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Evolution: Interview: 'Die Organismen entscheiden, welche Meme zu kopieren sich lohnt'

Interview mit Prof. Dr. Eckart Voland


Spektrum der Wissenschaft: Herr Professor Voland, fühlen Sie sich von Memen gesteuert?

Prof. Dr. Eckart Voland: Wie alle anderen Menschen unterliege ich natürlich Moden. Ich habe einen Geschmack, der sich gelegentlich ändert, und kenne den Wandel von ethischen Einstellungen. Wenn ich aber nachdenke, was dafür verantwortlich sein könnte, würde ich die Antwort doch eher bei meinen "egoistischen Genen" suchen als bei den Memen.

Spektrum: Was ist die Mem-Theorie für Sie?

Voland: Zunächst ein intellektuell reizvolles Spiel. Man kann sich darauf einlassen und viele kulturelle Phänomene aus einem ungewohnten Blickwinkel studieren. Wenn man möchte, kann man die Welt gut als von Memen regiert beschreiben. Mit anderen Worten: Gewährleistet wird die rein phänomenologische Darstellung der Tatsache, dass sich kulturelle Errungenschaften aller Art – Melodien, politische Ideologien, handwerkliche Techniken, bestimmte Verhaltensweisen – gegen andere durchsetzen, dass sie zum Teil vergehen, wieder entdeckt und vielleicht sogar bis in alle Zukunft tradiert werden.

Spektrum: Und wo ist der Haken?

Voland: Der Haken besteht darin, dass die Mem-Theorie keinerlei Aussage über die Kausalität und Logik dieser Entwicklungen liefert.

Spektrum: Was haben wir unter einem Mem zu verstehen?

Voland: Gemeint ist eine Entität kultureller Vererbung – eine Idee, eine ästhetische Präferenz –, die über Imitation und Traditionsbildung weitergegeben wird. Es gibt einfache Meme und ganze Mem-Komplexe.

Spektrum: Aber wie kann etwas, das eine Idee ist, selbst aktiv sein, ja angeblich sogar Macht über uns Menschen ausüben?

Voland: Das gerade ist mein Haupteinwand gegen die Theorie. Richard Dawkins und Susan Blackmore postulieren, dass Meme eigenständige Replikatoren sind. Das ist die Basis ihrer ganzen Theorie. Und eben diese Annahme halte ich für falsch, aus einem ganz einfachen Grund. Meme werden repliziert und zwar von motivierten Menschen (und einigen anderen Lebewesen) mit ihren evolvierten Interessen, Strategien und Präferenzen. Wir, die Individuen, sind es, die sehr selektiv, selbstmotiviert das aufnehmen, was wir für eine angepasste Ontogenese und Lebensbewältigung brauchen.

Spektrum: Die Mem-Theorie vertauscht also in gewisser Weise Ursache und Wirkung?

Voland: Darin liegt ja ihr anfänglicher Reiz. Allerdings stößt dieser Perspektivenwechsel dann doch sehr schnell an die Grenzen der Plausibilität. Als wesentlicher Mechanismus der Mem-Evolution wird Imitation genannt: Meme pflanzen sich in dem Maße fort, wie sie imitiert werden. Das hört sich einfach und plausibel an. Aber aus der Lernforschung wissen wir, wie überaus selektiv der Prozess der Imitation ist. Er ist gerade nicht einem Ansteckungsprozess vergleichbar, dem zufälligen Einfangen und Vermehren eines Virus. Imitation ist vielmehr ein hochgradig spezifischer Vorgang, geregelt durch natürlich selektierte "darwinische Algorithmen", wie die Evolutionspsychologen sich ausdrücken. In jedem Fall sind es die Organismen, die darüber entscheiden, welche der praktisch unendlich vielen Meme zu kopieren sich lohnt und welche nicht.

Spektrum: Wenn der kritische Begriff der des Replikators ist ? würden Sie dann behaupten, dass hier ein Terminus aus der Genbiologie durch eklektische Übertragung auf Kulturprozesse missbraucht wird?

