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Nuklear Terrorismus: Schmutzige Bomben als Terrorwaffe

Radioaktiver Staub treibt durch die Stadt, Menschen fliehen in Panik, kostspielige Säuberungen sind notwendig, Krebserkrankungen steigen an - ein solches Szenario könnte Wirklichkeit werden, wenn Terroristen Anschläge mit radiologischen Waffen verüben.


Feuerwehr, Notärzte und Polizei sind rasch am Einsatzort. In einer Lagerhalle hat es eine Explosion gegeben. Das Gebäude brennt lichterloh. In das gleißende Licht der Feuersbrunst mischt sich das nervöse Blinken der Einsatzfahrzeuge, das Heulen von Martinshörnern kündigt Verstärkung an. Feuerwehrleute haben bereits die ersten Schläuche ausgerollt und armdicke Wasserstrahlen auf den Brandherd gerichtet.

Unvermittelt leuchtet in einem der Feuerwehrwagen eine Warnlampe auf. "He! Die Strahlungsdetektoren geben Alarm!", ruft ein verblüffter Brandmeister. "Es könnte eine schmutzige Bombe sein." Der Einsatzleiter ruft seine Leute sofort zurück. Was wie ein Routineeinsatz aussah, entpuppt sich schließlich als Terroranschlag mit einer radiologischen Waffe.

Über Funk alarmiert, schicken die Katastrophenschutzbehörden speziell ausgebildete Strahlenschutztrupps. Polizisten mit Gasmasken versuchen, Anwohner in Sicherheit zu bringen. Die meisten der erschreckten Zuschauer fliehen bereits in Panik; sie halten sich Taschentücher vor den Mund.

Die Rauch- und Staubschwaden, die von der brennenden Halle aufsteigen, führen radioaktives Caesium mit sich. Vom Wind getrieben, entlädt die Wolke ihre unsichtbare radioaktive Fracht über weite Bereiche des Stadtviertels. Der Fall-out schlägt sich auf Gebäude, Bürgersteige, Straßen und Autos nieder. Die Klimaanlagen in den umgebenden Bürogebäuden saugen den feinen Staub an, viele Menschen atmen winzige Krebs erregende Teilchen ein.

Nach der panikartigen Flucht gleicht die Gegend einer Geisterstadt. Der Zutritt ist verboten. Nach einiger Zeit kommen Trupps in Schutzanzügen, saugen den Staub von den Straßen, spritzen mit Hochdruckstrahlern alle Außenwände der Gebäude ab und reinigen ebenso akribisch alle Innenräume. Im Nachhinein betrachtet hatte der Vorfall relativ wenige Verletzte zur Folge; die meisten wurden Opfer von Verkehrsunfällen auf der panikartigen Flucht. Doch die Bewohner sind verängstigt, weigern sich lange, zurückzukehren. Einige der Gebäude nahe des Explosionsortes müssen abgerissen werden, die benachbarten Häuser stehen leer. Der materielle Schaden geht in die Milliarden.

Ein solches Szenario mag manchem abwegig erscheinen, doch könnte es in nicht zu ferner Zukunft durchaus Realität werden. Schutz vor radiologischen Waffen, so genannten schmutzigen Bomben, ist bittere Notwendigkeit geworden. Die Komponenten und das erforderliche Know-how zum Bau einer solchen Terrorwaffe sind vorhanden, und es gibt Fana­tiker, die genau dies bewerkstelligen könnten. So verhafteten die US-Behörden im Mai 2002 auf dem Flughafen Chicago den El-Kaida-Sympathisanten José Padilla. Der US-Bürger, der sich seit seiner Konversion zum Islam auch Abdullah al Muhadschir nennt, wird verdächtigt, den Bau und den Einsatz einer schmutzigen Bombe geplant zu haben.

