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Bedrohte Weltgesundheit: Altersdiabetes - eine weltumspannende Epidemie



Alterszucker heißt die Erkrankung im Volksmund und als ebenso "altersbedingt" harmlos haben viele Betroffene und Ärzte sie bislang betrachtet. Diabetes mellitus vom Typ 2, so der wissenschaftliche Name, diagnostizierten Mediziner bislang am häufigsten bei Menschen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Mittlerweile tritt der vermeintliche Alterszucker immer öfter bereits vor dem 40. Lebensjahr auf, mitunter sogar schon im Kindes- und Jugendalter.

Diese erstaunliche "Verjüngung" beobachten Epidemiologen rund um den Globus, selbst in der Dritten Welt. Besonders drastisch zeigt sie sich in Japan, wo der "Alterszucker" mittlerweile die häufigste Diabetesform bei Kindern ist. Weltweit hat der Typ 2 in den letzten beiden Jahrzehnten dramatisch zugenommen – Tendenz weiter steigend, sodass Fachleute mittlerweile von einer regelrechten Diabetes-Epidemie sprechen.

"Diabetes mellitus wurde lange Zeit als Krankheit mit geringer Bedeutung für die Weltgesundheit angesehen," schrieben australische und britische Diabetesforscher kürzlich in der Fachzeitschrift Nature: "Heute nimmt er einen der vorderen Plätze in der Rangliste der größten Gesundheitsbedrohungen des 21. Jahrhunderts ein." Die Wissenschaftler rechnen damit, dass die Anzahl der Diabetiker bis zum Jahr 2025 auf 300 Millionen wächst.

Der Grund für diese bedrohliche Entwicklung ist, dass sich immer mehr Menschen zu üppig ernähren und zu wenig bewegen. Denn Bewegungsmangel und Übergewicht sind die beiden wichtigsten Risikofaktoren, die einen Diabetes vom Typ 2 ausbrechen lassen, wenn eine erbliche Veranlagung dafür besteht: Die "überfütterten" Körperzellen sprechen nicht mehr gut auf Insulin an; diese Insulin-Resistenz versucht der Körper durch Überproduktion des Hormons zu überwinden, bis die Inselzellen versagen.

Veranlagungen spielen hier wesentlich stärker mit als beim Typ 1. Die Wahrscheinlichkeit, als Erwachsener an Typ-2-Diabetes zu erkranken, liegt bei vierzig Prozent, wenn ein Elternteil schon daran leidet; sogar bei sechzig Prozent, wenn beide Eltern betroffen sind. Schätzungs-weise jeder Vierte in Deutschland trägt eine erbliche Veranlagung, und etliche Menschen haben bereits "Alterszucker", ohne es zu merken.

An der zweiten Hauptform, dem so genannten Jugend- oder Typ-1-Diabetes, leiden weltweit nur fünf bis zehn Prozent aller Diabetes-Patienten. Anders als beim Typ 2 ist das Körpergewicht in der Regel normal, und Lebensstilfaktoren wie übermäßiges Essen oder mangelnde Bewegung haben keinen Einfluss.

Diabetes vom Typ 1 muss von Anfang an mit Insulin behandelt werden – sonst verläuft die Erkrankung schnell tödlich. Typ-2-Diabetiker haben dagegen vieles selbst in der Hand. Im Vordergrund steht das Abnehmen; es gilt, die Ernährung umzustellen und sich mehr zu bewegen. Mit einer gesünderen Lebensweise allein können viele Typ-2-Diabetiker ihren gestörten Stoffwechsel bereits wieder normalisieren. Reicht dies nicht, verordnen die Ärzte Tabletten – so genannte orale Antidiabetika. Erst an dritter Stelle steht eine Insulin-Therapie, entweder kombiniert mit oralen Antidiabetika oder allein.

Die Wissenschaftler arbeiten derzeit an Programmen und Studien, um die anrollende Welle an Typ-2-Diabetes zurückzudrängen. Ihnen ist es beispiels-weise gelungen, anhand der Stoffwechsellage zu erkennen, ob sich mit großer Wahrscheinlichkeit ein Typ-2-Diabetes anbahnt. Die Betroffenen haben, wenn sie viel Süßes auf einmal essen, einen erhöhten Blutzuckerspiegel, der zwischen den normalen und den bei Diabetikern gemessenen Werten liegt. Etwa vierzig Prozent dieser weltweit schätzungsweise 200 Millionen Risikopatienten entwickeln innerhalb von fünf bis zehn Jahren einen Diabetes vom Typ 2.

Bei einer kürzlich abgeschlossenen amerikanischen Studie (Diabetes Prevention Program) konnte die Erkrankungswahrscheinlichkeit dieser Hochrisikopatienten durch Diät und regelmäßigen Sport um nahezu sechzig Prozent gesenkt werden. Das bewährte orale Antidiabetikum Metformin reduzierte, vorbeugend eingenommen, das Risiko um rund dreißig Prozent. Das Mittel hat vielfältige Wirkungen, unter anderem verringert es die Resistenz gegen Insulin. Dadurch nehmen die Körperzellen mehr Zucker auf, sodass der Blutzuckerspiegel sinkt. Derzeit prüfen die Wissenschaftler, ob auch andere direkt oder indirekt blutzuckersenkenden Medikamente den Ausbruch der Erkrankung verhindern oder zumindest verzögern könnten.

Eine neue, noch nicht zugelassene Gruppe von Antidiabetika sind die so genannten Insulin-Sensitizer. Solche Mittel fördern die Aufnahme von Zucker in Muskel- und Fettgewebe, ohne dass der Körper mehr Insulin braucht. Entwickelt werden zudem inhalierbare Insuline, um die lästigen Injektionen zu reduzieren.

Der "Alterszucker" und seine Begleit-erscheinungen, so betonen Experten, müsse von Ärzten und Patienten genauso ernst genommen werden wie der Typ-1-Diabetes, drohen doch bei später, inkonsequenter Behandlung schwere Folge-erkrankungen. Weitere Risikofaktoren wie Bluthochdruck und zu hoher Cholesterin-Spiegel gilt es ebenfalls konsequent anzugehen.

Bei allen notwendigen und berechtigten Maßnahmen, den Typ-2-Diabetes und seine epidemischen Ausmaße zu bekämpfen, dürfe eines nicht vergessen werden, so die Nature-Autoren: Dieser Typ sei nur das Symptom eines viel größeren und grundsätzlicheren Problems – dass Veränderungen der Umwelt und im Lebensstil sich immer bedenklicher auf die menschliche Gesundheit auswirken.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002, Seite 65
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002

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