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Demenz: Ein Dorf für Vergessliche

Die Bewohner der Pflegeeinrichtung »Tönebön am See« bei Hameln leben in ihrer eigenen Welt. Sieht so ein würdevoller Umgang mit dementen Menschen aus?

Der erste Lapsus unterläuft mir gleich an der Türschwelle. »Ach, da ist ja der junge Mann!«, schallt es mir entgegen, als ich das Foyer der Einrichtung betrete. Eine Frau, die ich auf Anfang 60 schätze, begrüßt mich mit freundlichprofessionellem Tonfall, als habe sie mich schon erwartet. Ich stelle mich bei der vermeintlichen Mitarbeiterin vor, verweise auf meinen Besichtigungstermin. Nach einigen Sätzen winkt sie plötzlich ab. »Ja, ja, was die jungen Leute eben alles so machen«, murmelt sie und schiebt sich in Richtung Ausgang an mir vorbei. In diesem Moment schreitet eine echte Mitarbeiterin ein: »Aber Frau Herweg*, Sie wissen doch, dass das nicht geht!«, ruft sie und schlägt ihr vor, sie möge ihren Spaziergang im Innenhof der Einrichtung fortsetzen. Nach einigem Hin und Her zuckt diese mit den Schultern, kehrt auf dem Absatz um und schreitet davon.

Die Einrichtung, die ich gerade betreten habe, ist Deutschlands erstes Demenzdorf, genannt »Tönebön am See«. Das Pflegeheim liegt in der Nähe eines Naturschutzgebiets am Stadtrand des niedersächsischen Hameln. Knapp 80 Bewohnerinnen und Bewohner leben hier in sechs Hausgemeinschaften mit klangvollen Namen wie »Villa Ziegelhof« oder »Villa Wiesengrund«. Es gibt einen Minimarkt, einen Frisörsalon, ein Café, einen großen Garten mit Papageienkäfig im Innenhof. Nur: Das kleine Wunderland ist von einem Zaun umgeben. Direkt vor den Toren endet die heimelige Atmosphäre. Neben der Einrichtung verläuft die stark befahrene Landstraße, und die zwei Kilometer zum Bahnhof führen an einem Zeltplatz, einer Gummifabrik und einem Baustofflager vorbei. Die Bewohner sind hier abgeschieden vom Stadtleben – Inklusion sieht anders aus. Aber offenbar ist das auch nicht das vorrangige Ziel der Einrichtung. Ein »Lebensraum für Menschen mit Demenz« soll es sein, in dem die Betroffenen möglichst ungestört in ihrer eigenen Welt verweilen können. Kann das gelingen? Und: Ist es überhaupt eine gute Idee?

Beim Rundgang durch die Häuser muss ich immer wieder an ...

4/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 4/2020

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  • Quellen

Quellen

Cabrera, E. et al.: Non-pharmacological interventions as a best practice strategy in people with dementia living in nursing homes. A systematic review. European Geriatric Medicine 6, 2015

Fleming, R., Purandare, N.: Long-term care for people with dementia: Environmental design guidelines. International Psychogeriatrics 22, 2010

Scales, K. et al.: Evidence-based nonpharmacological practices to address behavioral and psychological symptoms of dementia. The Gerontologist 58, 2018

Verbeek, H. et al.: Effects of small-scale, home-like facilities in dementia care on residents’ behavior, and use of physical restraints and psychotropic drugs: A quasi-experimental study. International Psychogeriatrics 26, 2014