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Nerds: Außenseiter und Ikonen

Wir schreiben das Jahr eins nach Serienende von »Big Bang Theory«: Nerds sind umschwärmte Tech-Millionäre, Marvel-Superhelden zählen zum Mainstream. Haben die alten Stereotype ausgedient?
Die Big-Bang-Theory-Gang beim Chillen auf der WG-CouchLaden...

Hi! – Hi! … Hi! – Hi! Mit diesem holprigen Hallo begann vor zwölf Jahren eine der unwahrscheinlichsten Liebesgeschichten im US-Serienuniversum. Den sozialen Naturgesetzen zufolge hätten der nerdige Physiker Leonard und die hübsche Kellnerin Penny niemals ein Paar werden dürfen. Aber als die Sitcom »The Big Bang Theory« 2019 endete, waren es gerade diese Gegensätze, die der langjährigen Beziehung noch Spannung verliehen.

Leonard und seine Freunde verkörperten die gängigen Stereotype von Nerds und Geeks: klugen Köpfen, die leidenschaftlich über physikalische Gleichungen und Comic-Superhelden diskutieren und sich gegenseitig in ihrem ungeschickten Umgang mit Frauen überbieten. Die Parade ihrer Peinlichkeiten sorgte für Unterhaltung, aber nicht nur das. Sie schuf eine Parallelwelt, in der Marotten liebenswert und gute Manieren langweilig erschienen.

Einst brauchte es fiktiven Welten, damit auch Nerds und Geeks das Herz ihrer Angebeteten gewinnen konnten. Doch mit Leonard und Penny, mit Peter Parker in »Spiderman« und Seth Cohen in »O.C., California« veränderte sich etwas. Heute sind »Techbrains« nicht nur als Mitarbeiter gesucht, und das »Fandom« (Fan-tum) verbindet ehemals einsame Passionen zu schillernden Nischenkulturen. Haben die alten Stereotype damit ausgedient? Was die Forschung über Nerds und Geeks, Techbrains und Fandom weiß.

1. Nerds und Geeks sind nicht dasselbe

Fachleute verstehen unter »Nerdiness« und »Geekiness« verschiedene Merkmale. Der Prototyp eines Nerds zeichnet sich aus durch hohe nonverbale Intelligenz, logisch-rationales Denken und eine besondere Technikbegabung, ein »Techbrain«. Er hat aber wenig Gespür für die unausgesprochenen Regeln des Zusammenlebens und verhält sich gegenüber anderen Menschen eher zurückhaltend und unbeholfen.

Ein Geek zu sein bedeutet hingegen, sich leidenschaftlich zum Beispiel für Sciencefiction, Computer oder andere Spezialthemen zu interessieren, die vor allem durch die Medien vermittelt werden. Einst handelte es sich dabei um kulturelle Nischen abseits des Mainstreams. Doch das hat sich gewandelt: Die Superhelden aus den Marvel-Comics etwa zählen heute zur Popkultur. Im Internet findet man für praktisch jedes Interessengebiet Communitys von Gleichgesinnten, die miteinander fachsimpeln.

Studien bescheinigen Geeks, anders als Nerds, weder eine überdurchschnittliche nonverbale Intelligenz noch besondere technisch-naturwissenschaftliche Talente. Geeks investieren einfach viel Zeit und Energie in ihre Leidenschaft. Eine Person kann nerdig und geekig zugleich sein, das eine mehr und das andere weniger, oder nur eins von beiden.

2. Geekiness und Nerdiness sind erblich

Die Persönlichkeit eines Menschen setzt sich aus Eigenschaften zusammen, die teils in den Genen liegen. Dass das auch auf Nerdiness und Geekiness zutrifft, zeigte eine Studie an Zwillingen aus mehr als 4000 britischen Familien. Das Team um Magdalena Janecka vom King's College London erhob bei den Kindern im Alter von zwölf Jahren die nonverbale Intelligenz, etwaige Spezialinteressen sowie distanzierte, spröde Umgangsformen. Die Ausprägungen der drei Merkmale kombinierten die Forscher zu einem »Geek-Index« und verglichen, in welchem Grad ein- und zweieiige Zwillinge darin übereinstimmten: Nerdiness und Geekiness liegen demnach zu 57 Prozent in den Genen.

Eine weitere Beobachtung: Je älter die Väter waren, desto höher war der Geek-Index der Kinder, vor allem der Söhne. Weil das Risiko für Autismus ebenfalls mit dem Alter des Vaters steigt, mutmaßen die Forschenden, dass hinter beidem dieselben Mechanismen stecken könnten, nur in unterschiedlicher Dosis. Autismus sei zwar eine komplexe Entwicklungsstörung und etwas ganz anderes, als ein Nerd zu sein, schreiben sie. Doch Fähigkeiten und Interessen der Betroffenen ähnelten sich in mancher Hinsicht.

