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Kultur, Wissenschaft und Bildung - Basis einer neuen Kooperation zwischen Asien und Europa

Die europäischen Staaten hatten es aus falschem Überlegenheitsgefühl heraus versäumt, nachhaltige Beziehungen zu der aufstrebenden Weltmacht Ostasien aufzubauen. Der akademische Bereich könnte nun helfen, den sozialen, kulturellen und intellektuellen Rahmen für eine intensivere politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Kontinente auszubauen.

Ein Schritt hin zu einem verbesserten Dialog markiert das erste asiatisch-europäische Gipfeltreffen in Bangkok im März letzten Jahres, auf dem die Staats- und Regierungschefs der 15 Mitglieder der Europäischen Union (EU) mit ihren Kollegen aus den sieben Mitgliedsstaaten der Vereinigung Südostasiatischer Staaten (ASEAN) sowie aus China, Japan und Südkorea zusammenkamen (Bild 1). Während das Ereignis in den asiatischen Medien breites Interesse hervorrief, wurde es in Europa wenig bis kaum beachtet. Gleichwohl stellt es einen historischen Wendepunkt in den Beziehungen dar: Konsultationen sollen fortan regelmäßig stattfinden; ein zweites Gipfeltreffen ist für 1998 in London und ein drittes für das Jahr 2000 in Seoul vorgesehen.

Damit hat die EU endlich auf eine Entwicklung reagiert, die sich durchaus als eine der folgenreichsten Umwälzungen in der Geschichte erweisen könnte: Ostasien trägt bereits zu mehr als der Hälfte des Weltwirtschaftswachstums bei (Bild 2); im Jahre 2000 werden 400 Millionen Asiaten über eine Kaufkraft verfügen, die der eines Durchschnittseuropäers entspricht. Insgesamt treten fast zwei Milliarden Menschen in Ostasien in eine Ära des Massenkonsums ein – die globalen Auswirkungen im 21. Jahrhundert dürften gewaltig sein.

Europa hat diese Entwicklung regelrecht verschlafen. Infolgedessen ist der EU-Anteil am Wert der Importe Asiens zwischen 1970 und 1995 von 25 auf 15 Prozent gesunken. Zwischen 1986 und 1995 stammten lediglich zehn Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in Asien aus EU-Mitgliedsstaaten, und europäische Anleger hatten 1995 nur drei Prozent ihres Aktienkapitals in Anteilscheinen asiatischer Unternehmen investiert, im Vergleich zu sechs Prozent im Jahre 1980. In den USA studieren viermal so viele Studenten aus asiatischen Ländern wie in Europa (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, März 1997, Seite 122). Geschäftsleute und die rasch anwachsende städtische Mittelschicht in Ostasien betrachten Europa derzeit als protektionistische Festung, die allenfalls als Ziel von Urlaubsreisen attraktiv ist.

Vor zwei Jahren wurde die Europäische Kommission aktiv. Sie beschloß – auf Anregung Singapurs –, Gipfeltreffen abzuhalten, um die schwierige europäisch-asiatische Beziehung in eine Partnerschaft mit Zukunft umzuwandeln.

Im folgenden will ich die kulturellen und intellektuellen Dimensionen der gegenwärtigen Beziehungen zwischen den beiden Kontinenten erörtern. Es scheint dringend geboten, die Zusammenarbeit zwischen Asien und Europa in den Bereichen Forschung, Ausbildung und Kultur zu verbessern, um so eine angemessene Plattform für eine stärkere Kooperation im politischen wie im wirtschaftlichen Bereich zu schaffen.


Gemeinsame Interessen?