Üblicherweise versteht man unter einer radiologischen Waffe eine relativ simple Vorrichtung aus konventionellen Sprengstoffen – wie etwa TNT oder eine Mischung aus Kunstdünger und Heizöl –, die mit hochradioaktiven Substanzen versetzt sind. Die freigesetzte Sprengenergie verdampft das radioaktive Material, das sich an die Staub- und Trümmerteilchen bindet und mit diesen in die Umgebung geschleudert wird.

Auch wenn radiologische Bomben nicht gerade als hochtechnologisches Produkt gelten und keineswegs mit Atomwaffen vergleichbar sind, können sie doch immensen Schaden anrichten: Sie nutzen die Angst der Bevölkerung vor radioaktiver Strahlung, die man nicht sehen und nicht spüren kann. Die Wirkung wäre demnach vor allem psychologischer Natur: Nicht die massenweise Vernichtung von Menschenleben wäre die Folge, sondern eher eine Massenpanik. Indem solche Waffen ein großes Areal verseuchen und damit für lange Zeit unzugänglich machen, können sie wirtschaftliche Katastrophen auslösen. Bislang wurden radiologische Bomben nie eingesetzt, weil sie kaum einen militärischen Zweck erfüllen können: Den Ausgang eines Gefechts vermögen sie nicht zu beeinflussen, denn ihre Wirkung tritt nur verzögert und in nicht vorhersehbarer Weise ein.

Trotz des einfachen Prinzips wären radiologische Waffen recht schwierig zu bauen und einzusetzen. Es reichte nicht, gestohlenes Nuklearmaterial um eine Dynamitstange zu wickeln. Die groben Trümmer, die eine derartige Höllenmaschine in kleinem Umkreis verstreuen würde, wären schnell aufgelesen. Um eine große Wirkung zu erzielen, müsste der Bombenbastler über beträchtliche Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen. Allerdings wäre der Aufwand weitaus geringer als für den Bau einer Atomwaffe. Vor dem Risiko, sich selbst zu verstrahlen, würde ein Selbstmord­attentäter wohl kaum zurückschrecken, denn bevor er an einer tödlichen Strahlungsdosis zu Grunde ginge, könnte er seinen Anschlag längst begangen haben.

Hochradioaktive Materialien finden sich in Hunderten medizinischer, industrieller und wissenschaftlicher Apparaturen und Anlagen. Allein in den USA gibt es etwa zwei Millionen Quellen ionisierender Strahlung; tausende haben eine beachtliche Größe. Sie werden eingesetzt zum Abtöten von Keimen in Lebensmitteln, zur Sterilisierung pharmazeutischer Produkte, zum Vernichten von Krebszellen, zur Kontrolle von Schweißnähten, zur Erdölsuche und zu Forschungszwecken in Kernphysik und -technik. In den 1960er und 1970er Jahren förderte die US-Regierung die Anwendung von Plutonium-Isotopen in der Forschung. Ein Großteil dieses Materials befindet sich noch irgendwo, da die Regierung die Kosten für die Rückholung nicht aufbringen wollte.

Strahlen-Gau durch Quellen-Klau

Manche radioaktive Materialien wie Kobalt-60, Caesium-137 und Iridium-192 emittieren Gammastrahlen; andere wie Americum-241 und Plutonium-238 senden Alphateilchen aus. Da diese Substanzen sehr teuer sind, nahmen die Behörden stets an, die Besitzer würden aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus geeignete Vorkehrungen gegen Diebstahl treffen. Und von Seiten der Politik hielt man einen besonderen Schutz dieser Substanzen nicht für notwendig, da man sich nicht vorstellen konnte, warum sich jemand bewusst dem Risiko einer Verstrahlung aussetzen sollte.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Sowohl in den USA als auch in Europa tauchten herrenlose Strahlenquellen auf – auf Schrottplätzen, in Fahrzeugen und in Gebäuden. Und das in Mengen, die sich durchaus für den Bau einer schmutzigen Bombe eignen würden. Allein in den USA sind seit 1996 fast 1500 Geräte oder Komponenten, die radioaktive Materialien enthalten, aus Firmen oder Forschungseinrichtungen abhanden gekommen. Dies berichtet eine neuere Studie der US-Atomaufsichtsbehörde, der Nuclear Regulatory Commission (NRC). Die Hälfte dieser Quellen wurde nie wieder gefunden. Im vergangenen Jahr fand sich eine Strahlenquelle in dem Schrott, der bei einer Stahlfirma angeliefert wurde. Einige Jahre zuvor rutschte radioaktives Caesium un­entdeckt in eine Wiederverwertungsanlage, wurde dort eingeschmolzen und landete schließlich in Stahlträgern für den Betonbau.

