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Mäders Moralfragen

Komatös in der Matrix

Die Arbeit an künstlichen Mini-Gehirnen macht Fortschritte. Eine Forschergruppe schlägt nun vor, die kleinen Organe unter Narkose zu setzen, bevor sie anfangen zu denken.
Fluoreszenzmikroskopische Aufnahme eines Minihirns

Mit dem Begriff der Künstlichen Intelligenz kann man pragmatisch umgehen, denn es hängt nichts davon ab, ob ein Computer wirklich schlau ist oder es nur zu sein scheint. Der Fraunhofer-Forscher Oliver Niggemann aus Lemgo definiert den Begriff der KI daher so: Eine Maschine verhält sich intelligent, wenn sie etwas tut, das man bei einem Menschen intelligent nennen würde.

Mit dem Bewusstsein geht das jedoch nicht. Hier reicht es nicht zu sagen, dass eine Maschine über Bewusstsein verfügt, wenn sie den Eindruck erweckt, als habe sie eins. Wir würden wissen wollen, ob sie tatsächlich über eins verfügt. Schließlich ist damit eine zusätzliche Qualität unseres Seelenlebens verbunden: Wenn wir uns einer Sache bewusst werden, dann nehmen wir nicht nur Informationen auf, sondern wir fühlen sie irgendwie auch.

Am deutlichsten wird das beim Schmerz: Er sagt uns nicht nur, dass etwas mit unserem Körper nicht in Ordnung ist, sondern er tut auch weh. Daher macht es für uns einen Unterschied, ob »nur« die Schmerzrezeptoren eines Lebewesens angeregt werden oder ob es tatsächlich Schmerzen hat. Bei Tieren fragen wir, wie empfindsam sie sind, und leiten daraus Regeln für den Tierschutz ab (wenn auch nicht immer konsequent genug).

Blinde und taube Gehirne im Tank

In einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin »Nature« warnen nun 17 Neurowissenschaftler, dass sich diese Frage erneut und in verschärfter Form stelle, weil Tieren nun menschliches Hirngewebe transplantiert werden kann. Ein Beispiel dafür gibt eine andere Forschergruppe im Fachjournal »Nature Biotechnology«: Sie hat linsengroße menschliche Hirn-Organoide in erwachsene Mäuse verpflanzt, um zu prüfen, ob sie dort Blutgefäße ausbilden, die das Gewebe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Das Experiment funktionierte.

Vor sechs Jahren hat Jürgen Knoblich vom Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien mit seiner Mitarbeiterin Madeline Lancaster die ersten menschlichen Hirn-Organoide vorgestellt, die sie aus Stammzellen gezüchtet hatten. Sie waren nur einige Millimeter groß und bestanden aus einer Million oder zwei Millionen Nervenzellen. Sie waren nicht mit Sinnesorganen verbunden und konnten daher keine Informationen verarbeiten. Es weiß auch niemand, wie man diese Organoide an einen Computer anschließen könnte. Das Besondere an ihnen war, dass sich die Zellen selbst zu dem Gewebe organisierten. Allerdings ordneten sie sich nicht so an wie im echten Gehirn, und es fehlten auch einige Komponenten – vor allem die Blutgefäße.

Inzwischen, so die Autoren des »Nature«-Kommentars, habe die Forschung Fortschritte gemacht und es seien weitere zu erwarten. Das Ziel der Entwicklung von Organoiden ist, zu Versuchszwecken ein realistisches Modell des Gehirns herzustellen. Daran könnte man nicht zuletzt die Entstehungen neurologischer Erkrankungen studieren. Doch was, wenn das das Modell dem echten Vorbild zu ähnlich wird? Dann müsse vielleicht ein Anästhesist die Organoide ins Koma versetzen, schlagen die Autoren vor.

Weniger komplex als ein Fliegenhirn

In einem Vortrag in Heidelberg im vergangenen Jahr hat sich Jürgen Knoblich, der nicht zu den Autoren des Kommentars zählt, gegen diese Vorstellung verwahrt: »In meinem Brutschrank wird nichts anfangen zu denken«, sagte er damals. Selbst von der Komplexität eines Fliegenhirns sei man weit entfernt. Bei Epilepsie-Patienten würden manchmal Teile des Gehirns herausgeschnitten, die größer seien als seine Organoide.

Andere Sorgen teilt Knoblich jedoch mit den »Nature«-Kommentatoren: zum Beispiel die ungeklärte Frage, wem die Mini-Gehirne gehören. Nicht nur sei offen, welche Beziehung Stammzellspender zu ihren Hirn-Organoiden haben, schrieb Knoblich mit Kollegen im vergangenen Jahr in einem eigenen Kommentar im Wissenschaftsmagazin »Science«. Die Organoide könnten in der Pharmaindustrie auch zum Testen von Medikamenten genutzt werden und so Gewinne erwirtschaften. Werden die Spender daran beteiligt?

Die Autoren beider Kommentare empfehlen nicht nur eine allgemeine ethische Debatte, sondern richten ihre Forderungen an konkrete Adressaten: vor allem an die Ethikkommissionen in der Medizin, an die Finanziers der Forschung und an die Politik, die den gesellschaftlichen Diskurs organisieren sollte. In Deutschland müsste wohl der Bundestag entscheiden, nachdem sich Gremien wie der Deutsche Ethikrat geäußert haben.

Vor sieben Jahren, also vor der Präsentation der ersten menschlichen Hirn-Organoide, hat sich übrigens der Ethikrat zur Frage geäußert, ob man menschliche Nervenzellen oder Stammzellen in das Gehirn von Mäusen und Ratten injizieren dürfe. Damals hielt er das unter Umständen für statthaft, weil er davon ausging, dass das Tier dadurch ein Tier bleiben werde. Diese Prämisse ist aber inzwischen umstritten.

Die Moral von der Geschichte: Künstliche Organe aus menschlichen Stammzellen werfen ethische Fragen auf, doch die Frage nach dem denkenden Gehirn in der Petrischale ist nicht die drängendste.

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