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'Salz Macht Geschichte' - Ausstellung über ein scheinbar unscheinbares Mineral

Das Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg informiert in den drei traditionsreichen Salinenorten Bad Reichenhall, Traunstein und Rosenheim über die Gewinnung und vielfältige Verwendung sowie über die chemischen Eigenschaften und die symbolische Bedeutung eines der wichtigsten Rohstoffe für den Menschen und für die Industrie.

Salz scheint etwas Banales, seine Verfügbarkeit selbstverständlich zu sein. Es ist allerdings auch nicht unumstritten – ob als Speisewürze, die angeblich Bluthochdruck verursacht, oder als Streusalz, das im Winter zwar weitgehend freie Fahrt auf den Straßen garantiert, jedoch die Bäume am Wegesrand schädigt. Mit den Kontroversen um die Chlorchemie, für die Salz – chemisch Natriumchlorid – ein wichtiger Rohstoff ist, scheint es vollends in Verruf geraten zu sein.


Blut, Schweiß und Tränen

Bei genauerer Betrachtung fällt freilich manches Vorurteil. Wohl zeitlos ist die Feststellung des römischen Staatsmannes und Gelehrten Cassiodor (um 490 bis 580): "Auf Gold kann man verzichten, nicht aber auf Salz."

Tatsächlich war und ist dieses Mineral unerläßliches Lebenselixier. Alle Körperflüssigkeiten wie Blut, Schweiß und Tränen sind Salzlösungen. Salz reguliert den Flüssigkeitshaushalt des menschlichen Organismus, gewährleistet die Funktion der Verdauungsorgane, der Nieren und der Nerven. Alle Medikamente, die in Venen, unter die Haut oder in Muskeln injiziert werden, muß man in isotonischer Kochsalzlösung – Wasser mit einem Salzzusatz von 0,9 Prozent – verabreichen, weil nur diese sich mit den Körperflüssigkeiten und dem Gewebe verträgt. Nach Unfällen kann eine Infusion mit isotonischer Kochsalzlösung kurzfristig starke Blutverluste ausgleichen und somit Leben retten.

Etwa drei Gramm Salz braucht der menschliche Körper täglich, sonst leidet die Gesundheit; doch dieser Mindestbedarf wird durch den mittleren Salzkonsum von zehn bis zwölf Gramm pro Tag um ein Mehrfaches überschritten. Bei empfindlichen Menschen kann ein Übermaß davon Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Radikaler Salzverzicht ist jedoch ebensowenig angezeigt: Zu niedriger Blutdruck mit all seinen negativen Begleiterscheinungen wäre womöglich die Folge. Gerade weil auf Salz niemand verzichten kann, eignet es sich zur Prophylaxe gegen Mangel an Spurenelementen; mit Iod oder Fluor angereichertes Speisesalz hilft Kropf- oder Karieserkrankungen vermeiden.

Daß Salz selbst als Heilmittel wirksam sein kann ist seit der Antike bekannt; die Volksmedizin schrieb ihm oft besondere Wirkungen zu. Mit Solebädern und -Inhalationen zur Behandlung von Haut- und Atemwegserkrankungen nahm im letzten Jahrhundert das Bäderwesen auch an Salinenstandorten in Oberbayern großen Aufschwung.


Vielseitiger Rohstoff

Deutschland ist relativ rohstoffarm. Die Steinsalzvorräte scheinen jedoch nahezu unerschöpflich – allein in Bayern lagern mehrere Milliarden Tonnen. Es ist damit der wichtigste heimische Rohstoff für die chemische Industrie; etwa drei Viertel ihres Umsatzes entfallen auf Produkte, die aus oder mittels Salz hergestellt werden. Ob Autositz oder Atemmaske, Backpulver oder Bratpfannenbeschichtung, Zahnseide oder Zylinderkopfdichtung – viele Salz-Folgeprodukte sind unentbehrlich geworden.

Für Roheisenentschwefelung, Glasherstellung, Aluminiumgewinnung und Erdölaufbereitung liefert Salz wichtige Vorprodukte. Fast alle Kunststoffe werden mit Chlor hergestellt, etwa 22000 Arzneimittel enthalten dieses Element. Auch hochreines Silicium, Grundlage der Mikroelektronik, wird mit Chlor erzeugt – ohne Salz kein Computer.