Die Internationale Atomenergiebehörde in Wien berichtete im Juni 2002, fast in jedem Staat der Erde sei das zum Bau einer schmutzigen Bombe notwendige radioaktive Material vorhanden. In mehr als hundert Ländern sei die Aufsicht jedoch zu mangelhaft, um einen Diebstahl dieser Stoffe verhindern zu können.

Beispiele belegen dies. In Georgien etwa wurden Ende 2001 zwei Arbeiter verstrahlt, als sie im Wald eine tragbare Radioisotopenbatterie mit Strontium-90 fanden und als Heizquelle nutzten. Tschetschenische Rebellen verbreiteten 1995 Angst und Schrecken, als sie einen abgeschirmten Behälter mit Caesium-137 (das aus Appara­turen zur Krebsbehandlung stammte) in einem Moskauer Park deponierten und anschließend russische Reporter auf den Standort hinwiesen. Acht Jahre zuvor brachen Schrottjäger in eine aufgegebene Krebsklinik in Goiânia (Brasilien) ein und stahlen ein medizinisches Gerät, das ebenfalls Caesium-137 enthielt. Etwa 250 Menschen wurden dieser Quelle ausgesetzt; acht von ihnen erkrankten an der Strahlenkrankheit, vier starben daran. Dieser Vorfall hatte 3500 Kubikmeter radioaktiven Abfall zur Folge – ausreichend, um ein Fußballfeld hüfthoch zu bedecken – und ruinierte die lokale Wirtschaft. Im Juli 2001 entwendete ein Arbeiter aus der stillgelegten Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) eine plutoniumhaltige Substanz. In einem Bericht des baden-württembergischen Umweltministeriums heißt es dazu: "Das vorliegende kriminelle Täter­szenario wurde bisher der Sicherungsaus­legung der WAK nicht zu Grunde gelegt."

Neben akuten gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Schäden wie der Strahlenkrankheit können radioaktive Substanzen Krebs verursachen. Dabei ist es schwierig, bestimmte Schäden einer bestimmten Dosis zuzuordnen, denn die Auswirkungen auf die Gesundheit sind nicht immer eindeutig.

Da die verschiedenen Strahlungsarten Körpergewebe unterschiedlich stark schädigen, ist zu unterscheiden zwischen der rein physikalischen Strahlungsdosis (die pro Masseeinheit aufgenommene Energie der ionisierenden Strahlung) und der biologisch bedeutsamen Äquivalentdosis (die zusätzlich mit einer dimensionslosen Zahl, der radiobiologischen Wirksamkeit, gewichtet wird). Die Äquivalentdosis wird in Sievert gemessen. Gelegentlich ist auch noch die veraltete Einheit Rem in Gebrauch (mit der Umrechnung 1 Sievert = 100 Rem). Zum Gesamtrisiko einer exponierten Person wiederum tragen die verschiedenen Körpergewebe mit unterschiedlichen Anteilen bei. Dieses Gesamtrisiko wird durch die effektive Dosis angegeben, deren Maßeinheit ebenfalls das Sievert ist.

