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Evolutionstheorie: Darwins Einfluss auf das moderne Weltbild

Für unsere Sicht der Welt war Charles Darwin wichtiger als andere maßgebliche Wissenschaftler. Mit seiner Evolutionstheorie lässt sich die Entwicklung des Lebens durch natürliche Phänomene erklären.


Unser heutiges Weltbild sieht in vielem völlig anders aus als das der Menschen zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Besonders unsere eigene Stellung in dieser Welt begreifen wir heute anders. Auf welche geistigen Leistungen geht dieser revolutionäre Wandel des Zeitgeistes zurück? Gewöhnlich fallen bei dieser Frage die Namen Karl Marx, Sigmund Freud, Albert Einstein – und Gegenstimmen dazu. Als der Einstein-Biograf Abraham Pais schrieb, Einsteins Theorien hätten "die Art des Denkens moderner Männer und Frauen hinsichtlich der Phänomene der unbelebten Natur grundlegend verändert", setzte er sogleich hinzu: "Man sollte wohl besser ‚moderne Wissenschaftler‘ sagen." Denn Einsteins revolutionäre Theorien können nur Menschen wirklich etwas bedeuten, die in physikalischem Denken und mathematischer Methodik geschult sind. Das gilt generell für die bahnbrechenden Theorien der modernen Physik. Die Weltsicht des Durchschnittsmenschen beeinflussen diese Vorstellungen eher wenig.

Biologische Konzepte haben einen völlig anderen Rang. Viele neue Ideen der Biologie in den letzten 150 Jahren widersprachen krass bisherigen Anschauungen. Anerkennung konnten sie deswegen nur durch eine ideologische Revolution finden. Kein Biologe aber hat das Weltbild auch einfacher Menschen in mehr Bereichen – und drastischer – umgekehrt als Charles Darwin.

Die Leistung Darwins war außerordentlich umfassend und vielschichtig. Ich halte es für zweckmäßig, drei Bereiche zu unterscheiden, zu denen Darwin maßgeblich beitrug: Das sind außer der Evolutionsbiologie die Wissenschaftsphilosophie und der moderne Zeitgeist. Zwar soll dieser Artikel hauptsächlich dem dritten Aspekt gelten. Doch der Vollständigkeit halber will ich zuvor kurz umreißen, was Darwin zu den beiden anderen Feldern beitrug.

Mit der Evolutionsbiologie begründete Darwin innerhalb der Wissenschaften vom Leben einen neuen Zweig. Vor allem vier Aussagen in Darwins Evolutionstheorie erscheinen mir besonders wichtig, weil sie über die Biologie hinaus wirkten.

- Biologische Arten verändern sich – das, was wir heute unter Evolution verstehen.

- Evolutionslinien zweigen sich auf – was zugleich bedeutet, dass alles Leben der Erde auf einen einzigen gemeinsamen Ursprung zurückgeht.

Bis Darwin 1859 seine Evolutionstheorie veröffentlichte, wurde die Evolution der Lebewesen, so auch bei Lamarck, als eine lineare Weiterentwicklung in Richtung zunehmender Vollständigkeit betrachtet. (Der französische Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck, der von 1744 bis 1829 lebte, postulierte als Evolutionsmechanismus eine Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften und damit gerichtete Veränderungen; Red.) Diese teleologische Weltanschauung zieht sich seit Aristoteles und dessen "Stufenleiter des Lebendigen" (neulateinisch scala naturae) durch die Kulturgeschichte.

- Die Evolution verläuft graduell, in kleinen Schritten, ohne Riesensprünge oder gar Brüche.

- Der entscheidende Mechanismus, mit dem die Evolution operiert, ist die "natürliche Selektion" ("natürliche Auslese").

Diese vier neuen Sichtweisen Darwins bildeten den Grundstein für eine Philosophie der Biologie, eine neue Richtung innerhalb der Wissenschaftsphilosophie. Auch wenn dieser Zweig erst hundert Jahre später voll ausreifte, basiert er in seiner heutigen Gestalt auf darwinschem Gedankengut. Beispielsweise brachte Darwin Geschichtlichkeit (Historizität) in die Naturwissenschaft. Anders als Physik und Chemie ist die Evolutionsbiologie eine in historischen Zusammenhängen denkende Wissenschaft. Das vergangene biologische Geschehen lässt sich allein mit den "harten" Naturgesetzen nicht erklären und auch nicht mit Experimenten nachprüfen. Stattdessen erstellen die Evolutionsforscher einzelne Geschichten zu historischen Abläufen. Sie rekonstruieren für jeden Einzelfall Szenarien, wie sich die erklärungsbedürftigen Ereignisse abgespielt haben könnten.