Viele der Meinungsverschiedenheiten – beispielsweise über Menschenrechte – wurden in Bangkok kaum angesprochen. Der Gipfel beschäftigte sich in erster Linie mit wirtschaftlichen Themen, denn auf diesem Gebiet lassen sich relativ einfach gemeinsame Interessen formulieren. Offensichtlich sieht Europa Asiens neue ökonomische Stärke als eine mögliche Hilfe zur Lösung der eigenen wirtschaftlichen Probleme an. Zugleich vermag Europa fortschrittliche Technologie und einen entwickelten Markt zu bieten, auf dem die Wirtschaftsregion Asien ihre Fähigkeit zur Herstellung von hochwertigen Produkten verbessern kann. Auf diese Weise kann der schwierige Schritt von der investitions- zur produktivitätsgesteuerten Wirtschaft erleichtert werden, den zahlreiche asiatische Länder vollziehen müssen, um auch in den kommenden Jahrzehnten ein hohes Wirtschaftswachstum erzielen zu können.

Die Frage ist jedoch: Können ähnliche gemeinsame Interessen ebenso leicht in den Bereichen Wissenschaft, Forschung, Ausbildung und Kultur formuliert werden? Betrachten sich die beiden Parteien auf diesen Gebieten als Gleiche unter Gleichen?

Einen bedeutenden Unterschied hob Malaysias Premierminister, Mahathir Mohammad, hervor. Die europäischen Staats- und Regierungschefs hätten eingesehen, daß es den Europäern an Informationen über Asien mangele, während umgekehrt Asiaten recht gut über Europa informiert seien. Einer der Hauptgründe dafür sei die ungleiche Anzahl an Studenten, die Universitäten des jeweils anderen Kontinents besuchen.

Gerade die asiatischen Länder setzten sich für ein asiatisch-europäisches Universitätsprogramm ein, um den Schüler- und Studentenaustausch zu intensivieren und so ein besseres Verständnis für die Geschichte, die jeweilige Kultur und die entsprechenden Geschäftsgewohnheiten beider Regionen zu entwickeln. Die europäische Seite hingegen hatte Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen bislang weniger Bedeutung für eine Kooperation zugemessen.


Europäische Ignoranz und ihre Ursachen

Dieses Ungleichgewicht ist historisch begründet: Viele Europäer halten sich noch immer intellektuell und kulturell für überlegen; ihr Asienbild ist nach wie vor von viel Ignoranz und Unverständnis geprägt.

Beispielsweise glauben viele, die Wurzeln von Wissenschaft und Technik lägen im Okzident. Doch zahlreiche Innovationen, die den Beginn der Neuzeit einläuteten, stammen aus China. Dazu gehören nicht nur Schießpulver, Papier und Buchdruck, sondern auch neuartige Kommunikationssysteme, die durch den Bau von Brücken, Kanälen und Fernstraßen ermöglicht wurden, die Entwicklung einer Marktwirtschaft durch Verwenden von Papiergeld sowie – nach Erfindung des Kompasses – der Aufbau eines Übersee-Handelsnetzes (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 125).

Ohne diese und andere Erfindungen, von denen Europa erst mehrere Jahrhunderte später erfuhr, wären die sich anschließenden wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen nicht möglich gewesen. Die Beiträge des fernöstlichen Reiches zur Menschheitskultur hat der britische Biologe und Wissenschaftshistoriker Joseph Needham (1900 bis 1995) in seinem monumentalen, 17 Bände umfassenden Werk "Science and Civilisation in China" dokumentiert, an dem er 40 Jahre lang bis zu seinem Tod gearbeitet hat.

Ein Abriß der Geschichte der europäischen Wahrnehmung Asiens zeigt, worauf diese Unwissenheit beruht. Im 16. und 17. Jahrhundert, als sich Kontakte zwischen den Bewohnern beider Kontinente dauerhaft etablierten, berichteten Reisende voller Bewunderung über die asiatische Lebensart, die technischen Fertigkeiten und die hochentwickelten Kulturen, die oft als den europäischen überlegen beurteilt wurden.

