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Klimakonferenz in Paris: 10 Antworten zum Zwei-Grad-Ziel

Der Physiker Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erklärt im Interview, warum wir es schaffen werden, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, welche Konsequenzen ein Scheitern hätte und mit welchen Folgen des Klimawandels wir leben müssen.
Nach dem Hurrikan Sandy im Oktober 2012

Herr Levermann, warum beharrt die Klimaforschung genau auf zwei Grad Celsius als maximaler Erwärmung?

Anders Levermann: Wir können sonst das Risiko des Klimawandels einfach nicht mehr handhaben. Wir wissen zum Beispiel über Extremereignisse sehr wenig. Wir haben gute Gründe anzunehmen, dass Extremereignisse zunehmen, und weil wir so wenig darüber wissen, müssen wir die Temperatur so niedrig wie möglich halten, um auf der sicheren Seite zu sein. Ein Grad Erwärmung haben wir schon erreicht, und drei Grad sind viel zu viel.

Ist dieses Ziel angesichts der seit dem Kyoto-Protokoll dennoch immer weiter steigenden CO2-Emissionen noch erreichbar?

Physikalisch ist das Zwei-Grad-Ziel erreichbar. Ob es wirtschaftlich und politisch erreichbar ist, von fossilen Brennstoffen wegzukommen, muss die Gesellschaft selbst entscheiden. Ich bin weit davon entfernt, gegen die Wirtschaft zu sein oder Verzicht zu predigen. Die Gesellschaft muss sich ändern. Aber ich will niemandem etwas wegnehmen oder die Wirtschaft kaputt machen. Ich glaube, das funktioniert nicht. Ich denke, dass wir in der Vergangenheit nicht so gut darin waren, die Geschwindigkeit ökonomischer Prozesse vorherzusagen, und so scheint es möglich, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien viel schneller vonstattengeht, als man sich das heute vorstellt.

Anders Levermann
Anders Levermann | Der Physiker Anders Levermann erforscht die Kippelemente des Klimasystems und leitet seit 2012 den Forschungsbereich Nachhaltige Lösungsstrategien des PIK.

Das heißt, obwohl die CO2-Emissionen schon ab 2020 wieder sinken müssen, gibt es noch Hoffnung, dass wir das schaffen?

Meine private Meinung ist, dass es noch Hoffnung gibt. Ich durchschaue diese ökonomischen Prozesse nicht perfekt. Aber niemand hat zum Beispiel den schnellen Aufstieg der Computer und die digitale Revolution vorhergesagt, und die Welt komplett mit erneuerbaren Energien zu versorgen, hat extreme Vorteile. Ob das ähnlich schnell geht, kann ich nicht vorhersagen, aber ich habe die Hoffnung, dass es so ist. Klar ist aber, dass die Gesellschaft die Richtung vorgeben muss – die Gesellschaft muss sagen: Wir wollen aus den fossilen Brennstoffen raus.

Ist der politische Wille da?

Das kann ich nicht einschätzen, ich habe da wenig Einblick. In Deutschland ist eine große Akzeptanz in der Bevölkerung vorhanden, in Großbritannien ebenso. In den USA und China ändert sich die Lage derzeit auch, denke ich.

Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen, vermeiden wir die schlimmsten Szenarien. Mit welchen Folgen des Klimawandels müssen wir auch im günstigsten Fall leben?

Das arktische Meereis wird in den Sommern ganz verloren gehen. Im Winter wird das Nordpolarmeer immer wieder zufrieren, aber im Sommer ist es eisfrei. Viele Korallenriffe werden absterben, wir hoffen, dass es nicht alle sind. Wir erwarten, dass es mehr Extremwetterlagen geben wird, die Klimazonen verschieben sich, mit entsprechenden Niederschlagsänderungen. Außerdem steigt bereits jetzt der Meeresspiegel.

Welche Folgen hat das steigende Wasser langfristig?

Bei zwei Grad wird der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen, allerdings auf sehr langen Zeitskalen. Was wir jetzt schon haben und was bei zwei Grad Erwärmung erst recht eintritt: Die Küstenlinien verändern sich. Wir werden bestimmte Gebiete vielleicht nicht halten können. Dann muss man lokal entscheiden, ob man zum Beispiel New York aufgeben muss, ob man die Niederlande oder Bangladesch rettet, ob man kleine Inselstaaten erhalten kann oder ob das einfach rein physisch nicht geht.

Betrifft das auch deutsche Städte wie Hamburg, Kiel oder Bremen?

Vielleicht kann man diese schützen, aber das wird dann einfach teuer. Ich finde einen Satz sehr eingängig: Vor dem Meeresspiegel muss man keine Angst haben, um den Meeresspiegel muss man sich Sorgen machen. Das fasst es ganz gut zusammen, denn wir können uns daran anpassen. Wir können entweder Deiche bauen oder uns zurückziehen. Deiche werden sehr teuer, aber wenn wir uns zurückziehen, geben wir das Land einfach auf, und das wollen wir vielleicht nicht.

Wenn wir uns als Gesellschaft nicht für den Klimaschutz entscheiden, welchen Klimawandel müssen wir dann schlimmstenfalls erwarten?

In dem Fall geht der Klimawandel immer weiter, solange wir Kohlendioxid ausstoßen. Bis Ende des Jahrhunderts wären wir bei fünf Grad, und wenn wir die Emissionen dann nicht reduzieren, geht es weiter bis auf zehn. Einfach gerade hoch.

Wir können bereits sehr viele Folgen verschiedener Klimawandelszenarien einigermaßen einschätzen. Wo könnten trotzdem noch böse Überraschungen warten?

Die bösen Überraschungen sehe ich tatsächlich in den Extremereignissen. Es gibt zwar die Kipppunkte im Klimasystem, Prozesse, die sich schon bei kleinen Verschiebungen sehr stark ändern. Doch das bedeutet nicht, dass es schnell passiert. Die bisher identifizierten Kippelemente sind ausnahmslos riesig und haben dramatische Folgen, aber sie sind im Rahmen unserer Lebenszeit langsam. Man empfindet sie dann als allmähliche Änderungen, die wir einfach nicht mehr aufhalten können. Was nicht allmählich ist, sind Extremereignisse wie der Hurrikan Sandy, der dann plötzlich New York lahmlegt und auch extreme Schäden verursacht.

Was wird es mit unseren Kulturen und unserer technischen Zivilisation machen, wenn wir auf Jahrhunderte hinaus permanent vor dem Klimawandel zurückweichen müssen?

Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich weiß zum Beispiel auch nicht, was es bedeutet, auf einer Insel zu leben, von der man weiß, dass sie untergeht.

Herr Levermann, herzlichen Dank für das Gespräch.

44/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2015

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