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Sommerzeit: Wir brauchen eine rationale Diskussion

Die Einführung einer permanenten Sommerzeit in Deutschland wäre ein riskanter Versuch, kommentiert Michaela Maya-Mrschtik.
Schlaflos obwohl Nacht? Dann ist die innere Uhr verstellt.

Die Mitteleuropäische »Normalzeit« ist in Gefahr: Dieses Wochenende könnte das letzte sein, an denen die Deutschen ihre Uhren eine Stunde zurückdrehen. In einer im Sommer durchgeführten EU-Umfrage haben sich nämlich 84 Prozent der insgesamt 4,6 Millionen Teilnehmer gegen den saisonalen Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit ausgesprochen. Die Mehrheit von ihnen gab an, stattdessen die »ewige Sommerzeit« zu bevorzugen. Jean-Claude Juncker, der Präsident der Europäischen Kommission, verkündete am 31. August, sich diesem Wunsch beugen zu wollen. Die EU-weit gültige Sommerzeitrichtlinie wackelt also. Fällt sie, könnten EU-Staaten bereits 2019 einzeln entscheiden, ob sie die Winterzeit tatsächlich ad acta legen. Dass dies aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig wäre und den Bürgern langfristig schaden könnte, scheint hier zu Lande nur wenige zu stören.

So warnte Till Roenneberg, führender Experte zum Thema Chronobiologie in Deutschland, kurz nach der Entscheidung eindrücklich vor den möglichen Folgen: »Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger«, wird der Forscher von der »dpa« zitiert. Weshalb? Weil wir im Winter eine Stunde früher aus den Federn müssten als sonst. Das bedeutet auch, noch öfter im Dunkeln aufzustehen und den Weg zu Schule, Uni oder Arbeit vor der Morgendämmerung hinter sich zu bringen. Schüler und Studenten, die auf Grund ihres Chronotyps – dem Rhythmus, der ihrem natürlichen Schlaf-wach-Zyklus entspricht – eher zu den Spätaufstehern zählen, könnte das besonders stark belasten. Ihre Leistungen in Schule und Uni würden mitunter leiden; ganz abgesehen von den Nerven der Eltern, die ihre Kinder noch früher zum Unterricht schicken müssten. Dem Rest von uns könnten die fehlenden Sonnenstrahlen morgens das Aufstehen erschweren und damit das allgemeine Müdigkeitsgefühl erhöhen sowie die Symptome von Winterdepressionen verschärfen.

So weit die Theorie. Die Auswirkungen einer solchen Änderung sind allerdings aus wissenschaftlicher Sicht überraschend schwer abzuschätzen. Fakt ist, dass es nur wenige verlässliche Studien zum Thema gibt und dass diese vor allem Kurzzeiteffekte untersucht haben. Ein häufiges Argument gegen die Zeitumstellung ist die eines möglichen »sozialen Jetlags«. Dieser entsteht, weil wir bei der Zeitumstellung unsere innere Uhr nicht einfach eine Stunde vor- oder zurückdrehen können – sie orientiert sich nämlich an den Lichtbedingungen unserer Umwelt und bestimmt anhand der Signale, wann wir müde und wann wir wach sind. Im Sommer leben wir sozusagen in einer für unseren Körper »falschen« Zeitzone. Das hat zwar mitunter negative Auswirkungen, diese werden aber oft überbewertet. Einige Studien deuten an, dass die Zeitumstellung im Frühling – wenn die Uhren eine Stunde nach vorne gedreht werden – das Wohlempfinden mancher Personen negativ beeinflusst. Allerdings klingen Beschwerden in der Regel auch schnell wieder ab. Die meisten Menschen brauchen nur ein paar Tage, um sich auf die neue Zeit einzustellen. Bei der Anpassung im Herbst gibt es bislang überhaupt keine Belege für negative Effekte.

Ursprünglich wurde die Sommerzeit im Ersten Weltkrieg von Deutschland als Energiesparmaßnahme eingeführt. Umfangreiche Untersuchungen haben seither gezeigt, dass sie tatsächlich nur minimal Strom einspart. Man könnte also behaupten, die Zeitumstellung erfülle nicht wirklich ihren Zweck. Das stimmt. Doch wenn wir schon auf eine einheitliche Zeit bestehen wollen, dann doch bitte die ursprüngliche Standardzeit, also die Winterzeit, die sich am Höchststand der Sonne orientiert. In Japan, zum Beispiel, gibt es keine Sommerzeit. Menschen leben dort ganzjährig in der Zeitzone, die ihrer biologischen Uhr am ehesten entspricht. Mittag ist in etwa dann, wenn die Sonne am höchsten steht – in Osaka ist der höchste Sonnenstand je nach Jahreszeit zwischen 11:42 und 12:12 Uhr erreicht.

Mit der Sommerzeit steht die Sonne nicht mehr mittags, sondern erst eine Stunde später im Zenit. Sowohl Sonnenaufgang als auch -untergang verschieben wir im Sommer also künstlich nach hinten – und genießen deshalb eine zusätzliche Sonnenstunde am Abend. Darauf zu verzichten hätte wohl nur geringe gesundheitliche Folgen. Bei permanenter Sommerzeit könnte man Gleiches nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht so einfach behaupten.

Beim Thema Zeitumstellung kochen die Gemüter in Deutschland immer wieder hoch – das zeigt sich auch darin, dass etwa zwei Drittel der Stimmen der EU-Umfrage von deutschen Computern gesendet wurden. Das deutet an, dass die Zeitumstellung anderen EU-Bürgern wahrscheinlich nicht so nahegeht, wie uns. Und das, obwohl manche Staaten durchaus mehr Grund zur Beschwerde hätten: Menschen in Spanien leben eigentlich in der falschen Zeitzone, denn die Sonne steht in Madrid im Sommer erst nach 14:00 Uhr im Zenit. Spanier essen und schlafen also nicht so spät, wie wir oft meinen; ihre biologischen Uhren sind nur äußerst schlecht mit der vorgegebenen Uhrzeit synchronisiert.

Sollte die Änderung nun wie von Juncker angekündigt kommen, könnte Europa zu einem unübersichtlichen Flickenteppich aus verschiedenen Zeitzonen – manche mit und manche ohne Sommer- oder Winterzeit – werden. Österreich wäre vielleicht im Winter, aber nicht im Sommer, in der gleichen Zeitzone wie Deutschland, und in Italien könnte es wieder anders aussehen. Welche Folgen das auf die Wirtschaft und die immer stärker globalisierte Arbeitswelt hätte, war bisher dennoch kaum Thema.

Es würde uns also guttun, unsere Emotionen zum Thema zurückzunehmen. Das kommende Jahr sollten wir vielmehr dazu nutzen, uns rational mit dem Für und Wider der verschiedenen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Vielleicht sieht die Entscheidung dann im Frühling bereits ganz anders aus.

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