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Archäologie: Die Hethiter - eine antike Großmacht wird rekonstruiert

Nach ihrem Untergang vor über 3000 Jahren geriet die altorientalische Kultur der Hethiter völlig in Vergessenheit. Dabei hatte dieses Volk ein Großreich aufgebaut, das selbst dem mächtigen Ägypten Paroli bot.


Um das Jahr 2000 v. Chr. trat ein neues Volk aus dem Dunkel der Geschichte: die Hethiter. Über das kaukasisch-armenische Gebirgsland ziehend wanderten indoeuropäische Volksgruppen westwärts nach Kleinasien ein. Im Hochland von Kappadokien wurden sie sesshaft und vermischten sich mit der hier seit dem 3. vorchristlichen Jahrtausend beheimateten anatolischen Urbevölkerung, den Hattiern.

Über die Geschichte der frühen hethitischen Bevölkerung bis etwa um 1650 v. Chr. ist wenig bekannt. Einzelne Territorialfürsten stritten um die Alleinherrschaft. In einem langwierigen Prozess, der bis 1380 v. Chr. währte, bildete sich schließlich ein Großreich heraus. An dessen Spitze standen der Großkönig, dessen Würde durch Erbfolge weitergegeben wurde, und ihm gleichberechtigt die Großkönigin. Der Staat galt den Hethitern als "Körper des Königs" und wurde aus der königlichen Familie gebildet. Seinem Wesen nach war der Staat der Hethiter folglich kein Volksstaat, sondern eine Körperschaft. In dieser befand sich der Großkönig in unmittelbarem Kontakt zur Welt der Götter, die den Menschen nährten, aber auch straften.

Die Chronologie und Geschichte des Alten Hethiterreiches und auch die des darauf folgenden Neuen Reiches (1380-1200 v. Chr.) weist noch viele Lücken auf. Die Auswertung der hethitischen Schriftquellen gleicht einer Sisyphusarbeit. Allein in der Königsstadt Hattusa wurden seit Beginn der Grabungen durch das Deutsche Archäologische Institut im Jahre 1906 über 30000 Tontafeln gefunden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Texte – geschrieben in der von den Babyloniern übernommenen Keilschrift – oftmals nur fragmentarisch erhalten sind, und dass die Hethiter insgesamt acht verschiedene Sprachen benutzten. Bislang ist etwa ein Drittel dieses hethitischen "Staatsarchivs" entziffert. Die Mehrzahl der Keilschrifttexte thematisiert in auffälliger Weise das Verhältnis zwischen König und Göttern. "Der König möge wohlauf sein … und sein Land möge diesseits das Meer und jenseits das Meer zur Grenze haben" formuliert etwa ein alt-hethitisches Gebet.

In Anatolien trafen die Hethiter auf ein weites Netz assyrischer Handelsniederlassungen, die zur Ausbeutung der dortigen Gold- und Silbervorräte im 3. Jahrtausend v. Chr. errichtet worden waren. Unter diesen war Hattusa – rund 150 Kilometer östlich von Ankara bei der heutigen Siedlung Bogazköy gelegen – eine der bedeutendsten. Um 1700 v. Chr. zerstörte König Anitta von Kussara sowohl die 300 Meter erhöht am Südende eines Tales gelegene Burg als auch die Unterstadt des stark befestigten Ortes. Um anzuzeigen, dass Hattusa nie wieder besiedelt werden solle, ließ der König Unkraut über die Ruinen sähen. So erzählt es der "Anitta-Text", der Tatenbericht dieses regionalen Hethiterfürsten.

Doch nur etwa hundert Jahre später wurde Hattusa zur Hauptstadt des Hethiterreiches. Als dessen Begründer gilt der ebenfalls aus Kussara stammende König Labarna (um 1600 v. Chr.). Sein Name wurde – wie der des "Caesar" für die römischen Kaiser – Ehrentitel der Großkönige. Durch erfolgreiche Militäraktionen, kluge Diplomatie sowie die Fähigkeit, verschiedene Religionen zu assimilieren, gelang es den Feudalherrschern in sehr kurzer Zeit – insbesondere König Schuppiluliuma I. (1380-1354 v. Chr.) – das Reich der Hethiter neben Ägypten und Babylonien als dritte Großmacht im alten Orient zu etablieren.