Zum plötzlichen Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit zum Beispiel waren früher drei alternative Szenarien im Gespräch: eine verheerende Epidemie; ein katastrophaler Klimawechsel; oder aber der Einschlag eines Asteroiden auf der Erde. Die ersten beiden Erklärungsversuche gelten im Grunde heute als widerlegt, denn die Datenlage lässt sich mit ihnen einfach nicht vereinbaren. Alle bekannten Tatsachen passen dagegen zum Einschlag eines Himmelskörpers. Diese These ist denn auch inzwischen weitgehend akzeptiert. Wie dieser Fall zeigt, lassen sich die Szenarien durchaus wissenschaftlich prüfen. Und das wiederum heißt, dass die tiefe Kluft zwischen den natur- und den geisteswissenschaftlichen Fächern im Grunde gar nicht existiert – die Kluft zwischen den "zwei Kulturen", die auch den englischen Physiker und Schriftsteller Charles Percy Snow (1905–1980) bewegte. Denn dank ihrer besonderen Methodologie und weil sie den Zeitfaktor einbezieht, somit Wandlungen zulässt, überbrückt die Evolutionsbiologie diesen Graben.

Allein die Entdeckung der natürlichen Auslese bedeutete einen außerordentlichen philosophischen Fortschritt – die gleichzeitig unabhängig von Darwin auch der britische Forscher Alfred Russel Wallace (1823–1913) machte. (Ein Entwurf von Wallace veranlasste Darwin, seine Evolutionstheorie endlich zu veröffentlichen; Red.) In über zweitausend Jahren Philosophiegeschichte – von den Vorsokratikern über Hume und Kant bis in die viktorianische Ära – hatte niemand dieses Prinzip erkannt. Das Konzept einer natürlichen Selektion, denkbar einfach wie es ist, bot für evolutionäre Richtungswechsel und Anpassungsänderungen außerordentliche Erklärungskraft. Nur ist die natürliche Selektion keine Kraft wie diejenigen, welche die physikalischen Gesetze beschreiben. Vielmehr handelt es sich um einen Mechanismus, weniger gut geeignete, also "minderwertigere" Individuen zu eliminieren, also um ein nichtbeliebiges Aussondern. Der englische Philosoph Herbert Spencer (1820–1903) beschrieb deswegen die Evolution mit dem heute gängigen Ausdruck "Überleben der Tauglichsten" (survival of the fittest). (Diese Redeweise war lange als Zirkelschluss verschrien: "Wer sind die Tauglichsten? Diejenigen, die überleben." Jedoch kann man gewöhnlich mit einer sorgfältigen Analyse herausfinden, warum bestimmte Individuen unter gegebenen Bedingungen erfolgloser sind.)

Das eigentlich Herausragende am Prinzip der natürlichen Selektion besteht darin, dass "Zweckursachen" damit obsolet wurden. (Der Begriff "Zweckursache" (causa finalis) geht auf Aristoteles zurück. Dass in der Welt eine teleologische Kraft hin zu immer größerer Vollkommenheit wirkt – diese Vorstellung galt seit der griechischen Antike bis ins neunzehnte Jahrhundert.) Wir müssen als Erklärung also nicht mehr irgendwelche teleologischen, auf ein bestimmtes Ergebnis oder Ziel zusteuernden zweckgerichteten Kräfte heranziehen. Nichts ist mehr vorherbestimmt. Die Angriffsrichtung der Selektion kann nämlich jederzeit wechseln, sogar schon von einer Generation zur nächsten, falls sich die Umweltbedingungen ändern.