Die erste britische Expedition nach China sandte 1636 einen Bericht über ein seit langem bestehendes Reich nach Hause, das über unermeßlichen Reichtum, Weisheit bei der Führung der Regierungsgeschäfte und überragendes technisches Wissen verfüge. Ein ähnlich überschwengliches Bild zeichneten im darauffolgenden Jahrhundert aus Frankreich stammende Jesuiten und beeindruckten damit viele gebildete Europäer; der Schriftsteller Voltaire (1694 bis 1778) beispielsweise nannte China einmal das "weiseste Reich der Welt".

Ähnliche Berichte aus jener Zeit über die Kulturen Südostasiens finden sich zuhauf; die europäischen Beobachter stellten die erstaunlich hohe Alphabetisierungsrate, die gehobene Position von Frauen in Handel und Gewerbe und eine höhere Lebenserwartung aufgrund besserer Hygiene, gesünderer Ernährung und überlegener medizinischer Versorgung fest. Noch 1788 schrieb der schwedische Botaniker Carl Peter Thunberg (1743 bis 1828) – der als erster die Flora Japans systematisch erfaßte –, die japanische Kultur befinde sich auf einer höheren Ebene als die europäische. Es gab weder Pässe noch Binnenzölle, dafür eine aufstrebende Landwirtschaft in einer Gesellschaft mit strengster Ordnung, unerschütterlichen Gesetzen und Sitten sowie einen ausgeprägten Sinn für Höflichkeit, Sauberkeit und Gesetzestreue.

Während dieser Epoche, die bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dauerte, galten Asien und Europa als ebenbürtig. In der Folgezeit entwickelte sich jedoch die Vorstellung von der europäischen Überlegenheit, die schließlich mit dem Kolonialismus zu voller Blüte gelangte. Der bekannte Ausspruch des englischen Schriftstellers Joseph Rudyard Kipling (1865 bis 1936), "Ost ist Ost, und West ist West, und nie werden beide zueinanderfinden", brachte die neue Überzeugung vom unüberwindlichen Unterschied zwischen der europäischen und der asiatischen Welt auf den Punkt. Die Aufklärung, materieller Fortschritt und die Ausdehnung der Macht Europas bewirkten mit, daß Asien als fremd und unterlegen angesehen wurde.

Zu diesem Meinungsbild trugen nicht zuletzt die berühmten Philosophen und Ökonomen jener Zeit bei – Charles de Montesquieu (1689 bis 1755), Adam Smith (1723 bis 1790), Richard Jones (1790 bis 1855), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831), Karl Marx (1818 bis 1883) sowie der Vater der europäischen Wissenschaftsgeschichte, Leopold von Ranke (1795 bis 1886). Sie alle propagierten das Bild eines unbeweglichen und rückwärtsgewandten Asien mit despotischen und moralisch anfechtbaren Staaten, deren Kultur fremd und der europäischen nicht ebenbürtig sei. Ihr Urteil gründete sich nicht auf eigene Beobachtungen und Erlebnisse; es war oberflächlich, ignorant und voller Vorurteile, spielte aber dennoch eine entscheidende Rolle bei der Rechtfertigung und Intensivierung der Ausdehnung der europäischen Einflußgebiete.

Die Vorstellung von der Überlegenheit Europas stützte sich auf eine neue evolutionistische Sichtweise der Geschichte. Das Schlüsselwort war Fortschritt, der gleichgesetzt wurde mit einer Vorherrschaft der Technik und des rationalen Denkens über die Natur. Auf dieser Grundlage wurde die Geschichte so interpretiert, als verlaufe sie nach erkennbaren Mustern und im wesentlichen in Richtung höherer Formen sozialer Organisation und menschlichen Lebens.

Europa und sein kultureller Vorposten in Nordamerika bildeten nun die sogenannte westliche Welt; alle übrigen Länder, so meinte man, seien auf einem niedrigeren Entwicklungsniveau stehengeblieben. Demzufolge galt es, die aus westlicher Sicht nötigen Grundvoraussetzungen für Fortschritt – Kapital, Wertvorstellungen, Institutionen und Wissen – auf andere zu übertragen.

