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Evolution: Der Ursprung lag in Afrika

Zwar könnte in uns auch etwas Erbgut von Neandertalern stecken. Sie waren aber nicht die Ahnen der modernen Menschen. Diese stammen eindeutig aus Afrika.


Der heftige Streit der Anthro­pologen um die geografischen Wurzeln des modernen Menschen hat die sachliche Ebene längst verlassen. In den zwei Jahrzehnten, die dieser Kampf tobt, haben sich die Lager nichts geschenkt. Erst jüngst verkündete der amerikanische Paläoanthropologe Milford Wolpoff, ein Hauptgegner des "Out-of-Africa-Modells", dass er und seine Mitstreiter nie klein beigeben würden.

Dabei sprechen die Fakten immer ­klarer für diese These, wonach der mo­derne Mensch – der anatomisch moderne Homo sapiens – in Afrika entstand und sich erst später auf die anderen Kontinente ausbreitete, wo er die dortigen archaischen Menschenformen ablöste. Für die dazu konträre Ansicht, zu deren Begründern Wolpoff von der Universität von Michigan in Ann Arbor gehört, finden sich bei nä­herer Prüfung kaum stichhaltige Belege. Nach dieser Auffassung, "multiregionales Modell" genannt, geschah die Evolution zum modernen Menschen sowohl in Afrika als auch in Europa, Ostasien und Australasien, also in den verschiedenen Regionen, in denen Frühmenschen lebten. Die Vorfahren der Europäer wären dann hauptsächlich die Neandertaler, die der Ostasiaten und Australier etwa der Peking- beziehungsweise der Java-Mensch.

Warum eskalierte diese Auseinandersetzung dermaßen, dass wissenschaftliche Veranstaltungen zu emotionsgeladenen Spektakeln um Stimmenfang ausuferten? Als einer der Urheber des Out-of-Africa-Modells habe ich verfolgt, wie sich manche Standpunkte angesichts neuer Fakten verschoben, wie Strohmänner errichtet und nie behauptete Extrempositionen unterstellt wurden. So war das Afrika-Modell von Anfang an viel differenzierter gemeint, als unsere Gegner – und die Medien – es oft darstellen.

Ein zentraler Streitpunkt dieser Debatte betrifft die Frage, wie eng Asiaten, Australier, Europäer und Afrikaner miteinander verwandt sind. Bei einer jungen gemeinsamen afrikanischen Wurzel müssten die heutigen Populationen einander viel mehr ähneln, als wenn jede der Weltregionen seit ein bis zwei Millionen Jahren ihre weitgehend eigene Evolution erlebt hätte. Umgekehrt sollten die heutigen Menschengruppen Merkmale der archaischen Menschen ihrer Region übernommen haben, falls diese ihre Vorfahren waren. An den Fossilien müsste sich vieles davon ablesen lassen. Die Knochenfunde könnten auch zeigen, ob es in den einzelnen Weltgegenden lange, kontinuierliche Evolutionslinien bis in die jüngste Zeit gab oder ob Linien abbrachen und neue erschienen.

Bruch in Europa – Übergang in Afrika

Nun postulieren allerdings beide konträren Modelle, dass die Menschengruppen sich auch miteinander vermischten. Gerade das sorgte für manchen Zwiespalt. Das Out-of-Africa-Modell impliziert – entgegen vielen anderen Darstellungen – ausdrücklich, dass sich die modernen Menschen bei ihrer Ausbreitung mit den ansässigen archaischen Bevölkerungen kreuzen konnten und tatsächlich auch Genfluss stattfand. Denn diese Menschen, wie etwa die Neandertaler, stehen uns trotz einer längeren Phase eigener Evolution so nahe, dass sie derselben biologischen Art zuzurechnen sind. Hingegen meint das multiregionale Modell, dass zwischen den verschiedenen Entwicklungslinien stets genetischer Austausch stattfand. So blieb die nahe Verwandtschaft aller Menschen untereinander gewahrt.