Darwin machte auch auf die Variation zwischen den Individuen einer Art aufmerksam. Damit überhaupt eine natürliche Selektion stattfinden kann, müssen die Mitglieder eine Population sich voneinander unterscheiden. (Dies stand dem bis dahin vorherrschenden "typologischen" Denken des so genannten Essentialismus entgegen. Nach dieser Philosophie entsprachen alle Mitglieder einer systematischen Einheit in ihrer Essenz, nicht notwendigerweise in ihrer Erscheinung, einem Idealtypus; insofern waren sie identisch.) Zum Prinzip der natürlichen Selektion gehören genau genommen zwei Schritte: Zunächst müssen Varianten im Überfluss entstehen, dann erst werden aus allen Varianten die weniger tauglichen ausgelesen; erst der zweite Schritt geschieht gerichtet. So klärte Darwin die Jahrtausende währende philosophische Streitfrage um Zufall oder Notwendigkeit. Nach seinem Konzept beruht irdischer Wandel auf beidem: Im ersten Schritt herrscht der Zufall vor, im zweiten dann die Notwendigkeit.

Im Grunde vertrat Darwin eine holistische Sicht: Als das Objekt – die Einheit –, an dem die Selektion hauptsächlich angreift, sah er das Individuum in seiner Ganzheit an. Genetiker dachten später lange anders: Fast schon seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erwogen sie, ob nicht vielmehr vorrangig dem Gen diese Rolle zukäme. Von dieser reduktionistischen Auffassung sind sie aber in den letzten 25 Jahren weitgehend abgerückt.

Es dauerte auch sonst lange, bis Darwins Erkenntnisse sich unter den Wissenschaftlern durchsetzten. Noch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein konkurrierten in der Biologie vier Evolutionstheorien miteinander.

- Das Konzept der "Transmutation": Dessen Verfechter meinten, neue Arten oder Typen würden sprunghaft dank einer einzigen Mutation auftreten.

- Die "Orthogenese": Demnach beruhten Veränderungen auf innewohnenden zielgerichteten Bestrebungen.

- Der "Lamarckismus": Diese Richtung stand für die Vererbung erworbener Eigenschaften.

- Und Darwins Theorie, wonach in der auf Variation gestützten Evolution ein Mechanismus wirkte, der die Bezeichnung natürliche Selektion erhielt.

Erst in den vierziger Jahren wurde Darwins Konzept zum klaren Sieger erkoren, als wir nämlich die "Synthetische Theorie der Evolution" ausarbeiteten. In dieser "Modernen Synthese" vereinten wir neue Entdeckungen in der Genetik mit Befunden zur Taxonomie und Systematik, also zur Klassifizierung von Organismen auf Grund ihrer Verwandtschaft. Heute ist der Darwinismus unter informierten Evolutionstheoretikern fast einhellig anerkannt. Auch für die neue Philosophie der Biologie stellt er den Grundpfeiler dar.

Das wesentlichste Prinzip, mit dem sich diese philosophische Richtung auseinanderzusetzen hat, ist die grundsätzlich duale Natur biologischer Prozesse. Ich meine damit, dass biologische Abläufe zwar auch den Universalgesetzen der Physik und Chemie unterliegen, außerdem aber von einem genetischen Programm gesteuert werden. Dieses Programm jedoch entstand seinerseits durch natürliche Selektion über Millionen von Generationen. Solch einen internen bestimmenden Faktor, wie das genetische Programm, besitzen nur Lebewesen. Die unbelebte Welt kennt dergleichen nicht. Es dauerte fast hundert Jahre, bis Wissenschaftler dies erkannten – Darwin hatte diese Eigenschaft noch nicht sehen können, denn damals fehlten dazu noch die genetischen und molekularen Erkenntnisse.

Naturwissenschaftliche Gesetze haben in der biologischen Philosophie folglich eine andere Bedeutung als etwa in der Physik. An ihre Stelle treten im Darwinismus "Konzepte". Die Theorien in den physikalischen Wissenschaften basieren in der Regel auf Naturgesetzen. Die Gesetze der Bewegung etwa führten zur Gravitationstheorie. In der Evolutionsbiologie dagegen gründen die einzelnen Theorien wesentlich auf Konzepten wie "Konkurrenz", "weibliche Zuchtwahl", "Selektion", "Sukzession" (Abfolge) oder "Dominanz". Auf physikalische Gesetze und Theorien lassen sich biologische Konzepte und darauf fußende Theorien jedenfalls nicht reduzieren. Diesen Sachverhalt hat Darwin selbst nie deutlich geäußert. Wenn ich behaupte, Darwin habe das moderne Denken in besonderem Maße geprägt, so stütze ich mich dabei auf Analysen zur Wirkung seiner Theorie während des zwanzigsten Jahrhunderts.

