsse, erforschte Vulkane, Erdbeben und beobachtete die Sterne am Himmel. Er katalogisierte Pflanzen, Tiere, maß Temperatur, Luftdruck und legte meteorologische Aufzeichnungen an. Er beschäftigte sich mit den Sprachen der Völker, auf die er traf, mit ihrer Kultur, ihrer Landwirtschaft und dem politischen System der Länder, durch die er reiste.

Alexander von Humboldts Blick auf die Welt war ebenso mikroskopisch wie global. Und er zeigte, dass das eine ohne das anderen sinnlos ist. Alle Dinge hängen miteinander zusammen; selbst die kleinsten Lebewesen können globale Phänomene beeinflussen – und umgekehrt. Was Humboldt entwickelte, war im Wesentlichen die Wissenschaft, die wir heute Ökologie nennen.

Will man die Gesetze der Natur entdecken, muss man zuerst erkennen, was die Norm ist und was die Abweichungen davon. Humboldt versuchte daher, die Vielfalt der Messungen mathematisch zu mitteln und zu sortieren; er teilte die Welt in Klimazonen ein, und so entstand auch seine berühmte Karte der Anden. Sie zeigt, dass sich Vegetation und Klima nicht nur entlang der geografischen Breite, sondern auch durch die Höhe ändern. Daraus entwickelte er die Karte der »Isothermen«, also die Linien gleicher Temperatur, die er erstmals zeichnete – definiert durch obige Formel. Die konkrete Temperatur mag ständig schwanken, aber wenn man die durchschnittlichen Werte aufzeichnet und geografisch verbindet, bekommt man einen völlig neuen Blick auf die Eigenschaften der Atmosphäre.

Isothermen sind uns heute von den Karten im täglichen Wetterbericht vertraut, ebenso wie viele andere von Humboldts Erkenntnissen. Sie mögen unscheinbar wirken – aber das tun sie nur, weil sie unser Leben und Denken mittlerweile so massiv durchdrungen haben. »Alles ist Wechselwirkung«, schrieb Humboldt 1803. In einer Welt, die heute von Klimawandel, Artensterben und anderen ökologischen Katastrophen bedroht wird, ist diese Erkenntnis kein bisschen weniger aktuell, als sie es zu seinen Zeiten war.

28/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 28/2019

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