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Energietechnik: Interview: 'Die vergessene Säule der Energiepolitik'

Energiesparen muss künftig wesentlich stärker gefördert werden, um Probleme wie den Treibhauseffekt in den Griff zu bekommen, meint Peter Hennicke, Volkswirtschaftler und Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie.


Spektrum der Wissenschaft: Sparen ist derzeit in aller Munde, doch nur selten wird dabei auch vom Energiesparen gesprochen ...

Prof. Dr. Peter Hennicke: Das ist mehr als bedauerlich, denn allein in Deutschland ließen sich die Energieausgaben jährlich um bis zu sechzig Milliarden Euro reduzieren, das ist eine glatte Halbierung. Wir müssten dazu beispielsweise den Gebäudebestand besser gegen Wärmeverlust isolieren, elektrische Antriebe in der Produktion auf den neuesten Stand der Technik bringen, Spritfresser durch effizientere Autos und alte Haushaltsgeräte gegen Strom sparende austauschen.

Spektrum: Das klingt nach erheblichem Aufwand.

Hennicke: Der aber wichtig ist. Alle Szenarien deuten darauf hin, dass das Energiesparen in den kommenden dreißig Jahren den Hauptbeitrag zur Schonung fossiler Ressourcen und zur Reduzierung der Treibhausgase leisten muss. Wir könnten den Energieeinsatz zwischen dreißig und siebzig Prozent verringern, und zwar nur dadurch, dass wir den heutigen Stand der Technik allgemein umsetzen.

Spektrum: Aber wie soll das praktisch vonstatten gehen?

Hennicke: In erster Linie muss ein Umdenken stattfinden. Energiesparen lohnt sich langfristig fast immer – auch bei zunächst vielleicht höheren Kosten für den sparsameren Kühlschrank oder das Sprit sparende Auto. Etwa zwei Drittel des deutschen Energiesparpotenzials lassen sich allein durch rationellere Energienutzung in privaten Haushalten und beim Individualverkehr realisieren.

Spektrum: Offenbar ist es bislang noch nicht gelungen, dieses Bewusstsein zu verankern.

Hennicke: Natürlich, denn Energiesparen ist zunächst sehr abstrakt. Es müsste sinnlich wahrnehmbar gemacht werden. Was sagt einem schon die Energieverbrauchsklasse A oder G? Wer eine Waschmaschine kauft, der möchte möglichst direkt sehen, um wie viel teurer ihn Gerät X gegenüber Gerät Y im Stromverbrauch kommt. In den USA gibt es dazu ein Energy-Guide-System, das diese Information über kleine Zeiger verdeutlicht. Gerade hier vermisse ich die Initiative der Politik. Ein effektives Energiesparprogramm existiert bisher nicht. Für mich ist das die vergessene Säule der Energiepolitik.

Spektrum: Was sollte die Regierung tun?

Hennicke: Zunächst müsste sie dem Verbraucher dieses Thema in verschiedenen Kampagnen nahe bringen. Ganz wichtig wären aber auch Maßnahmen, die das Energiesparen attraktiv machen, wenn es sich scheinbar nicht rechnet.

Spektrum: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Hennicke: Bisher hat ein Vermieter kaum Interesse, sein Haus gegen Wärmeverluste zu dämmen. Da er die Heizkosten umlegt, käme diese Maßnahme nur dem Geldbeutel der Bewohner zugute. Doch was wäre, wenn sich ein potenzieller Mieter oder Hauskäufer anhand eines Energiepasses vorab informieren kann, wie hoch die monatlichen Nebenkosten tatsächlich sind? Ein solches Zertifikat sollte man verbindlich und flächendeckend einführen. Das wäre für den Vermieter ein Anreiz, sein Haus zu dämmen, weil er so die Vermietbarkeit erhöht.

Spektrum: Sicher wird auch die Industrie ihren Teil zum Energiesparen beitragen müssen.

Hennicke: Richtig. Auch wenn Manager heute andere Sorgen haben, können wir ihnen auf Euro und Cent beweisen, dass Energiesparen die Umsatzrendite erhöht. Im Schnitt lassen sich zwischen zwanzig und sechzig Prozent der Energiekosten einsparen. Das glaubt uns zunächst natürlich niemand. Wenn wir dann aber durch den Betrieb gehen und zeigen, dass hier ein Leck ist, da die Druckluft optimiert werden kann und dort Motoren unnötig lange laufen, sieht die Sache schon anders aus. In Dänemark sind solche Betriebsbegehungen sogar vorgeschrieben. Wer das nicht will, der muss eine Energiesteuer entrichten. So werden Firmen mit sanftem Druck dahin gebracht, die Energieeffizienz ihres Betriebes zu optimieren. Zum eigenen Nutzen, denn am Ende zahlen sie weniger Geld für Strom und Wärme.

Spektrum: Wäre eine solche Regelung auch für Deutschland denkbar?

Hennicke: Ich vermute ja. In erster Linie brauchen wir aber eine politische Akzentsetzung anderer Art – einen Energiesparpakt, der Politik, Bürger und Industrieunternehmen verbindet. Das zentrale Element eines solchen Paktes wäre ein Energiefonds, der mit einer kaum spürbaren Abgabe von wenigen zehntel Cent pro Kilowattstunde finanziert würde.

Spektrum: Eine neue Abgabe? Die dürfte den Bürgern gegenwärtig nur schwer zu vermitteln sein.

Hennicke: Nicht, wenn man ihnen deutlich macht, dass die Abgaben letztlich zu einer Verringerung der Energiekosten führen und damit dann wieder allen zugute kommen. Bis zu 1,5 Milliarden Euro jährlich könnten in den Fonds fließen, um dann zum Beispiel Kampagnen zur Einführung sparsamer Haushaltsgeräte oder die Installation effizienterer Druckluftsysteme zu finanzieren.

Spektrum: Gibt es Vorbilder für einen solchen Energiepakt?

Hennicke: Sowohl in Großbritannien und Dänemark als auch in den Niederlanden wurden derartige Fonds bereits erfolgreich realisiert. In Deutschland gibt es immerhin schon regionale Beispiele. So haben die Stadtwerke Hannover den Kilowattstundenpreis geringfügig erhöht und mit dem Geld eine Energiesparkampagne finanziert sowie den Kauf effizienter Kühlgeräte gefördert. Inzwischen wird aus diesem Topf die bessere Wärmedämmung von Gebäuden unterstützt. Das machte den Bau neuer Energieerzeugungsanlagen unnötig. Statt eines realen Kraftwerks entstand in Hannover ein Energiesparkraftwerk.

Spektrum: Man könnte aus einem solchen Fonds natürlich auch in regenerative Energien investieren.

Hennicke: Das ist sogar dringend zu empfehlen; denn bei volkswirtschaftlicher Betrachtung dürften die erneuerbaren Energien nur dann eine wirkliche Chance auf rasche Markteinführung haben, wenn man sie aus den eingesparten Energiekosten mitfinanziert. Und das bedeutet: Nur wenn wir die Energieausgaben bundesweit verringern, wird ein erheblicher Stromzuwachs aus Sonne, Wind und Wasserstoff bezahlbar sein.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003, Seite 84
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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