Seit der Entdeckung der Neandertaler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts suchten Paläoanthropologen nach Fossilien von Übergangsformen dieses massigen Wesens hin zum heutigen Menschen. Evolutionsforscher glaubten zunächst, der hoch entwickelte Mensch müsse in Europa entstanden sein. Doch dies nachzuweisen erwies sich als schwierig. Die Cro-Magnon-Menschen mit ihrem hohen Schädel und relativ leichten Skelett, von denen die ersten Fossilien im 19. Jahrhundert unter einem gleichnamigen Felsdach in der Dordogne in Frankreich gefunden wurden, sahen bereits völlig modern aus. Sie lebten jedoch erst vor 30000 oder höchstens 40000 Jahren. Davor besiedelten Europa offenbar allein die Neandertaler, die trotz ihres großen Gehirns viele spezielle Kennzeichen aufwiesen. Wie erklärte sich der Bruch zwischen beiden Menschenformen?

Aufschlussreicher, wenn auch zunächst schwer zu deuten, erschien bereits Anfang der 1970er Jahre die Fundlage in Afrika. Fossilien von eindeutig modernen Menschen aus der Border-Cave in Südafrika hatten offenbar ein Alter von rund 100000 Jahren. Ein Skelett aus der Kibish-Formation im Omo-Tal Äthiopiens datierten Geologen sogar auf 130000 Jahre, dies allerdings damals mit einer unsicheren Messmethode. Diese Menschen besaßen bereits ein großes Gehirn mit über 1300 Kubikzentimeter Volumen, ein ausgeprägtes Kinn, steile seitliche Schädelwände, eine modern gewölbte Stirn und andere bezeichnende Merkmale des Gesichts und Schädels. Verwirrenderweise hielten Anthropologen in den frühen 1970er Jahren aber einige afrikanische Fossilien von noch recht archaischen Menschenformen mit dicken Überaugenwülsten und ziemlich flacher Stirn, wenn auch schon ziemlich großem Gehirn für viel jünger. Beispielsweise galten solche Funde aus Sambia und Tansania als nur 50000 oder gar 30000 Jahre alt. Hatten in Afrika etwa moderne und archaische Menschen lange Zeit nebeneinander existiert und jede Linie ihre eigene Evolution durchgemacht? Ähnliches hatten Anthropologen früher auch für Europa angenommen. Sie mussten diese Idee aber schließlich aufgeben.

Die Sachlage begann sich bald mit neuen Datierungen zu klären. Für die archaischen afrikanischen Fossilien ergab sich nun ein wesentlich höheres Alter. Eine Anzahl neuer Funde und Messwerte kam rasch hinzu. So beschloss ich 1978, dieses Material zu sichten und dann zu versuchen, die Geschichte des Homo sapiens in Afrika neu zu rekonstruieren. Dazu wollte ich möglichst alle Funde einbeziehen, die jünger als 600000 Jahre waren. Noch ältere Fossilien gehörten zum Homo erectus – dem Frühmenschen, aus dem der Homo ­sapiens entstanden war. Mehrere Jahre lang reiste ich durch Afrika, besuchte die Museen und Fundstellen, befasste mich mit den neuen Altersbestimmungen und untersuchte vor allem die Fossilien.

Die Zusammenschau ergab ein ziemlich deutliches Bild. Die afrikanischen Fossilien schienen eine Entwicklung vom Homo erectus über einen archaischen bis hin zum modernen Homo sapiens über mehrere hunderttausend Jahre zu bezeugen, was für Europa nie gelungen war. In Afrika hingegen fanden sich Zwischenformen verschiedenen archaischen oder modernen Grades. Die ältesten Fossilien von Homo sapiens wirken noch recht ursprünglich, wenn auch vom Homo erectus deutlich unterscheidbar. Diese Menschen bezeichnen wir als früharchaischen Homo sapiens. Um einiges jünger sind die spätarchaischen Vertreter, die man genauso gut fast-modern nennen könnte. Die noch jüngeren Fossilien erscheinen anatomisch gänzlich modern. Diese Menschen unterschieden sich im Körperbau und Schädel grundsätzlich nicht mehr von uns.

Das wichtigste Ergebnis dieser Analyse war, dass die Modernisierung langsam und schrittweise geschah und bereits vor etwas über 100000 Jahren zum vollständig modernen Menschen in Afrika führte. So früh trat er nirgends sonst auf der Welt auf.