Diese Vorstellungen überlebten den Zusammenbruch der Kolonialreiche und prägen auch heute noch die Sichtweise vieler Menschen in der sogenannten westlichen Welt. Ein Beispiel dafür ist Francis Fukuyama, der an der George-Mason-Universität in Fairfax (Virginia) lehrt (Bild 3 links): In seinem aktuellen Bestseller "Das Ende der Geschichte" meint er, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus habe sich gezeigt, daß liberale Demokratie, individuelle Freiheiten und Kapitalismus Hand in Hand gingen und die universelle Lösung für die Organisation der Gesellschaft bildeten; damit würden sie die Endstufe der gesellschaftlichen Evolution darstellen.

Diese evolutionistische Sichtweise hat Europas Versuch, sich in die sich herausbildende neue Weltordnung einzupassen, behindert. Aus dem Gefühl der Überlegenheit heraus wurden jahrzehntelang das wirtschaftliche Wachstumspotential und die Zukunftsaussichten Ostasiens unterschätzt. Deshalb gibt es noch immer keine wirklich funktionierende Zusammenarbeit zwischen Europäern und Asiaten – weder unter Geschäftsleuten und Akademikern noch unter Politikern oder anderen Führungspersönlichkeiten.


Zukunftsvisionen für Asien und Europa

Inzwischen ist Ostasien neben Europa und Nordamerika das dritte Machtzentrum auf der Weltbühne geworden. Die europäischen Staatsmänner und Intellektuellen taten sich schwer, dies zu erkennen und darauf zu reagieren.

Wie ist die asiatische Seite mit dieser Situation umgegangen? Sicherlich hat eine bedeutende psychologische Umwälzung stattgefunden. Asiaten brauchen nicht mehr – wie in der Kolonialzeit – das Gefühl zu haben, sie seien nur Menschen zweiter Wahl. Die meisten von ihnen wissen, was sie leisten können, und halten es für möglich, ihr Einkommen im Laufe ihres Berufslebens zu verdoppeln oder zu verdreifachen. Ihr Selbstbewußtsein ist gleichsam explodiert. Vor diesem Hintergrund lehnen sie die evolutionistische Vorstellung ab, der zufolge die asiatischen Gesellschaften und Wertvorstellungen nach und nach denjenigen im Westen ähnlicher würden und schließlich in diesen aufgehen müßten.

Eine der fundiertesten Visionen der Zukunft Asiens veröffentlichte 1994 eine Gruppe einflußreicher Intellektueller aus Ländern Süd-, Ost- und Südostasiens mit dem Titel "Towards a New Asia". Darin ist nicht die Rede von einem Ende der Geschichte im Sinne Fukuyamas, sondern von einer Rückkehr zur Geschichte – zu den Zeiten, da Asien die Wiege der menschlichen Zivilisation war. Diskutiert werden Alternativen zur westlichen Art der Gesellschaftsorganisation, und Themen wie gesellschaftliche Eintracht, Konsensbildung, Pflichterfüllung gegenüber der Gemeinschaft, Heiligkeit der Familie, starke Regierung und Wirtschaftswachstum werden aufgegriffen.

Die westliche Demokratie wird als unvollkommene Regierungsform angesehen; westlicher Individualismus gilt als gesellschaftlich verheerend. Zur Weiterentwicklung Asiens werde ein Rechtsstaatsprinzip gebraucht, das auf starken und stabilen Regierungen, verantwortungsbewußten Massenmedien und der Entscheidungsfindung durch harmonischen Austausch und Konsens basiert. Innerhalb solcher intellektuellen Traditionen setzt sich langsam die Vorstellung durch, die "asiatische" Kultur sei anders als die "westliche" und besser geeignet, die Herausforderungen der im Entstehen begriffenen neuen Welt anzunehmen. Manche glauben gar, "Asien" komme gänzlich ohne den "Westen" aus.