Rechnen mit "Hotspot"

Durch die natürliche Strahlenbelastung in Deutschland erhält jede Person pro Jahr im Mittel eine effektive Dosis von etwa 0,002 Sievert. Im Allgemeinen entwickelt sich bei Personen, die 1 Sievert oder mehr ausgesetzt waren, die Strahlenkrankheit, die eine sofortige medizinische Behandlung erforderlich macht. Die Hälfte aller Menschen mit einer Dosis von 4,5 Sievert stirbt in den nachfolgenden sechzig Tagen. Doch auch kleine Dosen können das Krebsrisiko steigern. Im Durchschnitt wird von 2500 Personen, die 0,01 Sievert ausgesetzt waren, eine Person an dem dadurch verursachten Krebs sterben.

Wissenschaftler und Behördenvertreter diskutieren seit langem, welche Strahlungsmenge noch hinnehmbar ist. Nach den rechtlichen Bestimmungen in Deutschland dürfen beruflich strahlenexponierte Personen nicht mehr als 0,02 Sievert pro Jahr erhalten. Die Umweltschutzbehörde der USA (Environmental Protection Agency, EPA) empfiehlt, kontaminierte Gebiete zu verlassen, wenn trotz ihrer Säuberung mit mehr als einem zusätzlichen Krebstoten pro 10000 Menschen gerechnet werden muss. Dieses zusätzliche Risiko entspricht etwa 25 Röntgenuntersuchungen des Brustkorbs im Laufe eines Lebens. Aber diese Empfehlungen und Richtlinien sind umstritten, weil es an zuverlässigen Statistiken fehlt, aus denen man den Zusammenhang zwischen niedrigen Strahlendosen und Krebsrisiko entnehmen könnte. Zurzeit vermuten die Experten, dass es keine gefahrlose Niedrigdosis gibt, und dass die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, proportional mit der Höhe der Dosis zunimmt.

Um die möglichen Auswirkungen einer schmutzigen Bombe einschätzen zu können, untersuchten wir eine Reihe von Szenarien. Für mehrere denkbare Angriffssituationen betrachteten wir die hypothetische Verteilung des radioaktiven Materials und schätzten die Größe der Gebiete, die über gewisse Grenzwerte verstrahlt werden würden. Hierzu setzten wir das Programm "Hotspot" ein, das Wissenschaftler am Lawrence-Livermore-Nationallaboratorium in Kalifornien entwickelt hatten, um die Ausbreitung radioaktiver Partikel zu simu­lieren. Die Modellergebnisse kombinierten wir anschließend mit experimentellen und theoretischen Daten über die Strahlenwirkung und schätzten daraus die Gesundheitsri­siken und Kontaminierungsgrade ab.

Eine Reihe von Anfangsparametern beeinflusst die im Computer simulierte Ausbreitung, wie etwa die Art der Freisetzung, die Tageszeit, das Wetter und die Wind­geschwindigkeit. Wind in höheren Luftschichten etwa verteilt Material über ein größeres Gebiet, vermindert dabei jedoch die lokale Kontamination. Um zu gewährleisten, dass unsere Ergebnisse aussagekräftig sind und nicht einfach die spezifischen Anfangsbedingungen widerspiegeln, spielten wir mehr als hundert Verbreitungs­szenarien durch. Für eine gegebene radioaktive Quelle streuten unsere Resultate in Abhängigkeit von den Umgebungsbedingungen höchstens um den Faktor zehn. Eine solche Fehlerbreite stellt unsere grund­legenden Schlussfolgerungen nicht in Frage – zumal sich die verschiedenen Faktoren teilweise gegenseitig aufheben. Für jeden Faktor, der die Auswirkungen einer Bombe halbieren könnte, findet sich ein anderer, der sie verdoppelt.

Wenn sich die Menschen in der Nähe des Explosionsortes nicht schnell genug in Sicherheit bringen können, atmen sie kleine Staubteilchen und Aerosole ein. Aus früheren Vorfällen wissen wir: Wenn diese Partikel Alphastrahler enthalten – wie Plutonium oder Americium –, setzen sich diese für Jahre in den Lungen der Opfer fest und führen zu einer lang anhaltenden Strahlenbelastung. Doch wenn sich das Einatmen von Staubschwaden vermeiden lässt und die Evakuierten rasch dekontaminiert werden, also ihre verseuchte Kleidung ablegen und ihre Haut gründlich waschen, bleibt die Gesamtbelastung minimal.