Ich fasste diese Befunde in einem Modell zusammen, das ich 1982 auf dem ersten Internationalen Kongress für Paläoanthropologie in Nizza vorstellte. Es besagt, dass nur in Afrika eine Evolution zum modernen Menschen stattgefunden habe und dass dieser dort viel früher aufgetreten sei als in irgendeiner anderen Region der Welt. Den populären Namen erhielt das Modell erst später in Anlehnung an den 1985 verfilmten Afrika-Roman der dänischen Autorin Tania Blixen "Out of Africa" (deutsch: "Jenseits von Afrika"). Einige der Kollegen begrüßten diese neue Idee, andere bekämpften sie. Fast jedes größere anthropologische Treffen erlebte fortan einen heftigen Schlagabtausch beider Lager.

Die Kontroverse spitzte sich zu, als 1987 eine spektakuläre molekularbiologische Arbeit erschien, die das Afrika-Modell stützte. Eine Gruppe um die amerikanische Genetikerin Rebecca Cann hatte Erbsequenzen von heutigen Frauen verschiedener Weltregionen verglichen. Dies war Erbgut der Mitochondrien – der Kraftwerke von Zellen mit eigener DNA –, welche nur über die Eizelle an Söhne und Töchter ererbt werden. Da sich in den betreffenden Erbabschnitten mit der Zeit Muta­tionen anhäufen, unterscheiden sich die weiblichen Abstammungslinien umso mehr, je länger sie getrennt verliefen.

Falsch verstandene Eva

Cann und ihre Kollegen ermittelten eine der gesamten heutigen Menschheit gemeinsame Wurzel, die nicht älter als rund 200000 Jahre zu sein schien und in Afrika lag. Dieses Postulat wurde unter dem Namen "Eva-Theorie" bekannt. Denn wenn man die Mitochondrienlinien einer Population rechnerisch über die Generationen zurückverfolgt, nimmt die Zahl der direkten weiblichen Vorfahren kontinuierlich ab.

Stark abweichende Erbmuster hatten die Forscher in dieser Studie nirgends gefunden, nicht einmal in Südostasien, wo archaische Menschen wohl besonders lange existierten. Die Molekulargenetiker folgerten, ältere regionale Muster hätten zum Genpool des frühen modernen Menschen nicht viel beigetragen. Eine Vermischung hielten sie dennoch für durchaus wahrscheinlich. Nach statistischen Erwägungen könnten die Mitochondrienlinien archaischer Populationen innerhalb der Jahrtausende verloren gegangen sein.

Doch die Multiregionalisten propagierten bald, die Eva-Theorie sei mit dem Out-of-Africa-Modell gleichzusetzen. Zudem würden beide Modelle jegliche Vermischung bei der Ablösung der archaischen durch moderne Populationen ausschließen. Diese Interpretation entsprach aber weder dem Afrika-Modell noch den Auffassungen der Molekulargenetiker. Doch sie erschien den Multiregionalisten bei ihrer Argumentation offenbar hilfreich. Indem diese Forscher für das gegnerische Modell jeglichen Genfluss ausschlossen, behaupteten sie nun – unsinnigerweise –, jeder noch so geringe Hinweis auf Vermischung würde eine afrikanische Herkunft des modernen Menschen widerlegen. Dafür nannten sie zahlreiche Beispiele.

In ihrer viel zu extremen Einordnung sahen sie sich durch einen Test bestätigt, den mein langjähriger Mitstreiter Chris Stringer zusammen mit Peter Andrews, beide vom Museum für Naturgeschichte in London, anhand der weltweit vorhandenen Fossilzeugnisse durchführten. Dieser Test sollte zeigen, ob multiregionale Evolution oder Ablösung der entscheidende Prozess bei der Entstehung des modernen Menschen war. Das Ergebnis sprach deutlich für das Afrika-Modell – was umso bemerkenswerter ist, als die beiden Forscher nur eine stark vereinfachende Version prüften, bei der sie absichtlich jede Vermischung mit archaischen Linien ausschlossen.

Doch sogleich schlugen die Multiregionalisten zurück: Der Test beweise, dass das gegnerische Lager in Wahrheit ein rein afrikanisches Erbe des modernen Menschen ohne jede Vermischung mit älteren Populationen vertrete. Sie konzentrierten ihre Studien nun darauf, bei den eura­sischen und australasiatischen Fossilien Merkmale aufzuzeigen, die regional von den Frühmenschen her überdauert hätten. Stringer und ich konterten, diese Multiregionalisten hätten einen Strohmann auf­gebaut. Denn beim Out-of-Africa-Modell haben wir ein gewisses Maß an Genfluss nie ausgeschlossen. Trotzdem führte die Missdeutung noch über Jahre zu einer künstlichen Polarisierung der Debatte.