Voland: Fälschlicherweise ge-braucht, würde ich sagen. Die Aussage, Meme seien vollständig autonome Replikatoren, ist nicht gerechtfertigt. Die Neurobiologie lehrt uns doch, dass wir die Konstrukteure unserer eigenen Wirklichkeit sind. Ich meine das nicht im Sinne eines postmodernen anything goes – im Gegenteil, die Konstruktion unserer Wirklichkeit ist ein biologisch determinierter und biologisch angepasster Vorgang. Meme springen deshalb auch nicht von Gehirn zu Gehirn, wie leichtfertig behauptet wird, sondern sie entstehen in jedem Nervensystem neu. Das ist eine Form von Replikation, die nichts gemein hat mit dem Prozess der Zellteilung.

Spektrum: Die formale Analogiebildung mit dem Prozess der Vererbung erscheint aber doch zunächst einmal sehr suggestiv.

Voland: Wobei Susan Blackmore aber selbst schreibt, dass die Analogiebildung nicht allzu weit getrieben werden kann. Der Vergleich von Genen und Memen dürfe nicht zu streng ausfallen.

Spektrum: Wo ist dann noch die Behauptung?

Voland: Selbst wenn man den Gedanken akzeptiert, dass Meme in gewisser Weise mit Genen vergleichbar sind, weil sie Information enthalten, Information, die sich ausbreitet, selbst dann hört die Analogie selbstverständlich auf, wenn wir die jeweiligen Verbreitungsmechanismen unter die Lupe nehmen. Genetische Prozesse sind primär zufällig. Die Evolution ist zielblind. Bei den Memen ist das ganz anders. Wir imitieren aus einer bestimmten Interessenlage heraus. Was in der Mem-Evolution passiert, ist dem Wesen nach lamarckistisch, das heißt, es geht um eine ziel- und zweckorientierte Weitergabe erworbener Eigenschaften. Und schließlich: Unsere Gene können wir nicht umtauschen. Wir sind ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Meme hingegen kommen und gehen.

Spektrum: Den Memen wird eine Art Egoismus zugeschrieben. Der Mensch, heißt es dann, diene ihnen nur als ein Vehikel der Verbreitung.

Voland: Das ist sozusagen der Abklatsch des "egoistischen Gens" auf das "egoistische Mem".

Spektrum: Die Mem-Theoretiker behaupten, dass imitiert wird, wer mit dem, was er macht, in irgendeiner Form besonders attraktiv erscheint. Aber die Motivation dafür – ist sie memetisch oder biologisch begründet?

Voland: Sie sprechen hier einen weiteren wunden Punkt der Mem-Theorie an. Ich werfe Susan Blackmore vor, an dieser Stelle die Ergebnisse der Kognitions- und Entwicklungspsychologie nicht ausreichend zu berücksichtigen. Unser Gehirn stellt biologisch eine informationsverarbeitende Maschinerie dar, die aufgrund bereichsspezifischer Module – zusammengehalten in einer komplexen Gehirnarchitektur – relevante (und nur relevante) Information optimal verarbeitet, und zwar im Interesse einer bestmöglichen Meisterung der Lebensprobleme von Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Diese biologische Sichtweise erklärt, denke ich, auch den selektiven Prozess der Mem-Aufnahme. Natürlich ist ein darwinischer Algorithmus denkbar, der ein "Imitiere den Erfolgreichen!" motiviert und regelt, aber, um auf Ihre Frage zurückzukommen, dieser Algorithmus ist genetisch evolviert.

Spektrum: Was kann die Mem-Theorie denn nicht erklären?

Voland: Die Mem-Theorie erklärt nicht, warum es nirgends eine Kultur der Erfolglosigkeit gibt, wohl aber erfolglose kulturelle Entwürfe, wie zum Beispiel die Feindesliebe. Ferner frage ich mich, wie die Mem-Theorie erklären möchte, dass Kinder vorzugsweise von ihren Eltern lernen. Wäre Lernen ein mem-kontrollierter Prozess, würde man doch erwarten, dass kindliche Imitation unabhängig vom Verwandtschaftsgrad der beteiligten Personen und nur abhängig von der Attraktivität der jeweiligen Meme erfolge.

Spektrum: Was wäre die übliche Erklärung?

Voland: Für Soziobiologen ist der Fall evident: Kinder sind evolviert, ihren Eltern mehr zu trauen als anderen Menschen, weil sie durch den Lauf der Stammesgeschichte davon ausgehen können, dass es ihre Eltern im Großen und Ganzen gut mit ihnen meinen. Und schließlich bleibt unerklärt, dass sich (zum großen Ärger von Pfarrern, Lehrern und Parteivorsitzenden) heranwachsende Menschen nicht wahllos auf jedes x-beliebige Mem kulturell prägen lassen. Indoktrinierbarkeit hat ihre Grenzen – ein Befund, der übrigens auch von Susan Blackmore angesprochen wird, leider aber ohne weiter verfolgt zu werden.