Einer anderen Denkrichtung zufolge beruht der Aufstieg Asiens nicht auf einem Wiedererstehen früheren Ruhms, sondern auf einer Verschmelzung fernöstlicher und westlicher Kultur, wobei die Asiaten den Vorteil haben, aus Europas Fehlern lernen und sie vermeiden zu können. Die ostasiatische Gesellschaft der Zukunft werde somit etwas gänzlich Neues sein – eine, die das Beste aus beiden Kulturkreisen in sich vereinigt.

Als beispielhaftes Modell wird Japan angeführt. Die kulturellen Grundlagen und Werte dieses Landes haben sich erhalten, während Verwaltung, Geschäftswelt, Wissenschaft und Technik westlich inspiriert sind – und zu den leistungsfähigsten der Welt gehören (Bild 2). Auch wenn viele japanische Teenager äußerlich ihre europäischen Altersgenossen nachahmen – ihr Wertesystem ist weiterhin grundsätzlich japanisch geprägt (Bild 4 links). Sie verhalten sich Älteren gegenüber respektvoll, verneigen sich vor ihnen, und es gibt kaum Jugendkriminalität. Die Modernisierung konnte den Zusammenhalt dieser Gesellschaft und ihrer Familien nicht schwächen. Der Erfolg, so heißt es, sei einer gelungenen Kombination der japanischen Kultur mit westlichen Methoden zu verdanken.

In Europa hingegen fehlen Zukunftsvisionen. Viele Europäer blicken mit Mißtrauen nach Ostasien. Einige fühlen sich sogar direkt bedroht, weil die als unfair empfundenen Geschäftspraktiken – niedrige Löhne, Kinderarbeit, kaum vorhandene Fürsorge, Protektionismus und Mißachtung der Menschenrechte – die europäische Wirtschaft und Gesellschaft erschüttern oder gar zerstören könnten.

Freilich gibt es auch immer mehr Europäer mit einer positiveren Sichtweise. Sie betrachten Ostasien als riesige Wachstumszone, in der europäische Unternehmen zunehmend Marktanteile gewinnen können und in der auch Europas Kultur und sein intellektuelles Denken zur weiteren Entwicklung beizutragen vermögen. Um dies zu erreichen, ist ein stärkerer wechselseitiger Austausch dringend erforderlich.


Zwei Szenarien

In dieser Hinsicht war das Gipfeltreffen in Bangkok ein wichtiger Fortschritt. Die Frage ist jedoch, ob es Asien und Europa langfristig gelingt, auf neue, andere Art als bisher zueinander zu finden. Zwei mögliche Szenarien sind vorstellbar – eines geprägt von Konfrontation, das andere von Kooperation.

Das Konfrontationsszenario entspräche dem provokativen Essay, den Samuel P. Huntington (Bild 3 rechts), der an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) Politikwissenschaften lehrt, 1993 in der angesehenen Zeitschrift "Foreign Affairs" veröffentlichte und mittlerweile auch zu einem Buch erweitert hat ("Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert", Europa-Verlag, München 1996). Huntington zufolge werden sich Konflikte immer öfter entlang der Verwerfungslinien zwischen den sieben oder acht wichtigsten Kulturen entzünden; dabei stünde die westliche zunehmend allen anderen gegenüber. (Die vorherrschenden Kulturkreise sind ihm zufolge der Okzident, das konfuzianische Einflußgebiet, Japan, der Islam, der Hinduismus, die slawisch-orthodoxe Region, Lateinamerika sowie eventuell afrikanische Zivilisationen.) Der Westen müsse sich auf diese Auseinandersetzungen vorbereiten, indem er die religiösen und philosophischen Grundlagen anderer Zivilisationen besser zu verstehen suche. Vor allem jedoch müsse er seine militärische Überlegenheit aufrechterhalten, internationale Institutionen zur Legitimierung seiner Interessen fördern und sich – in machiavellistischer Weise – die Unterschiede zwischen den anderen Kulturen zunutze machen.