Die wirklich relevante Frage aber war und ist, ob solche Anzeichen einer kontinuierlichen regionalen Evolution tatsächlich existieren. In den letzten Jahren sind denn auch zahlreiche Studien hierzu für die drei großen Regionen außerhalb Afrikas erfolgt. Dabei stellten sich viele ver­meint­liche Hinweise als falsch oder wenig aussagekräftig heraus.

Besonders Ostasien halten die Multiregionalisten für eine Region mit gut belegter evolutionärer Kontinuität vom Homo erectus bis zu den modernen Chinesen. Eine Gruppe um Wolpoff veröffentlichte 1984 eine längere Liste morphologischer Merkmale, die für frühere wie heutige Menschen Chinas typisch sein sollen. Diese Zusammenstellung stützt sich großenteils auf Beschreibungen des Frankfurter Anthropologen und Anatomen Franz Weidenreich, der in China während der 1930er und frühen 1940er Jahre die Relikte des Pekingmenschen analysiert hatte.

Etliche Forscher regte die Auflistung der Regionalisten zu eigenen Analysen an. Die Ergebnisse reichten von erheblichen Zweifeln am Beweiswert dieser Merkmale für eine kontinuierliche menschliche Evolution in China bis hin zu vehementer Kritik. So ergab eine der Studien, dass die betreffenden Kennzeichen nicht nur in Ost­asien, sondern weltweit beim Homo erectus wie beim archaischen Homo sapiens vorkamen. Nach einer anderen Studie erscheinen diese Kennzeichen bei heutigen Chinesen sogar seltener als in anderen heu­tigen Bevölkerungen. Bezeichnenderweise traten sie selbst vor 10000 Jahren in Nord­afrika öfter auf als heute in China.

Die moderne Vielfalt der Gesichter

Weil die Ausbildung des Mittel- und Obergesichts im multiregionalen Modell stets als besonders wichtig galt, ließ ich diese Partien nochmals gesondert prüfen. Meine Doktorandin Toetik Koesbardiati verglich die heutige Verbreitung von mehr als dreißig angeblich regionalen Gesichtsmerk­malen bei vielen Bevölkerungen. Das Ergebnis war noch krasser, als wir erwartet hatten. Keine der morphologischen Ausprägungen des Gesichts tritt am häufigsten in China auf. Im Gegenteil finden sich die meisten davon sogar öfter in Afrika, in Europa oder in Australien.

Merkwürdigerweise erscheinen ein paar von jenen Merkmalen sehr häufig bei den Inuit Grönlands, deren flaches Gesicht sicherlich eine Anpassung an die extremen Umweltbedingungen ist und erst vor relativ kurzer Zeit entstand. Wir haben den Verdacht, dass die Auswahl vieler schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vorgeschlagenen Merkmale von der damals üblichen typologischen Sichtweise wesentlich mitbestimmt war. Diese war mehr auf idealisierte, oft extreme Ausprägungen ausgerichtet als auf die tatsächlich vorhandene Variation.

Aber auch die chinesischen Fossilien, die zeitlich auf den Homo erectus folgen und als archaischer Homo sapiens klassifiziert werden, belegen keineswegs eine lange kontinuierliche Evolution zum modernen Menschen. Bei ihnen finden sich nicht einmal die fragwürdigen regionalen Merkmale. So besitzt etwa der 200000 Jahre alte Schädel aus Jinniushan in Nordchina weder ein wenig vorspringendes Mittelgesicht noch einen flachen Nasensattel noch fehlen ihm anlagebedingt die Weisheitszähne.

Zwischen den archaischen und den ältesten modernen Menschen Chinas weist die Fossilreihe offensichtlich einen Sprung auf. Die frühesten modernen Fossilien stammen von Liujiang im südlichen China und aus der so genannten Oberhöhle der Pekingmensch-Fundstelle bei Zhoukou­dian. Sie gelten als 20000 bis 30000 Jahre alt. Nach neuesten Untersuchungen könnte das Skelett aus Liujiang sogar ein Alter von bis zu 70000 Jahren haben. Jedoch hat es ein Amateur ausgegraben, und die genaue Fundschicht ist nicht bekannt.

