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Mehr Markt auf dem Arbeitsmarkt


Die Welt ist im Umbruch. Ein rasanter Wandel, getrieben vor allem von den neuen Informationstechnologien, verringert in der Wirtschaft Transport- und Kommunikationskosten. Es handelt sich dabei um einen Akt der schöpferischen Zerstörung: Humankapital und vor allem Information sind die Rohstoffe der Zukunft. Die Produktionsprozesse werden komplexer. Einzelne Glieder der Wertschöpfungskette lassen sich entkoppeln und räumlich verteilen. Direktinvestitionen in unmittelbarer Nähe der Märkte werden für die global agierenden Unternehmen immer bedeutender. Auch der Produktionsfaktor Arbeit überspringt inzwischen häufiger als bislang nationale Grenzen, wenngleich der Aktionsradius der meisten Menschen wohl weiterhin regional begrenzt bleibt. Alles in allem aber dürfte der strukturelle Wandel sich noch vertiefen und beschleunigen, und damit steht vieles zur Disposition.

Die gegenwärtig allenthalben auf dem europäischen Kontinent zu verspürende bänglich-resignative Stimmung ist allerdings fehl am Platze: Vorerst revolutionär anmutende Technologien bereiten weltweit den Boden für Innovationen. Ein neuer Wachstumszyklus ist auch von Politikern, die lediglich herkömmliche Probleme verwalten, nicht aufzuhalten (vergleiche das FORUM “Technik und Beschäftigung”, Spektrum der Wissenschaft, September 1996, Seite 30). Bis sich dadurch allgemein mehr Beschäftigung, mehr Wohlstand und mehr individuelle Freiheit einstellen werden, sind allerdings erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden – das lehrt die Geschichte.

Auch die industrielle Revolution, der bislang größte und folgenreichste Strukturwandel in der Wirtschaftsgeschichte, begünstigte nicht unmittelbar jedermann gleichermaßen. Ebenso bürdet der aktuelle Übergang zu einer Gesellschaft, die sich immer stärker auf die Verfügbarkeit und Handhabung von Wissen gründet, vielen einzelnen Bürgern und der sozialen Organisation insgesamt schwere Anpassungslasten auf. In bestimmten Wirtschaftssektoren und in benachteiligten Regionen werden jetzt noch Beschäftigte und jetzt noch bestehende Unternehmen auf der Strecke bleiben; Tätigkeiten werden obsolet und verschwinden gänzlich. Zu den Verlierern werden mithin hauptsächlich, wie sich längst abzeichnet, diejenigen Arbeitnehmer gehören, die nicht oder nur gering qualifiziert sind.

Das Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt aber, daß rasche strukturelle Veränderungen nicht unbedingt hohe Arbeitslosigkeit zur Folge haben müssen. Mehr Wettbewerb auch auf den Arbeitsmärkten und mehr Eigenverantwortung, wenn es darum geht, sich gegen die Wechselfälle des Lebens abzusichern, lassen sogar unter solchen Umständen den Beschäftigungsstand steigen. Die amerikanischen Erfahrungen lehren, daß wir uns auf dem europäischen Kontinent – zumal in Deutschland – den kostspieligen, weil ressourcenvernichtenden Weg durch das beschäftigungspolitische Tal der Tränen ersparen könnten. Die Bedingung freilich ist, daß wir bereit wären, die Löhne und die Arbeitsverhältnisse den veränderten sektoralen und regionalen Gegebenheiten sowie dem vom Markt jeweils geforderten Qualifikationsniveau anzupassen. Das heißt nichts anderes, als daß die Arbeitnehmer individuell mobiler und beruflich flexibler als bisher sich dort um Beschäftigung bemühen müssen, wo jetzt schon und erwartungsgemäß künftig das Wachstum stattfindet. Trotzdem dürfte sich, wenn die hohe Arbeitslosigkeit abgebaut und wieder mehr Beschäftigung auf Dauer gesichert werden soll, eine – zeitweise – noch stärker ungleiche Einkommensverteilung ergeben als gegenwärtig.

Das ist indes das genaue Gegenteil von dem, was wir uns im kontinentalen Europa noch gemeinhin vorstellen: Der Wettbewerb auf den amerikanischen Arbeitsmärkten wird, wenn überhaupt, nur mit Mißtrauen betrachtet. Die Macht der Tarifkartelle erodiert zwar; doch ein umfangreich ausgebauter Sozialstaat erlaubt es den Tarifpartnern, dem strukturellen Wandel eine Zeitlang auszuweichen oder ihn zumindest zu verzögern, indem sie erhebliche Teile der unvermeidbaren Anpassungslasten auf Dritte abzuwälzen suchen: Diese Bürden sollen sozialisiert werden.