In diesem Zeitraum wandelte sich die biologische Methodologie tief greifend. Die Umorientierung ging zwar nicht ausschließlich auf Darwin zurück, aber sie war doch stark von Entwicklungen in der Evolutionsbiologie getragen. Beobachtung, Vergleich und Klassifikation gewannen nun in der Evolutionsforschung Vorrang gegenüber dem Experiment, wie auch das Überprüfen von konkurrierenden Rekonstruktionen vergangenen Geschehens. Diese Ansätze wurden zu fundamentalen Instrumenten der Evolutionsbiologie.

Ich behaupte nicht, dass Darwin allein für sämtliche dieser geistigen Entwicklungen verantwortlich ist. Vieles davon lag "in der Luft", etwa die Abkehr vom strengen physikalischen Determinismus, den besonders der französische Mathematiker und Physiker Pierre Simon Laplace (1749–1827) verfocht. Dennoch war Darwin meistens wo nicht Vorreiter der neuen Blickweisen so doch deren entschiedener Förderer.

Wir betrachten die Welt heute mit völlig anderen Augen als die Menschen der viktorianischen Ära. Das hängt mit vielen Entwicklungen zusammen, natürlich in hohem Maße auch mit dem unglaublichen technischen Fortschritt. So gut wie überhaupt nicht wird aber gewürdigt, wie sehr Darwins Ideen diesen allgemeinen Wandel des Denkens anstießen.

Man vergegenwärtige sich, dass Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eigentlich alle führenden Naturwissenschaftler und Philosophen Christen waren. Ihre Welt hatte Gott erschaffen. Nach Ansicht der Naturtheologen hatte Gott weise Gesetze eingerichtet, auf Grund derer alle Organismen bestens zueinander und in ihre Umwelt passten. Zugleich war durch die Revolution in den Naturwissenschaften ein Weltbild entstanden, das sich unter anderem physikalistischem, teleologischem und deterministischem Denken verschrieb. Zu all dem stand Darwins Theorie in krassem Gegensatz. Dies möchte ich in sechs Punkten verdeutlichen.

Gott. Der Darwinismus verwirft übernatürliche Erscheinungen und Kräfte jeder Art. Darwins Theorie einer Evolution durch natürliche Selektion erklärt Angepasstsein und Vielfalt von Organismen rein materialistisch. Gott als Schöpfer ist da nicht mehr nötig (wiewohl jeder unbenommen an Gott glauben kann, auch wenn er die Evolutionstheorie für richtig hält). Wie Darwin darlegte, widersprechen so gut wie alle realen Erscheinungen der biblischen Schöpfungsgeschichte und den Ursprungsmythen anderer Kulturen. Jedes Detail dieses von den Naturtheologen gepriesenen "wunderbaren Entwurfs" des Lebens war nun ein Ergebnis der natürlichen Selektion. Seit Gott in der Naturwissenschaft keinen Platz mehr hatte, ließen sich alle Naturphänomene streng naturwissenschaftlich erklären. Diese neue Sicht führte zum Positivismus und rief eine intellektuelle und geistige Revolution hervor, die unser heutiges Denken prägt.

Typologie. Der Darwinismus widerlegt die Typologie, den Essentialismus. Seit den Pythagoräern und Platon galt die Welt als in ihrer Vielfalt beständig. Demnach gehörten die mannigfachen Erscheinungen einer begrenzten Anzahl von Wesenheiten ("Essenzen" oder "Typen") an, die jeweils eine Klasse bildeten. Letztlich waren alle Vertreter einer Klasse über alle Zeit gleich und von den Vertretern anderer Klassen eindeutig unterschieden.

Das Prinzip der Variation aber spricht gerade gegen feste Idealtypen. Was der Essentialismus meint, lässt sich am Beispiel eines Dreiecks verdeutlichen: Alle Dreiecke haben die gleichen Grundeigenschaften; von Vierecken – wie auch von allen anderen geometrischen Figuren – unterscheiden sie sich eindeutig. Es gibt kein Mittelding. Entsprechend kann sich das typologische Denken auf das Konzept von zufälligen Variationen nicht einlassen. Auf einer typologischen Weltsicht beruht letztlich auch die falsche Vorstellung, dass es getrennte menschliche Rassen gibt: Ein Typologe begreift Kaukasier, Afrikaner, Asiaten oder Inuit jeweils als Typen, als eigene ethnische Gruppen, die wesentlich von anderen verschieden sind. Eben diese Denkungsart beschwört Rassismus herauf. (Vielfach wird dem "Sozialdarwinismus" angekreidet, er würde einem Rassismus das Wort reden. Der Sozialdarwinismus entstand durch Missdeutung der Evolutionstheorie. Eigentlich führt das Festhalten an einer essentialistischen Sicht, die vor Darwin üblich war, aber heute widerlegt ist, zu einem rassistischen Standpunkt.)