Die Schädelform dieser ersten modernen Fossilien Chinas ähnelt noch nicht der heutiger Chinesen. Vielmehr gleicht sie, wie verschiedene Studien zeigen, frappierend denen mehrere zehntausend Jahre alter anatomisch moderner Afrikaner und Europäer. Selbst heutigen Afrikanern und Europäern sahen diese Menschen ähnlicher als heutigen Chinesen. Deren Aussehen dürfte sich demnach erst in den letzten Jahrzehntausenden herausgebildet haben.

Auch für Europa haben neuere Forschungsergebnisse die Kontinuitätsannahme immer problematischer werden lassen. Inzwischen findet die Vorstellung, das sich der moderne Mensch hier aus dem Neandertaler entwickelte, selbst bei den Multiregionalisten nur noch wenige Anhänger. Nach den Altersbestimmungen von Fossilien beider Menschenformen erscheint dies kaum noch möglich. Dafür stellt sich nun die Frage, wie stark sich die Neandertaler mit den Cro-Magnon-Menschen vermischten, also wie viel Neandertaler in den Europäern steckt – oder noch in der frühen anatomisch modernen Bevölkerung Europas steckte.

Wieso wandelte sich das Bild so eindeutig? Als ein möglicher Schauplatz für den Übergang zum modernen Menschen auf unserem Kontinent galt für einige Zeit das südliche Zentraleuropa. Fred Smith von der Loyola University in Chicago hielt die Fossilfunde aus Kroatien von Neandertalern und anatomisch modernen Menschen lange für Belege einer solchen Evolution. Doch neueste Datierungen ergaben, dass die jüngsten Neandertaler-Skelettreste aus der dortigen Vindija-Höhle mit nur 28000, vielleicht sogar 27000 Jahren deutlich jünger sind als früher angenommen. Ähnlich späte Neandertaler kannte man bisher nur von der Iberischen Halbinsel, die als deren letztes Refugium galt. Auch ein frühes anatomisch modernes Fossil aus Kroatien ist nicht 34000, sondern nur 5000 Jahre alt. Moderne Menschen lebten aber im süd­lichen Zentraleuropa, etwa im Gebiet Tschechiens, schon vor mindestens 35000 Jahren. Bereits vor 40000 Jahren dürften sie über weite Teile Europas verbreitet gewesen sein. Dies schließen Prä­historiker – so Nick Conard und Michael Bolus von der Universität Tübingen und Paul Mellars von der Universität Cambridge – aus den Funden ihrer fortschrittlichen jungpaläolithischen Kultur des Aurignacien.

Neandertaler und moderne Menschen traten also in Europa über 10000 Jahre lang gleichzeitig auf. Bei einer so langen Koexistenz sind Begegnungen und auch Vermischungen anzunehmen. Letztere müss­ten sich in Fossilien deutlich zeigen, denn beide Menschenlinien waren recht unterschiedlich gebaut. Beide hatten sich aus älteren Formen entwickelt, der grazile moderne Mensch aber im afrikanischen Klima, der stämmige Neandertaler unter den eiszeitlichen Verhältnissen Europas.

Der gedrungene, schwere Körperbau der Neandertaler entstand sicherlich in Anpassung an ihre harsche Umwelt. Beispielsweise verminderten die kurzen Unterarme und -schenkel den Wärmeverlust. Sicherlich besaßen diese Menschen zudem besonders viel Kraft und Ausdauer, wie etwa die dickwandigen Schäfte der Beinknochen und ausgeprägten Muskelansatzstellen des Oberkörpers zeigen. Doch auch ihre Schädel unterschieden sich deutlich von denen der Cro-Magnon-Menschen.

David Frayer von der University of Kansas in Lawrence, ein führender Vertreter der Multiregionalisten, meinte besonders in den zwischen 34000 und 35000 Jahre alten Fossilien frühmoderner Menschen von Mlade in Tschechien Hinweise für eine Abstammung vom Neandertaler zu erkennen. Nach Auffassung des Afrika-Modells hätten dies aber auch Anzeichen einer Vermischung mit der archaischen europäischen Bevölkerung sein können. Die tschechischen Funde waren damit von besonderem Interesse in der spannenden Frage nach dem Ausmaß von Genfluss während der Periode der Ko­existenz. So ließ ich meinen Diplomanden Helmut Broeg an den Mlade-Schädeln sämtliche möglichen Indizien dafür akribisch dokumentieren.