Der von einer radiologischen Bombe aufgewirbelte Staub bliebe für lange Zeit in den Rissen und Spalten der Gebäudefassaden, der Bürgersteige und Straßen haften. Zudem würde ein Teil in das Innere der Gebäude geweht. Einige der in Frage kommenden Substanzen wie etwa Caesium-137 verbinden sich chemisch mit Glas, Beton und Asphalt. So findet sich heute, mehr als 15 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986, noch immer Caesium auf den Bürgersteigen vieler skandinavischer Städte, über die damals der radioaktive Fall-out hinwegzog. Glücklicherweise ist die dadurch verursachte Strahlenbelastung recht gering, sodass das Krebsrisiko um weniger als einen zusätzlichen Fall pro 10000 Menschen gestiegen ist.

Wenn das Material Alphastrahler enthielte, würde das langfristige Gesundheitsrisiko durch Einatmen radioaktiven Staubes verursacht, der von Wind, Fahrzeugen oder Fußgängern hochgewirbelt würde. In Kiew beispielsweise, mehr als hundert Kilometer von Tschernobyl entfernt, enthält der Staub in den Straßen noch heute geringe Mengen an Plutonium. Durch dauerhafte Kontamination mit Caesium-137 oder anderen Gammastrahlern würde jede Person in der verseuchten Zone einer gewissen Strahlendosis ausgesetzt werden, denn anders als Alphastrahlen durchdringen Gammastrahlen Kleidung und Haut.

Verseuchte Städte

Betrachten wir als Beispiel die explosive Freisetzung von Caesium-137 mit einer Aktivität von 1,3 × 1014 Becquerel (Zerfälle pro Sekunde). Quellen mit einer solchen Aktivitätsmenge sind in der ehemaligen Sowjetunion abhanden gekommen. Terroristen könnten damit allerdings nur schwer umgehen, weil sie sich gegen die Strahlung schützen müssten. Doch das Caesium läge bereits als Pulver vor, sodass eine effektive Verbreitung durch einen Sprengsatz relativ einfach wäre.

Die Explosion einer solchen Bombe im Südwesten von Manhattan in New York würde eine Fläche von rund 800 Quadratkilometern derart verseuchen, dass sie nach den strengen Richtlinien der EPA nicht mehr bewohnbar wäre. Die Katastrophe hätte zwar nicht das Ausmaß von Tschernobyl – die insgesamt freigesetzte Strahlung wäre geringer und gefährliche kurzlebige Isotope wie Iod-131 wären gar nicht vorhanden. Doch das Chaos und der Schrecken wären enorm. In einem Gebiet, das etwa zwanzig Straßenzüge umfasste, wäre für die dortigen Bewohner (ohne Dekontaminierung) innerhalb der nächsten dreißig Jahre mit einem zusätzlichen Krebs­toten pro zehn Personen zu rechnen. Ein Areal von rund 15 Quadratkilometern müsste nach den Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission (International Commission on Radiological Protection) evakuiert werden. Selbst wenn diese Standards auf die in der Umgebung von Tschernobyl angewandten Werte gesenkt würden, wären noch immer etwa hundert Häuserblöcke unbewohnbar. Der materielle Schaden würde hunderte Milliarden US-Dollar betragen.