Darwin selbst lehnte typologisches Denken vollkommen ab. An seiner Stelle führte er ein gänzlich anderes Konzept ein, das wir heute Populationsdenken nennen. Lebewesen bilden "Populationen" – auch die Menschheit. Und jede Population setzt sich aus einzigartigen Individuen zusammen. Keine zwei Menschen von den heute sechs Milliarden sind gleich. Und Populationen verändern sich – allerdings wandeln sie sich nicht in ihrer "Essenz", sondern nur in statistisch zu ermittelnden Abweichungen. Eben die Vorstellung Darwins, dass Populationen nicht gleich bleiben, trug dazu bei, in das naturwissenschaftliche Denken Geschichtlichkeit zu bringen – ein völlig neues Erklärungsprinzip für naturwissenschaftliche Befunde.

Teleologie. Die Theorie der natürlichen Selektion machte jegliches Zuhilfenehmen von Teleologie überflüssig.

In seiner "Kritik der Urteilskraft" versuchte Immanuel Kant (1724–1804) vergeblich, biologische Phänomene mit Newtonscher Physik zu beschreiben. Schließlich nahm er teleologische Kräfte hinzu. Auch nachdem Darwins Hauptwerk erschienen war, blieben in der Evolutionsbiologie zunächst teleologische Erklärungen populär.

(Genau genommen beschreibt der Begriff "teleologisch" Phänomene unterschiedlicher Art. Viele scheinbar zielgerichtete Vorgänge in der unbelebten Natur beruhen einfach auf Naturgesetzen – etwa wenn ein Stein zur Erde fällt oder ein erwärmtes Stück Metall erkaltet. In Organismen wirkt hingegen ein genetisches oder erlerntes Programm in einer bestimmten Richtung. Manches Verhalten von angepassten Systemen wie Herz oder Nieren könnte man durchaus zielstrebig nennen. Aber diese Systeme mit ihren Eigenschaften sind Ergebnis der Evolution; auch werden sie durch die natürliche Selektion immerfort aufs Neue feinjustiert. Schließlich gab es früher den Glauben an eine umfassende, kosmische Teleologie: Jede Erscheinung in der Natur hatte angeblich einen Zweck und ein vorherbestimmtes Ziel.)

Determinismus. Darwin widerlegte den Determinismus, also die Theorie, dass alles Geschehen kausal bestimmt ist und sich genau vorhersagen lässt, sofern man die Gegenwart bis ins Einzelne kennt. Laplace wollte in diesem Fall den Lauf der Welt bis in alle Ewigkeit vorherberechnen können. Hiergegen setzte Darwin Ziellosigkeit und Zufall (was den britischen Astronomen und Philosophen John Herschel, 1792–1871, lästern ließ, Darwins Selektionstheorie sei ein "Kraut-und-Rüben-Gesetz"). Dass der Zufall in natürlichen Prozessen eine wichtige Rolle spielen sollte, war für viele Physiker damals noch ein unerträglicher Gedanke. Legendär ist Einsteins Ausspruch: "Gott würfelt nicht." (Er zielte damit allerdings auf die Quantenphysik; Red.) Was die Evolution betrifft, darf man nicht vergessen, dass nur der erste Schritt der natürlichen Selektion, die Entstehung von Vielfalt, dem Zufall unterliegt. Der zweite, die tatsächliche Selektion, ist nach seinem Wesen gerichtet.

Inzwischen erkennt die Wissenschaft die Bedeutung von Unbestimmtheit und Zufall in natürlichen Prozessen fast universell an. Für die Biologie bestreiten viele Biologen und Philosophen sogar die Existenz allgemein gültiger Gesetze. Nach ihrer Ansicht müsste man Regelmäßigkeiten in der lebenden Natur besser mit Wahrscheinlichkeitsbegriffen beschreiben. Denn zu praktisch allen so genannten biologischen Gesetzmäßigkeiten gibt es auch Ausnahmen. Deswegen gilt in diesen Fällen die Forderung des österreichisch-britischen Wissenschaftsphilosophen Karl Popper (1902–1994) nicht, dass eine These erst dann an Wahrheitswert gewinnt, wenn kein Gegenbeweis gelingt.