Zu meiner Überraschung ließ sich nicht ein einziges eindeutiges Neandertalermerkmal aufspüren. Falls überhaupt vorhanden, wären an dieser Fundserie die Neandertaler­einflüsse äußerst schwach. Sämtliche Schädel sind anatomisch vollständig modern, auch die robust gebauten männlichen. Ein paar der Schädel haben zwar ein leicht nach hinten vorgewölbtes Hinterhaupt, doch sie sind hinten längst nicht so stark abgeflacht und in der Weise am Hinterkopf ausgestülpt wie bei Neandertalern. Ähnliche Vorwölbungen weisen auch spätarchaische Homo-sapiens-Schädel aus Nordafrika auf, wie schon Smith vermerkte. Für ein afrikanisches Erbe könnte auch sprechen, das die 100000 Jahre alten Schädel von frühen modernen Menschen aus Skhul und Qafzeh in Israel ein auffallend ähnlich geformtes Hinterhaupt besitzen. Das stimmt mit der Annahme überein, dass die Vorfahren der Cro-Magnon-Menschen die Route durch den Nahen Osten genommen haben.

Ob das viel diskutierte, etwa 24500 Jahre alte, anatomisch moderne Kinderskelett von Lagar Velho in Portugal Hinweise auf Vermischung mit Neandertalern aufweist, wie Erik Trinkaus von der University of St. Louis in Missouri vermutet, ist nicht entschieden. Dieses Kind war zwar stämmig und hatte kurze Unterschenkel, doch könnte es sich dabei genauso gut um eine individuelle Ausprägung innerhalb der normalen Streubreite wie um eine Neuanpassung dieser Menschen an das Eiszeitklima handeln. Auch Mangelernährung wäre möglich. Zudem erscheint zweifelhaft, dass sich ein Merkmal der Neandertaler nach deren Aussterben noch über einige hundert Generationen so deutlich erhalten haben soll, während sonst Spuren von Vermischungen kaum sichtbar sind.

Getrennte Entwicklungslinien

Gegen eine evolutionäre Kontinuität in Europa sprechen überdies molekulargenetische Befunde der letzten Jahre. Einem Team um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gelang es, Abschnitte mitochondrialer DNA aus Knochen von zwei Neandertalern aus dem Neandertal bei Düsseldorf und Vindija in Kroatien zu sequenzieren. Gleiches gelang britischen Forschern mit einem Fossil vom Kaukasus. Die Erb­sequenzen ähneln einander trotz der großen geografischen Distanzen. Sie unterscheiden sich aber deutlich von denen heutiger Menschen. Die Forscher schließen da­raus, dass die Entwicklungslinien zu den Neandertalern und den modernen Menschen schon irgendwann vor 800000 bis 300000 Jahren auseinander liefen.

Dass die Neandertaler der modernen Konkurrenz nicht gewachsen waren und allmählich ausstarben, ließe sich begründen, auch wenn die Neuankömmlinge keine Gemetzel veranstalteten. Nach einer amerikanischen Berechnung hätte schon eine um zwei Prozent höhere Sterblichkeit genügt. Nachweislich hatten die Cro-Magnon-Menschen eine höhere Lebenserwartung. Sie trugen weniger Verletzungen davon, litten seltener unter Mangelernährung, Gelenkverschleiß und anderen Erkrankungen. Ihr schlankerer Körper war bei Nahrungsknappheit vorteilhaft. Sie verstanden sich mit genähter Kleidung sowie der Art ihrer Behausungen und Feuerstellen wohl auch besser warm zu halten. Mit ihren feingliedrigeren Händen dürften sie handwerklich geschickter gewesen sein. Auch ihr wahrscheinlich besseres Vorstellungsvermögen und die stärkere Überlappung der Generationen mit entsprechend intensiverer Tradierung mag ihnen geholfen haben, sich besser zu behaupten.

Die Verhältnisse in Australasien blieben besonders lange unklar. Schon in den 1930er Jahren vertraten Anthropologen die Ansicht, dass die Fossilien des Homo erectus von Java eine Entwicklung belegen, die sich später bei den frühen, modernen Australiern fortsetzte. Multiregionalisten griffen diese Interpretation auf. Sie führten besonders Gesichtsmerkmale an.

