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Gallien um 400: Ein Imperium zerfällt

Im Licht moderner Forschung erweist sich der Untergang des Weströmischen Reichs nicht als Zusammenbruch unter dem Ansturm einer "Völkerwanderung", sondern als dramatischer Zerfallsprozess, wie das Beispiel Gallien verdeutlicht. Dabei kam Militärführern und den Eliten der Provinz maßgebliche Bedeutung zu.

Das Überqueren der Donau durch die Goten im Jahr 376 und der Einfall der Langobarden in Oberitalien 568 markieren die landläufigen Vorstellungen über Beginn und Ende der "Völkerwanderungszeit". Germanische Völker überrannten demnach die Grenzen des Imperium Romanum und gründeten eigene Reiche in dessen westlichen Provinzen. Die damit verbundenen politischen Veränderungen aber hätten so tiefgreifende gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Umbrüche nach sich gezogen, dass damit ein Übergang von der Antike ins Mittelalter eingeläutet wurde.

Dieses traditionelle Bild hinterfragen Fachleute schon seit geraumer Zeit. So betonen zahlreiche Historiker und Archäologen, dass wesentliche Strukturen des Reichs wie auch Elemente der römischen Kultur noch lange Zeit nach dessen Ende erhalten geblieben seien. Auf der anderen Seite war den "Barbaren" die antike Kultur vertrauter als lange angenommen (was in der Antike unter einem Barbar verstanden wurde, erklärt der Beitrag ab S. 20). Mehr noch: Das Reich selbst hatte erheblichen Anteil daran, dass sich in dieser Übergangsphase zwischen den Epochen Stämme und barbarische Identitäten überhaupt erst formierten.

Viele Barbaren überquerten die Grenzen an Rhein und Donau nämlich nicht als Invasoren, sondern als Hilfstruppen, die durch Verträge (lateinisch "foedera") an das Imperium gebunden waren – daher auch ihre fachliche Bezeichnung "Föderaten". Ferner stellten Barbaren schon seit der frühen Kaiserzeit Rekruten für römische Legionen. Was sich in der Spätantike jedoch änderte, waren die Handlungsspielräume der Generäle. Seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert beanspruchten diese nämlich mehr und mehr Unabhängigkeit vom weströmischen Kaiser. Einer der ersten Unruhestifter war Arbogast, ein ranghoher römischer General fränkischer Abkunft. Als Kaiser Valentinian II. im Jahr 392 versuchte, sich seiner zu entledigen, zerriss Arbogast die Entlassungsurkunde mit dem Hinweis, er sei von seinen Männern gewählt worden, nicht vom Kaiser. Arbogasts Vorbild sollte Schule machen. Im 5. Jahrhundert konkurrierten einige Anführer miteinander um Einfluss in den Regionen des Reichs beziehungsweise am weströmischen Kaiserhof in Ravenna. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

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