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Wandel der Kulturlandschaft - ein Thema auch für Schulen


Von Raimund Rodewald

Preßlufthammer und Baggerzahn haben unseren Lebensraum in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Einst naturnahe Kulturlandschaften mit Hecken, Trockenmauern, Obstgärten und regionaltypischem Siedlungsmuster wurden in ausgeräumte, von kanalisierten Gewässern, Straßen und ausufernden Agglomerationen geprägte Gebiete verwandelt. Noch heute ist eine Fläche von mehreren tausend Hektar jährlich in der Schweiz direkt von Landschaftsveränderungen betroffen. Die Verödung und Belastung der Landschaft wirkt sich auch auf unsere emotionale Befindlichkeit aus. Qualitäten wie Geborgenheit, Schönheit, Melancholie, aber auch Spiritualität, Geheimnisvolles, Sinnliches sind geschwunden. Dennoch wird heute die Landschaft aus unserer Alltagswelt verdrängt und in den Bereich der Lagerfeuerromantik und der Festtagsansprachen verwiesen.

Gewöhnt sich der Mensch an den rapiden Landschaftswandel? Zeigt er sich davon überhaupt betroffen? Wandelt sich parallel zu den Landschaftsveränderungen auch das Schönheitsempfinden? Werden wir am Ende technisierte, ökologisch verarmte Räume mit der Zeit schön finden? Markus Hilfiker hat in seiner Lizentiatsarbeit am Geographischen Institut der Universität Basel 1991 auf diese Fragen für die Altersgruppe der Jugendlichen eine überraschende Antwort und damit letztlich auch den methodischen Anstoß für das neue Lehrmittel "Kulturlandschaften der Schweiz" unserer Stiftung gegeben.

Die Landschaft taucht als schulisches Thema kaum einmal in einem Lehrplan auf. Landschaftsschutz gilt landläufig als Thema der Erwachsenen, ja gar der älteren Generation, eine Sache des melancholisch-sentimentalen, verklärten und resignierten Rückblicks auf die eigene Jugendzeit. Demgegenüber läßt das Ergebnis von Hilfikers Arbeit aufhorchen: Obwohl die 200 befragten Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren aus der Nordwestschweiz in eine bereits stark veränderte, technisierte und meist monokulturell genutzte Landschaft hineingeboren wurden, also eigentlich nur den gegenwärtigen Landschaftszustand kennen, sind sie mehrheitlich auf Landschaftseingriffe stark sensibilisiert und äußern ihre Betroffenheit über den Verlust an visueller Landschaftsqualität mit deutlichen Worten. "Ich weiß zwar nicht, wie es früher aussah, aber bestimmt viel schöner als jetzt", schrieb die 15jährige Nicole aus Oberwil, einer Agglomerationsgemeinde von Basel, und ein Klassenkamerad kommentierte Landschaftseingriffe wie folgt: "Ich glaube, daß wir dabei etwas verlieren, das wir später vermissen werden."

Jugendliche und Landschaftsschutz – ein Widerspruch? Dies ist mitnichten der Fall, wie unsere eigenen Erfahrungen und viele Aktivitäten von Jugendlichen belegen. Zu erwähnen sind hier die Sommersmog-Aktionen, das Jugendparlament (Schweizer Jugendliche üben sich als Parlamentarier und veranstalten eigene Sitzungen), die Umwelt-Jugendgruppen oder auch die kürzlich lancierte Initiative zur Halbierung des Verkehrs. Dennoch dominiert in der Verkehrs-, Städte- oder Raumplanung die Sicht der Erwachsenen.

Der Landschaftswandel schreitet so rapide voran, daß fast drei Viertel der in der Basler Studie befragten Jugendlichen befürchten, es werde in ihrer Wohnregion bald kaum mehr schöne Orte und Landschaften geben. "Wenn es so weitergeht, hat es bald kein Stück Land mehr, man kann sich nirgends mehr aufhalten, wo man sich wohl fühlt", prophezeite ein Gymnasiast aus Basel frustriert. Ein anderer hatte gar apokalyptische Visionen: "Man muß aufhören, die Welt noch mehr kaputt zu machen. Bis zum Schluß ist die Erde ein Zementklumpen." Viele Jugendliche, besonders in Agglomerationen, entwickeln – gemäß soziologischen Studien – eine "mobile Wahrnehmung": Sie empfinden zunehmend das Vertraute als Fremdkörper und das an sich Fremde als vertraut.

Mit dem Lehrmittel "Kulturlandschaften der Schweiz" versucht die Schweizerische Stiftung für Landschaftspflege und Landschaftsschutz (SL), dem Phänomen Landschaft auf die schulischen Sprünge zu helfen. Während der Erarbeitung konnten wir in zwei Schulklassen in Biel und Basel die schulische Eignung des Themas "Landschaft" prüfen. Die Ergebnisse waren sehr ermutigend.

Das Lehrmittel ist in fünf thematische Serien und sechs Regionalbeispiele gegliedert. Jedem Thema sind außer textlichen Beschreibungen Dias, didaktische Hinweise und Querverweise zu anderen Lehrmitteln zugeordnet. Dabei wird insbesondere der Wahrnehmung und dem Wert von Landschaft, aber auch der Bedrohung und Zerstörung Beachtung geschenkt. Beispiele für Aufwertungsmaßnahmen sollen darlegen, daß es an uns ist, Landschaften auch im Positiven zu gestalten. Die Fallbeispiele aus den verschiedenen Landesteilen vertiefen die allgemeinen Ausführungen und fassen die regionaltypische Entwicklung, Bedeutung, Gefährdung und die Zukunftschancen der Kulturlandschaft zusammen.

Das Lehrmittel ist auf das 7. bis 11. Schuljahr zugeschnitten und auf deutsch, französisch und italienisch erhältlich. Dank Sponsorenbeiträgen konnte das Werk den Medienzentren gratis abgegeben werden.

Dr. phil. Rodewald ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz und Landschaftspflege in Bern und Lehrbeauftragter der Universität Zürich


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997

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