Wolpoffs Anfang der 1980er Jahre vorgenommene Rekonstruktion des einzigen über eine Million Jahre alten Schädels mit gut erhaltenem Gesicht von Java, genannt Sangiran 17, ergab unter anderem einen stark vorspringenden Kiefer und ein charakteristisches Jochbein – Merkmale, die angeblich auch noch nur 10000 Jahre alte australische Fossilien aufweisen. Neue Untersuchungen und eine neue Rekon­s­-t­ruktion durch ein japanisch-indonesisches Team konnten allerdings weder die Jochbeinmerkmale noch den stark vorspringenden Kiefer bestätigen.

Ohnehin wäre es höchst erstaunlich gewesen, wenn ein ganzes Set solcher Merkmale die Entwicklung vom massigen Homo-erectus-Schädel zu dem viel grazileren des modernen Menschen fast unverändert überdauert hätte. Allein die von den Multiregionalisten postulierten Genflüsse von außen würden dies sehr unwahrscheinlich machen.

Noch klarer widersprechen neue Fossildatierungen für Australasien einer Evolution zum modernen Menschen. So ist die Schädelserie des späten Homo erectus von Ngandong auf Java zur allgemeinen Verblüffung nicht 100000 oder sogar 200000 Jahre alt, sondern nur zwischen 30000 und 50000 Jahre. Trotzdem ähneln diese Schädel deutlich dem früheren Homo erectus Indonesiens.

Ahnen der ältesten modernen Australier können diese Frühmenschen nicht mehr gewesen sein. Erst vor wenigen Jahren ergab eine Neudatierung eines Skeletts vom Lake Mungo in Südaustralien, dass es nicht wie bisher angenommen 30000 Jahre alt ist, sondern zwischen 40000 und 60000 Jahre. Dieser Mensch war ganz modern gebaut und zudem recht grazil. Er stach damit von den archaischen Ngandong-Menschen aus derselben Zeit deutlich ab. Ein anderer, robust wirkender moderner australischer Schädel, für den die Multiregionalisten auf ein recht hohes Alter tippten, erwies sich nach neuester Datierung als nur 14000 Jahre alt und kann daher keine Übergangsform zu modernen Australiern darstellen. Außerdem ist er nach Ansicht mehrerer Spezialisten durch krankhaftes Knochenwachstum verändert.

Die alte Deutung einer regionalen Entwicklung mag auch daher rühren, dass die australischen Schädelfunde in ihrem Aussehen eine recht große Bandbreite von Robustheit bis Grazilität aufweisen. Selbst für gleiche Regionen und Zeitabschnitte, so für die etwa 10000 Jahre alten Schädel von Kow Swamp, fällt diese Variabilität auf. Teilweise wurde dies dadurch verstärkt, dass die Menschen die Köpfe ihrer Kinder verformten. Hauptsächlich dürften die Unterschiede aber darauf zurückzuführen sein, welche Merkmale die vereinzelten kleinen Gruppen, die Australien erreichten, zufällig trugen oder in dem zunehmend trockenen Klima erwarben. Vielleicht kam es auch bei manchen ihrer Vorfahren in Südostasien zu Vermischungen mit Menschen des späten Homo erectus.

Homo sapiens: älter als vermutet

Alles in allem haben die Erkenntnisse und neuen Funde der beiden letzten Jahrzehnte das Out-of-Africa-Modell im Wesentlichen bestätigt. Was die afrikanischen Fossilien betrifft, hat sich deren zeitliche Zuordnung dank neuer Datierungsmethoden inzwischen in einigen Details verschoben. Der archaische und der moderne Homo sapiens entstanden offenbar jeweils noch früher als zunächst angenommen.

So ist das älteste dieser Fossilien, der früharchaische Bodo-Hominide aus Äthiopien, etwa 600000 Jahre alt. Damit dürfte der Übergang vom späten Homo erectus zum archaischen Homo sapiens mindestens 700000 Jahre zurückliegen. Die jüngsten früharchaischen Vertreter lebten anscheinend bis vor etwa 300000 Jahren.