Spektrum: Sie äußern sich sehr kritisch zur Mem-Theorie. Erbringt sie in Ihren Augen überhaupt eine Erklärungsleistung?

Voland: Wie gesagt, sie bietet vielleicht eine interessante Beschreibung des Schicksals bestimmter kultureller Errungenschaften. Erklären tut sie allerdings solange nichts, wie sie nicht die Gründe für die unterschiedliche Attraktivität der Meme mit in ihren Blick nimmt.

Spektrum: Handelt es sich also lediglich um eine Re-Etikettierung des allgemeinen Kulturprozesses mithilfe einer der Biologie entlehnten Terminologie?

Voland: Das kann man so ausdrücken.

Spektrum: Und es gibt keinen Erkenntniszugewinn? Immerhin erfreut sich die Mem-Theorie zunehmender Beachtung. Erklärt sie nichts einfacher oder besser als herkömmliche Theorien? Oder weist sie vielleicht auf irgendwelche Dinge hin, die man zuvor so noch nicht bemerkt hat?

Voland: Man sollte Susan Blackmore zugute halten, dass sie einige kulturelle Phänomene benennt, bei deren Erklärung Evolutionsbiologen eher kleinlaut sein sollten. Ich denke da vor allem an solche Merkmale, die auf den ersten Blick keine biologische Nützlichkeit erkennen lassen, ästhetische Präferenzen beispielsweise oder Religiosität. In der Tat haben evolutionäre Anthropologen diesbezüglich noch viel zu arbeiten, und Susan Blackmore versucht, an den entsprechenden Stellen mit ihrer Mem-Theorie einzuspringen – allerdings, ich sage es noch einmal, aus den genannten Gründen nicht sehr überzeugend. Freilich gibt es auch in der Biologie erste gute Ansätze, das vorderhand Nutzlose zu erklären, im Rahmen der Signaltheorie etwa.

Spektrum: Nehmen wir einmal das Beispiel Sprache! Wie schätzen Sie Blackmores Theorie der Entstehung von Sprache ein? Sie behauptet, dass Sprache nicht aus der Notwendigkeit, Dinge zu bezeichnen, entstand, sondern zunächst über sinnlose Lautäußerungen, denen man erst im Laufe der Zeit Bedeutungen beimaß.

Voland: Da bin ich doch ausgesprochen skeptisch. Insgesamt ist die Natur ein klar ökonomisch funktionierendes Ganzes, wo sich Sinnloses oder Nutzloses nicht lange halten.

Spektrum: Susan Blackmore bezeichnet ihre Gedanken als "überwältigend", weil nun "eine einfache Theorie sowohl die gesamte menschliche Kultur und Kreativität als auch die biologische Evolution umfasst". Wenn eine Theorie alles erklärt oder vorgibt, alles zu erklären, zieht sie unweigerlich Misstrauen auf sich, unter Umständen sogar den Verdacht, eine Art Religionsersatz darzustellen. Ist das bei der Mem-Theorie der Fall?

Voland: Wenn wir die Ergebnisse, die diese Theorie hervorbringt, redlich prüfen, dann können wir beim besten Willen nicht behaupten, dass sie alles erklärt, im Gegenteil. Der Anspruch, alles zu erklären, ist ungeheuer übertrieben. Praktisch wird kein Problem gelöst.

Spektrum: Wie wird die neue Theorie von der scientific community rezipiert? Was ist Ihr Eindruck?

Voland: Viele kennen sie, bis in die Geisteswissenschaften hinein. In krassem Gegensatz dazu aber kenne ich nur ganz wenige Arbeiten, die sich der Theorie auch wirklich bedienen, um ihre Forschungsgegenstände zu bearbeiten. Kurz gesagt: Die Mem-Theorie ist geläufig, aber sie scheint kaum ein wissenschaftliches Anschubpotential zu besitzen.

Spektrum: Das passt ja zu Ihrer Aussage, dass sie einen deskriptiven Wert besitzt, ohne dabei jedoch Erklärungen zu liefern.

Voland: Genau. Auf der Ebene eines Slogans ist sie beliebt. Richtig ernst genommen wird sie, soweit ich sehe, kaum.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2000, Seite 78
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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