Für die Dekontaminierung solch großer Areale in einem Stadtgebiet gibt es keinen Präzedenzfall. Die bisherigen Erfahrungen beruhen im Wesentlichen auf kleinen Reinigungsaktionen in Unternehmen sowie auf den während des Kalten Krieges durchgeführten Studien über die Folgen ­eines Atomkrieges. Zunächst müssten sich die Reinigungstrupps darauf konzentrieren, radioaktive Staubteilchen von Oberflächen oder aus Spalten und Rissen zu entfernen. Dies könnte mit relativ kostengünstigen mechanischen Verfahren wie Absaugen und Absprühen geschehen. Dort, wo Radioaktivität in poröse Materialien eingedrungen ist, müsste die Oberfläche durch Sandstrahlen oder ähnlich aufwendige und teure Verfahren abgetragen werden. In manchen Fällen müsste der Belag von Bürgersteigen und Straßen gänzlich entfernt und entsorgt werden, ebenso wie die oberste Erdschicht aus Grünanlagen und Gärten. Ein Großteil der Vegetation wäre wegzuschneiden. Mit Hilfe von Säuren und anderen Chemikalien müssten Rost und mineralische Ablagerungen entfernt werden, in die radioaktive Partikel eingedrungen sind.

Im Interesse der Machbarkeit könnte es auch notwendig werden, die Richtlinien über Strahlengrenzwerte – die für Situationen in Friedenszeiten entwickelt wurden – zu überdenken. Falls nicht wirklich ganze Stadtviertel aufgegeben werden sollten, müssten die Bewohner ein höheres Risiko in Kauf nehmen. Würde man etwa noch eine effektive Dosis von 0,05 Sievert über einen Zeitraum von fünfzig Jahren zulassen, so würde rein statistisch von 500 Personen eine Person zusätzlich an Krebs sterben. Dies entspräche einer Minderung der allgemeinen Lebenserwartung um etwa 15 Tage. Eine andere Möglichkeit wäre, all jene Gebiete zu säubern, die das Doppelte der normalen Hintergrundbelastung aufweisen.

Neuralgische Punkte überwachen

Um überhaupt die Bedrohung durch radiologische Waffen und – im Falle eines Falles – ihre Wirkungen zu mindern, könnten einige relativ kostengünstige Maßnahmen getroffen werden. In einem ersten Schritt wären die Substanzen selbst in geeigneter Weise zu sichern. In den USA verschärfen die Behörden gegenwärtig das Lizenzierungsverfahren, das den Zugang zu radioaktiven Substanzen und die Sicherheitsstandards für alle Gefahrenstoffe regelt. Häufige und sorgfältige Kontrollen wären unerlässlich. Ungenutzte Materialien könn­ten wieder unter Aufsicht gestellt werden durch Programme ähnlich dem Off-Site Source Recovery Project des Los-Alamos-­Nationallaboratoriums, mit dem radioak­tive Quellen aus Unternehmen, staatlichen Einrichtungen und Universitäten eingesammelt werden.

Auch sollten weniger riskante Technologien erforscht werden, wie etwa Ionenstrahlen, um radioaktive Quellen ersetzen zu können. Erhöhte Sicherheitsanforderungen werden den Gebrauch radioaktiven Materials verteuern und dadurch wirtschaftliche Anreize schaffen, nach alternativen Verfahren zu suchen.

In einem weiteren Schritt müssten wir unsere Fähigkeiten verbessern, entwendete radioaktive Materialien aufzuspüren. An neuralgischen Punkten wie Flughäfen, Häfen, Bahnhöfen, Tunneln, Autobahnen und Grenzübergängen müsste ein System von Strahlendetektoren aufgebaut werden. Die USA haben damit bereits begonnen: Entlang des Korridors Boston – New York – Washington und um die US-Bundeshauptstadt herum wurden Strahlenmessgeräte der Nuclear Emergency Search Teams installiert, die dem Energieministerium unterstehen. Routineprüfungen auf Schrott- und Müllhalden würden vor illegaler oder versehentlicher Ablagerung von Gefahrenstoffen schützen. Für diese Zwecke würden einfache Geigerzähler ausreichen. Denn alle Anlieferungen könnten an den wenigen Zufahrtsstellen kontrolliert werden. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass jemand versuchen würde, speziell abgeschirmte Quellen in diese Anlagen hineinzuschmuggeln.