Die Alternative zu diesem alptraumhaften Szenario ist Anpassen und Lernen. Einige Analytiker halten die Kluft zwischen Asiens und Europas politischen, sozialen und kulturellen Werten – auch bei Schlüsselthemen wie Demokratie und Menschenrechten – für nicht unüberwindbar; sie sei eher von gradueller als von grundlegender Art.

Die in den letzten Jahren recht hitzig geführte Auseinandersetzung über "asiatische" und "westliche" Werte scheint sich mittlerweile entspannt zu haben. Zunehmend wird deutlich, daß es sich dabei um eine vorübergehende Reaktion einiger asiatischer Staatsmänner und Intellektueller handelte, die unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Auseinanderfallen der Sowjetunion durch liberalistische Forderungen des Westens ausgelöst wurde.

Falls dies zutrifft, ließe sich vielleicht ein mehr oder weniger universelles Wertesystem finden, in dem Grundsätzliches wie die freie Entfaltung des einzelnen und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz von allen denkenden Menschen sowohl in Asien als auch im Westen akzeptiert würde. Der Unterschied läge dann einzig in den Mitteln, mit denen man diese Ziele zu erreichen sucht.

Die meisten asiatischen Staatsmänner – falls eine solche Verallgemeinerung zulässig ist – möchten vorsichtig das Terrain sondieren. Gegenwärtig versuchen sie herauszufinden, wie schnell und wie weit sie in Richtung stärker individualistisch und weniger autoritär geprägter Gesellschaftsformen gehen können. Viele von ihnen halten eine solche Entwicklung für unvermeidlich, doch müßten zugleich Vorkehrungen gegen gesellschaftliche Auflösungsprozesse getroffen werden.

Die Auffassung, daß die Souveränität eher beim einzelnen als bei der Gesellschaft ruhe, weist zwar in die richtige Richtung; doch ist man allgemein davon überzeugt, daß der Westen dem Individuum zu viele Rechte zugebilligt habe, wodurch der Staat das Gemeinwohl nicht ausreichend fördern könne. Durch die gegenwärtig in Europa stattfindende Neubewertung der Grenzen des Sozialstaats sehen sich die asiatischen Staatsmänner darum in ihrer Politik langsamer Veränderungen bestätigt.

Aus dieser Perspektive gesehen, beruhen die ideologischen Konflikte zwischen asiatischen und westlichen Werten im wesentlichen auf Mißverständnissen und lückenhaftem Wissen. Nicht die Unterschiede, sondern die gemeinsamen Werte sollten stärker hervorgehoben werden und Grundlage für politische Vorgaben bilden.


Asiatisierung und Verwestlichung

Wenn wir dieses Szenario weiterentwickeln – was wird ein solch positiver Dialog in den nächsten 20 Jahren mit sich bringen? Hohes Wirtschaftswachstum und politische Stabilität in dieser Region vorausgesetzt, wird Ostasien einen gravierenden Einfluß darauf haben, wie sich die Gesellschaften in der übrigen Welt organisieren. Um weiter zu bestehen, werden andere Länder die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen Ostasiens studieren und sie nachzuahmen suchen.

Es gibt europäische Wirtschaftswissenschaftler, die dies bereits jetzt unterstützen. Einigen zufolge fördert der "autoritäre Entwicklungszustand" Ostasiens das Wirtschaftswachstum durch Manipulation der Gesellschaft. Andere wiederum betrachten die typisch asiatische Kombination des von der europäischen Linken vertretenen Gleichheitsethos mit der von der Rechten hervorgehobenen Bedeutung des Individuums und des Marktes als Lösung für die gegenwärtige wirtschaftliche Stagnation im Westen. Manche Ökonomen empfehlen, europäische Unternehmen müßten, um wettbewerbsfähig bleiben zu können, vernetzte Strukturen übernehmen, wie sie in China üblich sind; und eine steigende Anzahl westlicher Politiker spricht sich für drastische Steuersenkungen und einen Abbau des Sozialstaates zugunsten einer nach asiatischem Vorbild höheren Solidarität innerhalb der Familie und der Verwandtschaft aus.