Noch aufregender war die Datierung eines kenianischen Fossils vom Turkana-See, die vor einigen Jahren mit einer neuen absoluten Messmethode in Paris gelang. Richard Leakey sowie Emma Mbua vom Nationalmuseum Kenias in Nairobi und ich hatten diesen Ileret-Schädel 1992 beschrieben. Er wirkt schon fast modern. Unter anderem besitzt er aber noch einen durchgehenden Wulst über den ­Augenhöhlen, weswegen wir ihn als spät­archaisch einstuften. Nach meinem Modell sollte er über 100000 Jahre als sein. Als die französischen Wissenschaftler aber sogar 270000 Jahre ermittelten, dachten wir zunächst an einen Mess- oder Rechenfehler.

Doch wenige Wochen später gaben Kollegen für einen Zahn aus Südafrika eine ähnlich spektakuläre Altersbestimmung bekannt. Er gehörte zu einem Hominiden der gleichen Entwicklungsstufe dicht an der Schwelle zum modernen Menschen. Sein neues Alter betrug 259000 Jahre – gegenüber vorher rund 150000. Als drittes Fossil aus dieser Übergangszeit erbrachte ein fast vollständig erhaltener Schädel von Laetoli in Tansania ebenfalls 200000 bis 300000 Jahre. Heute ist gut belegt, dass derartige fast moderne Hominiden in Afrika etwa in der Zeit vor 300000 bis vor 150000 Jahren lebten.

Unmittelbar darauf trat der anatomisch völlig moderne Mensch auf. Verschiedene ihm eindeutig zugeordnete Fossilien von Südafrika sind an die 120000 Jahre alt, ein sudanesisches Fossil sogar 150000. Das früher nicht sicher datierte Skelett von Omo in Äthiopien scheint wirklich ein Alter von 130000 Jahren oder noch etwas darüber zu haben. Die allmähliche Evolution des Homo sapiens auf diesem Kontinent belegen die vielen afrikanischen Mosaiksteinchen – auch aus dem Norden – recht überzeugend.

Außerhalb Afrikas erschien der moderne Mensch offenbar zuerst im Nahen Osten, wie 100000 Jahre alte israelische Fossilien belegen. Erst später gelangte er nach Ostasien und nach Europa, wo er sich mit den ansässigen archaischen Menschenformen in geringem Ausmaß vermischt haben mag und diese schließlich ablöste. Es ist gut möglich, dass wir, versteckt im Zellkern, ein Neandertalererbe in uns tragen oder die Asiaten ein Erbe des Pekingmenschen. Noch scheint es Genetikern unmöglich, das nachzuweisen. Wir können bisweilen nur die Fossilien befragen.

Vor kurzem beschwerten sich Wolpoff und einige andere Vertreter des multiregionalen Modells, sie würden oft falsch verstanden: Eine mehrfache unabhängige Evolution des anatomisch modernen ­Menschen in verschiedenen Weltregionen hätten sie nie behauptet. Und selbst dem Grandseigneur der multiregionalen Theorie und Lehrer Wolpoffs, Loring Brace von der University of Michigan, werfen sie vor, er hätte das Modell nicht zutreffend beschrieben. Eigentlich kann man es kaum missverstehen. Ungeachtet dieser Klagen sind die Indizien zu Gunsten dieser Theorie so stark geschwunden, dass sich selbst Smith inzwischen klar für den Ursprung des modernen Menschen in Afrika ausspricht.

Wenn sich das Out-of-Africa-Modell weiterhin als zutreffend erweist, dann bedeutet dies, dass die Vielfalt der heutigen Menschheit vor weniger als 100000 Jahren entstand. Somit dürften die Unterschiede zwischen Asiaten, Europäern und Afrikanern recht gering sein, was auch zahllose genetische Studien eindrucksvoll bestätigen. Den Wandel der letzten zwei Jahrzehnte in der Wissenschaft fasste Chris Stringer in die Worte: Unser Exodus aus Afrika, einst Ketzerei, ist inzwischen orthodoxe Lehrmeinung.

Literaturhinweise


Die Evolution des Menschen. Spektrum der Wissenschaft, Dossier 4/2002.

Vom Affen zum Menschen, Teil II: Evolution des Menschen. Spektrum der Wissenschaft, Compact 1/2002.

Der Mensch erscheint. 2. Die ersten Menschen. 3. Homo erectus. 4. Der moderne Mensch – Ursprung und Ausbreitung. Von Günter Bräuer und Jörg Reincke in: Brockhaus, Die Bibliothek, Vom Urknall zum Menschen. Leipzig, Mannheim 1999.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 38
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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