Damit wird aber nur ein Teufelskreis von steigenden Steuern und Abgaben, noch höherer Arbeitslosigkeit und noch größeren Finanzlasten in Gang gesetzt. Die Lohnstrukturen orientieren sich kaum mehr an den veränderten sektoralen und regionalen Gegebenheiten. Die herrschende Vorstellung, das Einkommen aus einem einmal gewonnenen Arbeitsplatz müsse – komme da, was wolle – die materielle Existenz absichern, verhindert die Einführung einer ausreichend differenzierten Lohnstruktur, welche die Qualifikation zur Grundlage hätte. Das Phänomen der working poor – jener Menschen, die arbeiten und dennoch arm sind – bleibt somit zwar ein amerikanisches; aber den Preis zahlen in Europa trotzdem vor allem die weniger Qualifizierten, weil sie zuhauf arbeitslos werden und es auch bleiben.

Die europäische wie auch die amerikanische Wirtschaftsentwicklung bestätigen gleichermaßen eine ökonomische Binsenweisheit: Steigender materieller Wohlstand ist nicht umsonst zu erzielen; unvermeidlich sind Lasten mit der Anpassung im Strukturwandel verbunden. Auf welche Weise auch immer man diesen Prozeß zu bewältigen sucht – soll die Arbeitslosigkeit nicht zunehmen, wofür vor allem die Tarifparteien in der Verantwortung stehen, muß der Arbeitsmarkt auf jeden Fall als Markt funktionsfähig bleiben. In der gegenwärtigen Situation wird man also den amerikanischen Weg zumindest ein Stück weit gehen müssen: Mehr Wettbewerb bei der Beschäftigung und der sozialen Absicherung ist unabdingbar. Mithin müssen betriebsnahe, individuelle Tarifabschlüsse erlaubt sein, so daß die wirtschaftliche Lage der einzelnen Unternehmen wie auch Produktivität und Präferenzen der einzelnen Arbeitnehmer stärker berücksichtigt werden.

Zudem sind die Kanäle zu verstopfen, über die bislang die Tarifparteien einen Teil der Anpassungslasten abwälzen konnten. Mehr Wettbewerb bei der individuellen sozialen Sicherung vermindert die Möglichkeiten, auch noch die Kosten des strukturellen Wandels den Beitrags- und Steuerzahlern über Arbeitslosen- und Alterssicherung aufzubürden. Des weiteren muß die Politik endlich Ernst damit machen, Subventionen – die nichts anderes sind als finanzielles Doping – rigoros zu bekämpfen. Schließlich ist eine Reform der Arbeitsmarktpolitik einzufordern; sie darf nicht länger ein Instrument sein, das den Staat zum beschäftigungspolitischen Versteck macht, sondern muß sich darauf beschränken, die Bildung von marktverwertbarem Humankapital in den Betrieben zu fördern.

Vollbeschäftigung kann künftig wieder erreicht werden, wenn Löhne und Gehälter über die gesamte Bandbreite von Qualifikationen der Arbeitnehmer hinweg den Verteilungsspielraum nicht überschreiten, der durch die jeweilige Arbeitsproduktivität vorgegeben ist. So ließe sich trotz des starken Strukturwandels ein hoher Beschäftigungsstand sichern, weil das individuelle Arbeitsangebot auch Nachfrage fände: Das noch dominierende Normalarbeitsverhältnis würde mehr und mehr um Teilzeitarbeitsplätze ergänzt, und die Erwerbstätigkeit von Frauen nähme weiterhin zu.

Mehr Freiheit nach amerikanischem Muster löst freilich nicht alle Probleme auf einen Schlag. Zwar wären auch die nicht oder nur wenig qualifizierten Arbeitnehmer beschäftigt; ihr Arbeitseinkommen würde aber wahrscheinlich nicht ein Existenzminimum sichern, wie es der in Europa vorherrschenden Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit entspräche. Am sinnvollsten ließe sich dieses verteilungspolitische Ziel anstreben, indem man alle Arbeitnehmer so qualifiziert, daß sie einen auskömmlichen Lebensunterhalt selbst verdienen könnten.

Somit ist offenkundig, daß Bildung und Ausbildung in Schule und Beruf künftig noch bedeutender werden. Auch das in Deutschland so erfolgreiche duale Berufsbildungssystem muß weiter verbessert werden, damit es dazu beiträgt, die Menge der working poor relativ klein zu halten. Wichtig aber ist die generelle Einsicht, daß jeder, der überhaupt keine Anstellung findet, auch keine Chance bekommt, sich durch Weiterqualifikation im Berufsleben zu entwickeln und aufzusteigen.