Asiatische Beobachter sind sich hingegen bewußt, daß die in Europa eingeführten Solidargemeinschaften und Sozialvereinbarungen dem sozialen Frieden und der Stabilität dienen. Auch die ostasiatischen Länder werden nach Wegen und Instrumenten suchen müssen, um die Bevölkerung abzusichern und die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts gerecht zu verteilen, wenn sie ihrerseits den Frieden und die Stabilität sichern wollen, die für ein fortdauerndes Wirtschaftswachstum unerläßlich sind; dabei werden sie in den nächsten Jahrzehnten manches Problem zu lösen haben.

In diesem Szenario eines positiven Dialogs zwischen Ostasien und den Ländern der westlichen Welt werden auf beiden Seiten Lern- und Nachahmungsprozesse ablaufen. Sicherlich wird es nicht zu einer Konvergenz im Sinne Fukuyamas, also einer einseitigen Verwestlichung der asiatischen Länder, kommen. Statt dessen werden die asiatischen Länder weiterhin vom Westen lernen – wie auch die europäischen Staaten beginnen müssen, von Asien zu lernen.


Das Erfordernis von Ausbildung und Forschung

Um diese Entwicklung einzuleiten, müssen Forschung und Ausbildung als Instrumente zum Aufbau der Zukunft deutlich aufgewertet werden. Unter Forschung soll hier nicht nur Wissenschaft und Technik, sondern auch kultur- und gesellschaftsspezifische Forschung in den Bereichen Philosophie, Sprachen, Religion, Gesellschaft, Gesellschaftsordnung, Politik und Wirtschaftsbeziehungen verstanden werden – also der gesamte Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften. Ebenso meine ich mit Ausbildung nicht nur das instrumentelle Wissen und berufliche Fähigkeiten, die auf der gesamten Welt mehr oder weniger gleich sind, sondern auch soziale, kulturelle und sprachliche Kompetenzen, die durch Studien in anderen Kontinenten erworben werden.

In Europa erforschen derzeit etwa 12000 Akademiker asiatische Gesellschaftsformen und Kulturen. Alle beherrschen eine oder mehrere asiatische Sprachen, haben eigene Erfahrungen, da sie in Asien gelebt und gearbeitet haben, und kooperieren recht gut mit dortigen Kollegen und Institutionen. Sie bilden schon lange einen subtilen und unsichtbaren Bestandteil der asiatisch-europäischen Zusammenarbeit; doch die Politik schöpft dieses Potential bisher nicht genügend aus.

Dabei könnten diese europäischen Asienexperten erheblich dazu beitragen, die kulturelle Dimension der europäisch-asiatischen Beziehungen zu intensivieren und die Stereotypen, auf denen die Politik der meisten europäischen Länder basiert, zu korrigieren. Das Problem besteht darin, eine größere Anzahl von ihnen aus dem rein akademischen Umfeld herauszulocken, damit sie zeigen können, daß ihre Erfahrung auch außerhalb der Hochschulen von Bedeutung ist. Bemühungen in dieser Richtung unternimmt derzeit unter anderem das 1994 gegründete Asienkomitee der Europäischen Wissenschaftsstiftung.

Vielleicht abgesehen von Japan verfügen die Länder Asiens noch nicht über ein vergleichbares Expertenpotential. Doch vor dem Hintergrund der in den kommenden Jahrzehnten zu erwartenden wachsenden Investitionen asiatischer Unternehmen auf dem europäischen Kontinent beginnt sich das Fachgebiet der Europa-Studien zu entwickeln. Die Europäische Kommission fördert dies, indem sie beispielsweise in China den Aufbau eines entsprechenden Studiengangs finanziell unterstützt.