Die industrielle Salzchemie begann vor 200 Jahren. Glas und Seife waren bis ins 19. Jahrhundert hinein Luxusartikel, die man aus Pottasche (Kaliumcarbonat) herstellte. Der Rohstoff Holz, aus dem man die Pottasche gewann, wurde jedoch im einsetzenden Industriezeitalter immer rarer. Auf der Suche nach Ersatz stieß der französische Chemiker Nicolas Leblanc schließlich auf Salz: Mit Schwefelsäure versetzt und anschließend mit Kohle und Kalk verschmolzen, entsteht Soda (Natriumcarbonat), die sich anstelle von Pottasche verwenden läßt. Die erste Sodafabrik ging 1792 bei Paris in Betrieb – die erste großchemische Anlage (Bild 1).

Glas und Seife wurden nun zur Massenware; die hygienischen Verhältnisse breiter Bevölkerungsschichten besserten sich. Der Preis, den man dafür zahlen mußte, waren aggressive Salzsäure-Abgase in den Sodafabriken und die Bildung giftigen, nach faulen Eiern stinkenden Schwefelwasserstoffs im Abraum.

Dem belgischen Chemiker Ernest Solvay (1838 bis 1922) gelang schließlich eine ökologische und ökonomische Revolution der Sodaherstellung: Er fand 1861 ein umweltverträgliches Verfahren, das hohe Ausbeuten erlaubt. Das einzige Abfallprodukt (Calciumchlorid) ging jedoch ungenutzt ins Abwasser; damit eignete sich der Prozeß nicht, die gestiegene Chlor-Nachfrage zu befriedigen.

Fortschritte in der Elektrotechnik ermöglichten jedoch eine Vollnutzung des Salzes. Seit 1890 zerlegt man Salzsole elektrolytisch in Wasserstoff, Chlor und Natronlauge (Bild 2). Die Folgeprodukte dieser hochreaktiven Chemikalien gehen heute in die Zehntausende.

Die stürmische Entwicklung der Salzchemie schuf aber auch gravierende Probleme für den Umwelt- und Gesundheitsschutz. Der bis vor wenigen Jahren bedenkenlose Breitbandeinsatz chlorierter Lösemittel mag beispielhaft dafür stehen. Einst wegen ihrer Unbrennbarkeit und ihres geringen Preises als geradezu ideal angesehen, werden diese Substanzen heute als gesundheitsschädlich, zum Teil als krebserregend eingestuft.

Die Landesausstellung 1995 "Salz Macht Geschichte" informiert aber nicht nur über naturwissenschaftliche Aspekte eines für Medizin und Industrie wichtigen Stoffes. Wie der Titel der Ausstellung erahnen läßt, hatte Salz eine viel weiter reichende Bedeutung. Das einst rare, begehrte Mineral hat schon vor Jahrhunderten wegen des enormen Holzbedarfs für die Salinen Versorgungskrisen und sogar Kriege ausgelöst.

Jeder der drei Ausstellungsorte Bad Reichenhall, Traunstein und Rosenheim steht unter einem anderen Themenschwerpunkt. Während Bad Reichenhall, wo im 8. Jahrhundert die bayerische Salzgeschichte begann, der Geologie und Mineralogie, der Technik der Salzgewinnung sowie der Verwendung in Medizin, Alltag und Industrie gewidmet ist, stehen in der ehemaligen Salinenstadt Traunstein, die ab 1619 durch die erste Pipeline der Welt von Bad Reichenhall mit Sole versorgt wurde, die Arbeit in den Salinen und ihre Energieversorgung im Mittelpunkt. In Rosenheim, Salinenstadt von 1810 bis 1958, werden insbesondere der Salzhandel und die Machtpolitik, die mit dem einst so kostbaren und daher auch als "weißes Gold" bezeichneten Mineral betrieben wurde, behandelt.

An allen drei Orten ist die Ausstellung bis zum 15. Oktober 1995 zu sehen. Begleitende Publikationen liegen vor.

Dr. Bochter studierte an der Universität Bayreuth und unterrichtet Chemie, Biologie und Geographie am Gymnasium. Zur Zeit ist er an die Bayerische Staatskanzlei/Haus der Bayerischen Geschichte abgeordnet, um die Abteilung Salzchemie der Landesausstellung 1995 "Salz Macht Geschichte" zu betreuen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995, Seite 111
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1995

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