Mensch. Darwin schuf ein neues Menschenbild – und ermöglichte damit einen neuerlichen Anthropozentrismus. Von allen Thesen Darwins konnten seine Zeitgenossen sich am Schwersten mit der Aussage abfinden, dass die gemeinsame Abstammung aller Organismen auch für den Menschen gelten sollte. Für Theologen wie Philosophen stand der Mensch nicht nur über allen anderen Geschöpfen, sondern auch abgesondert von ihnen. Ob Aristoteles, Descartes oder Kant – in dieser Frage stimmten diese großen Philosophen überein, so unterschiedlich ihr Denken sonst war. Dann aber zeigten zwei der frühesten Vertreter des Darwinismus – der britische Zoologe Thomas Huxley (1825–1895) und der deutsche Zoologe Ernst Haeckel (1834–1919) – mit detaillierten anatomischen Vergleichen, dass der Mensch und die heutigen Affen eindeutig gemeinsame Vorfahren haben. Damit verlor der Mensch seine Einzigartigkeit.

Ironischerweise starb dadurch aber nicht die Anthropozentrik. Denn unbenommen seiner "niedrigen" Herkunft erwies der Mensch sich in weiteren Nachforschungen trotzdem als einzigartig. Nicht nur sucht seine Intelligenz ihresgleichen, und nicht nur besitzt allein er echte Sprache mit Grammatik und Syntax. Darwin betonte gern, dass einzig die Menschen wirkliche ethische Systeme entwickelt haben. Und als einzige Wesen schufen die Menschen dank ihrer Intelligenz, der Sprache und der langen Fürsorge für ihre Kinder eine reiche Kultur – und machten sich damit zu den Herren dieser Welt, im Guten wie im Bösen.

Ethik. Darwin lieferte eine naturwissenschaftliche Basis für die Ethik. Viele Leute fragen sich, ob eine Ethik des Menschen zum Wohle aller wohl hinlänglich aus der Evolution heraus erklärbar sei. Die Meisten lehnen dies entschieden ab. Denn schließlich: Wie sollen sich geeignete ethische Regeln angesichts einer Selektion etablieren können, die Individuen für Verhalten belohnt, das dem Selbsterhalt und dem eigenen Fortpflanzungserfolg dient – wenn also purer Egoismus herrscht? Eine verbreitete These des Sozialdarwinismus, wie ihn Ende des neunzehnten Jahrhunderts Spencer vertrat, besagte denn auch, dass die Erklärungsprinzipien der Evolutionstheorie das Aufkommen von Ethik nicht zulassen.

Heute wissen wir jedoch, dass bei einer sozialen Art nicht nur das Individuum zählt. Denn auch eine soziale Gemeinschaft als Ganzes kann Angriffsziel – Einheit – der Selektion sein. In seinem Buch "Die Abstammung des Menschen" bezog Darwin diesen Gedanken auf unsere eigene Art. Ob die Gruppe sich erhält und gedeiht, hängt wesentlich auch vom harmonischen Miteinander ihrer Mitglieder ab – und solches Verhalten muss auf Altruismus beruhen. Indem nun ein solcher Altruismus Überleben und Wohl der Gemeinschaft fördert, nützt er indirekt auch der "Fitness" (Tauglichkeit unter den Bedingungen der natürlichen Selektion) des Einzelnen. Auf die Weise kann altruistisches Verhalten durch Selektion bestärkt werden.

In diesem Zusammenhang werden durch Selektion insbesondere das Eintreten für Verwandte und gegenseitiges Helfen positiv bewertet (als Verwandtenselektion beziehungsweise reziproker Altruismus bekannt). Die Forschungen der letzten Jahrzehnte haben die weite Verbreitung solcher Selektion auf Altruismus bei vielen sozialen Tierarten erwiesen. Vielleicht könnte man also das Verhältnis zwischen Ethik und Evolution in der Weise beschreiben, dass ein Hang zu Altruismus und harmonischem Miteinander in sozialen Gemeinschaften tatsächlich von der natürlichen Selektion begünstigt wird. Die alte These des Sozialdarwinismus vom puren Egoismus beruhte auf einem unvollständigen Verständnis von Tieren, insbesondere von sozialen Arten.