Selbstverständlich sollten die Behörden auf einen Anschlag mit radiologischen Waffen vorbereitet sein. Für eine effiziente Reaktion ist ein System erforderlich, mit dem sich das Ausmaß der Schäden rasch einschätzen lässt, das die zuständigen Stellen alarmiert, einen schlüssigen Maßnahmekatalog entwickelt und schnellstens die notwendigen Einsatzkräfte und Gerätschaften an den Ort des Geschehens bringt. Eine wissenschaftlich glaubwürdige Einzelperson sollte beauftragt werden, die Öffentlichkeit sachgerecht über den Anschlag zu informieren. Dies vermag Panikreaktionen und Angstgefühle der Bevölkerung besser in Grenzen zu halten als Stellungnahmen anonymer Behörden.

All das erfordert ausgiebiges Training. Angehörige von Rettungsdiensten und Krankenhäusern müssen wissen, wie sie sich selbst und betroffene Bürgerinnen und Bürger während eines radiologischen Angriffs schützen können. Des Weiteren müssen sie schnell feststellen können, ob eine Person verstrahlt wurde. Doch Unterricht und Kurse allein reichen nicht aus: Ein solches Programm braucht vor allem klare Handlungsstrategien.

Schließlich müssen wir lernen, wie große Stadtgebiete dekontaminiert werden können. Und wir müssen die notwendigen Schritte festlegen, mit denen eine Verseuchung so gering wie möglich gehalten wird. Letztlich könnte es von dieser Einsatzbereitschaft abhängen, ob nach einem Anschlag eine Geisterstadt zurückbleibt oder ob – nach wenigen Monaten der Säuberung – wieder ein funktionsfähiges Gemeinwesen aufgebaut werden kann.

Literaturhinweise


Making the Nation Safer: The Role of Science and Technology in Countering Terrorism. Vom Committee on Science and Technology. National Research Council, 2002.

Securing Nuclear Weapons and Materials: Seven Steps for Immediate Action. Von M. Bunn, J. Holdren und A. Weir. Harvard University Press, 2002.


Was schmutzige Bomben von Atomwaffen unterscheidet


Eine radiologische Waffe oder schmutzige Bombe ist ein relativ primitiver Sprengsatz aus TNT oder anderen konventionellen Sprengstoffen, die mit radioaktiven Substanzen vermischt sind. Die Detonation verdampft oder versprüht das radioaktive Material, das sich fein verteilt in der Luft ausbreitet.

Eine Atombombe (genauer: eine Kernspaltungswaffe) beruht auf einem wesentlich komplexeren Mechanismus, einer nuklearen Kettenreaktion in Uran-235 oder Plutonium-239. Dazu muss rasch eine überkritische Masse des Spaltmaterials zusammengefügt werden. In diesem Beispiel einer Implosionsanordnung erzeugt die Detonation eines ringförmig angeordneten konventionellen Sprengstoffs eine Stoßwelle, die pyramidenförmige Stücke aus Plutonium nach innen treibt. Im Zentrum treffen sie auf ein Gemisch aus Beryllium und Polonium, das die für das Auslösen der Kettenreaktion erforderlichen Neutronen erzeugt. Die nachfolgenden Spaltreaktionen setzen um mehrere Größenordnungen mehr Energie frei als ein konventioneller Sprengsatz und erzeugen zusätzliche Wirkungen wie zum Beispiel Röntgenstrahlung und Neutronenstrahlung.


Strahlungswirkungen


Alphastrahlung ist eine Teilchenstrahlung, die kaum in die Haut eindringt. Hauptrisiko ist das Einatmen von Alphastrahlen emittierenden Substanzen mit der Luft, denn diese können sich dann in den Lungen festsetzen, wo sie das Gewebe schädigen und Tumoren verursachen. Gammastrahlung ist elektromagnetische Strahlung, die den Körper durchdringt und teilweise in ihm absorbiert wird.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003, Seite 28
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2003

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