Wohl noch wichtiger ist, daß Fachleute aus der Wirtschaft, den Regierungen, den Medien und der Gesellschaft allgemein für Tätigkeiten in dem jeweils anderen Erdteil vorbereitet werden. Dies bedeutet, daß weit mehr Europäer an asiatischen und weit mehr Asiaten an europäischen Universitäten studieren sollten als heute. In Asien hat man dies bereits erkannt, nicht jedoch in Europa. In den vergangenen Jahrzehnten haben die asiatischen Länder erheblich in die Ausbildung in Übersee investiert. Davon profitiert haben indes – abgesehen von den Asiaten selbst – hauptsächlich die USA. Im Jahre 1985 legten 20000 Studenten aus Asien ihren Abschluß an amerikanischen Universitäten ab; 1990 waren es bereits 200000, und ihre Anzahl ist seitdem noch weiter gestiegen. Für Europa gibt es kaum vergleichbare Statistiken, doch wird geschätzt, daß die Zahl der asiatischen Studenten an hiesigen Universitäten höchstens ein Viertel so hoch ist. Der größte Teil von ihnen studiert (der Sprache wegen) in Großbritannien, der kleine Rest in den anderen Ländern Europas.

Insgesamt haben viele Millionen Asiaten in den vergangen Jahren ihre Ausbildung im Westen erhalten (Bild 4 rechts). Die Auswirkungen lassen sich bereits an der Einstellungspolitik der großen transnationalen Unternehmen ablesen. Ein Beispiel: Dem Jahresbericht 1993 der Amerikanisch-Malaysischen Handelskammer ist zu entnehmen, daß allein in jenem Jahr der Anteil an Einheimischen, die Managementpositionen in US-Unternehmen in Malaysia innehatten, um 40 Prozent gestiegen war. In Singapur werden einheimische, aber im Westen ausgebildete Führungskräfte gegenüber westlichen Bewerbern bervorzugt – nicht etwa wegen der geringen Gehälter, sondern weil sie besser mit beiden Kulturkreisen vertraut sind. Die großen europäischen Unternehmen, die in Ostasien operieren, verfolgen dieselbe Strategie. Wollen Europäer auf diesem karriereträchtigen Arbeitsmarkt bestehen, müssen sie entweder über sehr spezielles Know-how verfügen oder aber in Asien studiert und eine asiatische Sprache erlernt haben.

Das gleiche gilt für Asiaten, die in Europa arbeiten wollen. Englischkenntnisse oder eine Ausbildung in Großbritannien werden nicht mehr genügen. Die Fähigkeit, sich in anderen europäischen Kulturen und Sprachen bewegen zu können, wird unerläßlich sein, wenn Asien im 21. Jahrhundert verstärkt in Europa investiert.


Das Erfordernis einer langfristigen Strategie

Das Versäumnis Europas, die Ausbildung in Übersee entsprechend zu fördern, kann nicht allein von der Privatwirtschaft korrigiert werden; vielmehr müssen Universitäten und Regierungen auf europäischer Ebene in einer konzertierten Aktion darangehen.

Es muß daher dringend eine Strategie dafür erarbeitet werden, wie die Universitäten langfristig dazu beitragen können, den sozialen, kulturellen und intellektuellen Rahmen für die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Asien und Europa zu verbessern. Ziel muß dabei sein, junge Akademiker mit Erfahrung im und Zuneigung zum jeweils anderen Erdteil in ausreichender Anzahl heranzubilden. Wenn diese dann eines Tages führende Positionen in Regierung, Wirtschaft und Forschung einnehmen, können sie zu Pionieren intensiver asiatisch-europäischer Zusammenarbeit werden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1997, Seite 108
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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