Tatsächlich gelöst wird das Problem der in den hochentwickelten Volkswirtschaften rückläufigen Nachfrage nach einfacher Arbeit damit letztlich immer noch nicht, denn viele Menschen wollen sich nicht qualifizieren oder sind nicht in dem für die moderne Produktion erforderlichen Maße qualifizierbar. Nach europäischem Verständnis von sozialer Gerechtigkeit bleibt mithin der handelnden Politik nur, auf den regulären Arbeitsmärkten erzielbare geringe Einkommen um staatliche Transfers zu ergänzen. Damit ist ein altes Dilemma in neuer Form wieder da. Wie immer man nämlich solche Transfers auch ausgestaltet – ein garantiertes Existenzminimum wirkt sich stets negativ aus: auf das allgemeine Lohnniveau, das dadurch quasi automatisch angehoben wird, und auf die Arbeitsmoral des einzelnen, der sich nun nicht mehr unbedingt mit Verve auf dem Arbeitsmarkt umsieht. Der Preis für mehr soziale Gerechtigkeit ist eben auch eine steigen-de transferbedingte Arbeitslosigkeit. So nimmt es nicht wunder, daß nun viele Vorschläge unterbreitet werden, wie diese volkswirtschaftlichen Kosten wohl wieder zu reduzieren seien. Eine Variante sieht vor, die Höhe des staatlich garantierten Existenzminimums für arbeitsfähige Arbeitnehmer zu senken und deren Arbeitseinkommen in geringerem Umfang auf die staatlichen Transferleistungen anzurechnen. Das wäre sicherlich die beste Verteilung von Lasten und finanziellen Hilfsmitteln. Eine solche Lösung läßt sich aber politisch in Europa noch nicht durchsetzen.

Indes kommen wegen der steigenden Arbeitslosigkeit und spärlicheren Staatseinnahmen immer häufiger Zwangsmaßnahmen in die Diskussion. Die Höhe des staatlich garantierten Existenzminimums soll demnach zwar prinzipiell erhalten bleiben, doch die arbeitsfähigen Erwerbslosen wären verpflichtet, eine wie auch immer geartete Beschäftigung anzunehmen. Vor allem von den Gemeinden wird erwartet, daß sie die dafür erforderlichen Stellen auf einem sogenannten dritten – dem kommunalen – Arbeitsmarkt anbieten. Dieser hat allerdings Nachteile, die beim zweiten, dem staatlichen, schon offen zutage treten: Der Staat entwickelt sich in beiden Fällen immer mehr zum Auffang-Arbeitgeber, was das Niveau für Tarifabschlüsse auf dem ersten, dem privatwirtschaftlichen Arbeitsmarkt anhebt und generell den Mechanismus von Angebot und Nachfrage sabotiert. Die für ein derartiges System erforderlichen finanziellen Mittel müssen ohnehin durch Steuern und Abgaben auf dem ersten Arbeitsmarkt aufgebracht werden; das schmälert wiederum die Beschäftigung in diesem Bereich. Letztlich wird auch so niemandem geholfen.

Was bliebe, um die Schwierigkeiten auf den Arbeitsmärkten zumindest etwas zu lindern, wären nach meinem Dafürhalten beschränkte Lösungen für ganz bestimmte Gruppen von Arbeitslosen. So bieten sich für junge Menschen, die erst in das Erwerbsleben einsteigen, staatlich bezuschußte Qualifizierungsgutscheine an, die sie bei Unternehmen ihrer Wahl einreichen können. Langzeitarbeitslosen könnte man gestatten, einen Teil ihrer Ansprüche auf staatliche Transfers in befristete Lohnsubventionen umzuwandeln oder bei Banken einzulösen, um etwa einen Start in die Selbständigkeit zu finanzieren. Der große Durchbruch im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wird mit solchen Maßnahmen allerdings nicht gelingen.

Mein Fazit lautet deshalb: Die Angst vor einem Ende der Arbeit ist unbegründet, denn der gegenwärtige wirtschaftliche Umbruch ist der Anfang eines neuen Wachstumszyklus, und der Wohlstand wird über kurz oder lang weltweit erheblich ansteigen. Diese wirtschaftliche Entwicklung kann zweifellos in mehr Beschäftigung umgesetzt werden, wenn es gelingt, mehr Wettbewerb sowohl auf den Arbeitsmärkten als auch im Sozialbereich zuzulassen. Jede Intervention, jeder Protektionismus und jeder Zwang wären demgegenüber kontraproduktiv. Die Anforderungen an die Qualifikationen der Arbeitnehmer werden weiter zunehmen. Der steigende Wohlstand wird allerdings den individuellen Handlungsspielraum aller, auch der Arbeitnehmer, vergrößern, so daß die Grenzen zwischen abhängigem und unternehmerischem Handeln zunehmend verschwimmen werden. Gegenüber kollektiven Lösungen von Problemen werden wettbewerbliche immer erfolgreicher sein. Die Wohlstandsdividende, die vor allem der Gesamtheit der arbeitenden Menschen zufällt, sollte es aber erlauben, den weniger qualifizierten Arbeitnehmern besser und effizienter zu helfen als bisher.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998, Seite 53
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998

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