Kein gebildeter Mensch wird die Evolutionstheorie heute noch anzweifeln. Auch wird die Evolution längst nicht mehr als Hypothese wahrgenommen, sondern als Tatsache. Gleichermaßen haben sich die meisten von Darwins Einzelthesen bestätigt, so die Vorstellung der gemeinsamen Abstammung, die Idee der Evolution in kleinen Schritten und auch seine Erklärung der Evolution durch natürliche Selektion.

Der Einfluss von Darwins Gedankengut reicht heute jedoch weit über die Biologie hinaus. Sicher, Darwin begründete eine Philosophie der Biologie – indem er den Zeitfaktor einführte, indem er die Bedeutung von Zufall und Unbestimmtheit darlegte und indem er aufzeigte, dass in der Evolutionsbiologie Theorien auf Konzepten fußen, nicht auf Gesetzen. Doch außerdem – und das dürfte wohl sein wesentlichster Beitrag sein – entwickelte er neue Leitsätze, die unser aller Denken beeinflussen. Um die belebte Welt zu erklären, genügt uns heute die Evolution. Dazu benötigen wir keine Anleihen an übernatürliche Phänomene mehr. Auch der Essentialismus – die Typologie – ist überholt. Vielmehr sollten wir ein Denken in Populationen lernen – ein Denken, für das jedes Individuum einzigartig ist; in ihm hat Rassismus keinen Platz. Was die Ethik betrifft: Sogar Ursprung und Bewahrung altruistischer ethischer Systeme lassen sich mit der Wirkweise von natürlicher Selektion auf soziale Gruppen erklären. Der Schein trügt, wenn es uns so vorkommt, als würde eine allem innewohnende Kraft das Leben immer vollkommener gestalten. Alle scheinbar teleologischen Phänomene sind durch rein materielle Prozesse erklärbar. Weil also der Determinismus keine Gültigkeit hat, liegt unser Schicksal allein bei uns, in der Hand der Evolution.

Um eine berühmte Formulierung Darwins zu entlehnen: Diese Betrachtungsweise des Lebens hat etwas Erhabenes. Immer wieder entstehen neue Formen des Denkens. Die moderne Anschauung geht in fast allen Bereichen irgendwo auf darwinsche Gedanken zurück.

Literaturhinweise


Das ist Biologie. Die Wissenschaft des Lebens. Von Ernst Mayr. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000.

Eine neue Philosophie der Biologie. Von Ernst Mayr. Piper-Verlag, München 1991.

Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Vielfalt, Evolution und Vererbung. Von Ernst Mayr. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 1984.




Steckbrief



Charles Robert Darwin


(1809–1882), Begründer der modernen Evolutionstheorie;

Berühmteste Werke: "Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe ums Dasein" (engl. Originalausgabe 1859); "Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication (1868); "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" (1871); "Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren" (engl. Orininalausgabe 1872);

Darwinismus


die Theorie der Abstammung aller Organismen von einem gemeinsamen Vorfahren; den Begriff prägte der Evolutionsforscher Alfred Russell Wallace (1823–1913; nach dieser Theorie bewirkt eine Selektion (natürliche Auslese), dass sich in einer Population im "Kampf ums Dasein" nur die jeweils bestangepassten Individuen durchsetzen;

Determinismus


Lehre von der gesetzmäßigen Bestimmtheit allen Geschehens;

Lamarckismus


Theorie über die Entstehung neuer Arten durch "Vererbung erworbener Eigenschaften"; Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829) stellte bereits die Auffassung von der Konstanz der Arten in Frage;

Synthetische Evolutionstheorie


Präzisierung von Darwins Theorie durch Mayr und andere in den dreißiger und vierziger Jahren;

Teleologie


Lehre von der Zielgerichtetheit jeder Entwicklung; in entsprechenden Evolutionstheorien als "Orthogenese" bezeichnet;

Typologie


dem "Essentialismus" zugehörige Lehre, wonach die Glieder einer Population Vervielfältigungen eines "Typus" im platonischen Sinne darstellen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2000, Seite 62
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
9 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9 / 2000

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