Als die Hethiter bis nach Syrien vordrangen, versuchten die Ägypter, ihnen Einhalt zu gebieten. Mit 40000 Mann zog Pharao Ramses II. dem Heer des hethitischen Königs Muwatalli II. entgegen. Bei Kadesch (hethitisch: Kinza) kam es 1285 v. Chr. zur Schlacht, die mit der Niederlage der Ägypter endete. Da jedoch das Reich der Hethiter zu jener Zeit durch die Pest geschwächt war, nutzten diese ihren Vorteil nur teilweise: Ein Waffenstillstand wurde geschlossen, dann ein Friedensvertrag ausgehandelt, durch den Syrien hethitisch blieb. Es ist dies der älteste bekannte paritätische Staatsvertrag der Weltgeschichte. Als Symbol für den Weltfrieden ziert heute eine Kopie dieses hieroglyphisch und keilschriftlich überlieferten Vertrages das Verwaltungsgebäude der UNO in New York.

Doch nur etwa zwei Generationen nach seiner Blütezeit ging das Großreich der Hethiter im Sturm der so genannten "Seevölker" zugrunde. Auch die Hauptstadt Hattusa, mit 168 Hektar Fläche eine der größten Stadtanlagen der altorientalischen Welt, wurde zerstört. Der Niedergang der Hethiter bleibt rätselhaft.

Merkwürdig ist auch, weshalb die Archäologen in Hattusa, das zu den am intensivsten erforschten Stätten der hethitischen Kultur gehört, bis heute keine Gold- oder Silberobjekte gefunden haben. Brachten die Hethiter ihren Staatsschatz rechtzeitig in Sicherheit? Gingen die Pretiosen verloren, oder wurden sie eingeschmolzen? Und wo bestatteten die Bewohner ihre Toten? Etwa 100000 Grabstellen müssten es schon gewesen sein, so Jürgen Seeher, seit 1994 Grabungsleiter in Hattusa. Doch sein Team konnte bisher nur 1000 Gräber entdecken.

Für die Archäologen war es eine Sensation, als sie 1998 in Hattusa verkohltes Getreide fanden. Dessen Analyse wird vielleicht Hinweise auf das weit gehend unbekannte Alltagsleben der Hethiter liefern. Deutlicher lassen demgegenüber die Forschungen zu den drei Zeremonialtoren in der Stadtmauer erkennen, dass es sich bei der Oberstadt von Hattusa um eine ausschließlich sakrale Anlage gehandelt haben muss. Auf eine solche Funktion deuten über dreißig Tempel sowie eine Prozessionsstraße hin, die vom Königstor vor den Mauern entlang zum Sphinxtor und weiter über das Löwentor wieder zurück in die Stadt führt.

In der Unterstadt von Hattusa befand sich neben dem Königspalast das Tempelgebäude für die beiden Hauptgottheiten der Hethiter: für den Wettergott Hatti (Teschub) und für die Sonnengöt-tin Arinna (Chepa). Zwischen Ober- und Unterstadt wurden bei Nisantepe Felsreliefs mit über neunzig Darstellungen des hethitischen Götterkosmos gefunden. Hier in Felsspalten nachgewiesene Erd- und Brandbestattungen sind die frühesten in ganz Anatolien.

Auf Grund der innigen Beziehungen der Hethiter zu ihren Göttern liegt es nahe, die großartige Stadtanlage von Hattusa als symbolische Manifestation ihres Weltverständnisses zu begreifen. Dem Palastareal in der Unterstadt als Ort des irdischen Diesseits entspräche die obere Tempelstadt als dem göttlichen Jenseits. Die Kultanlage von Nisantepe wäre dann als Tor von der irdischen zur ewigen Welt aufzufassen. Die topografische Situation in Hattusa stützt jedenfalls, so Seeher, eine solche Überlegung.

Die Erforschung des "Volkes der 1000 Götter" ist in Bewegung. An vielen Orten in der Türkei graben die Archäo-logen, sodass neue Entdeckungen zu erwarten sind. Dabei verspricht sich die Wissenschaft viel von der Geoprospektion und der Luftbildarchäologie. Insgesamt fünf künstliche Teiche wurden so in den zwei vergangenen Jahren in Hattusa entdeckt. Und bei der Stadtviertelforschung wurden entscheidende Fortschritte erzielt. Auch hofft man die Hieroglyphenschrift der Hethiter, die nur im Kult Verwendung fand, ganz zu entschlüsseln. Und vielleicht gelingt es ja sogar, das Rätsel um den hethitischen Staatsschatz zu lüften.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002

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