3. Nerds verdienen besser

Nerds und Computergeeks begeistern sich in der Regel beide für Naturwissenschaften, Mathematik oder Technik, jene Fachgebiete also, die in gut bezahlten Berufen gefragt sind. Der Vorteil lässt sich laut einer repräsentativen Längsschnittstudie des US-Bildungsministeriums sogar in Dollars beziffern. Wer ein entsprechendes Hauptfach studierte, verdiente demnach vier Jahre nach dem Bachelorabschluss im Schnitt rund 15 000 Dollar mehr im Jahr als jemand mit einem anderen Hauptfach – unabhängig davon, wie gut die Noten in der Schule insgesamt gewesen waren.

Dem beruflichen Erfolg der Nerds steht ihr eher zurückhaltendes Sozialverhalten offenbar nicht allzu sehr im Weg. Im Schulalter sieht das noch anders aus: Einige beteiligen sich bewusst weniger am Unterricht, um nicht als Nerd oder Streber angesehen zu werden. Nicht grundlos, wie die folgenden Studien zeigen.

4. Nerds sind unbeliebt

Forscherinnen von der TU Chemnitz legten mehr als 400 Achtklässlern Texte über fiktive Gleichaltrige vor. Engagierte sich die geschilderte Person im Unterricht, kam sie bei den Befragten weniger gut an – aber nur, wenn sie als Nerd beschrieben wurde. Vor dem unvorteilhaften Etikett schützte dreierlei: wenn sie als sportlich, gesellig und bescheiden dargestellt wurden.

Die Ausgrenzung von Nerds ist ein mächtiges Signal an Gleichaltrige: Sei gesellig, lerne nicht zu viel, bewundere Gleichaltrige für ihre Sportlichkeit und Schönheit

Nur warum sind Nerds überhaupt so unbeliebt? Um das herauszufinden, befragte ein Team von der Cornell University rund 35 000 Teenager an 134 US-amerikanischen Schulen. Die Jugendlichen befanden mehrheitlich, dass die Schuld bei den Nerds selbst liege: Sie würden wenig unter Leute gehen, dumme Sachen sagen, seltsame Interessen pflegen, uncoole Klamotten tragen, um Noten konkurrieren, im Unterricht zu viel reden, und sie hätten wenig Selbstvertrauen. Fazit der Autoren: Die Ausgrenzung von Nerds ist ein mächtiges Signal an Gleichaltrige. »Mach es wie wir«, laute die Botschaft. »Sei gesellig, lerne nicht zu viel, bewundere Gleichaltrige für ihre Sportlichkeit und Schönheit, aber bitte nicht für ihr Interesse an Wissenschaft.«

Ein Henne-Ei-Problem, sagen die US-amerikanischen Forscher: In einer neuen Klasse fällen Jugendliche schon in den ersten Wochen ihre Urteile übereinander, dann hätten alle ein Etikett, und Nerds würden ausgegrenzt. »Vielleicht waren sie zunächst gar nicht so viel anders«, vermuten die Forscher. Es klingt so, als wäre das Anderssein das Problem.

5. Nerds fühlen sich teils unterlegen, teils überlegen

Das Leid der ungeliebten Streber lässt sich bis in die 1980er Jahre zurückverfolgen. Damals berichtete die Soziologin Sherry Turkle, dass sich computerbegeisterte Studenten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) als unattraktive Loser und Einzelgänger beschrieben. Das Bild, das Turkle von ihnen zeichnete, entspricht noch heute gängigen Klischees: bleich und mit Brille, ungepflegt und altmodisch gekleidet, unter- oder übergewichtig, unsportlich und ohne Liebesleben. Ihr Unglück über die eigenen körperlichen Makel wüssten sie jedoch mit technischer Kompetenz zu kompensieren.

Dieselbe Ambivalenz fand Outi Immonen von der Universität Helsinki in so genannten Nerd-Memes, im Internet kursierenden Kurzfilmen und kommentierten Bildern zum Thema Nerds. Drei Sorten machte er aus: erstens »Loser-Memes«, die Nerds als sozial inkompetente Besserwisser darstellen und sich über sie lustig machen; zweitens »Superior-Memes«, die eine arrogante Elite-Gemeinschaft von Superbrains zeigen und ihre technische Überlegenheit betonen; und drittens ein paar wenige, die sich um weibliche Nerds drehen und diese in der Regel als Fake darstellen.

Das männliche Nerd-Stereotyp dient der Technik-Elite als »Gatekeeper«

6. Nerdinen gibt es doch

»Echte« Nerdinen gibt es nicht – diese Meinung ist unter männlichen Nerds verbreitet. Einige Nerd-Forscher vermuten den Grund darin, dass das männliche Nerd-Stereotyp der Technik-Elite als »Gatekeeper« diene. Technische Überlegenheit und der damit verbundene Erfolg sei das Einzige, woraus Nerds ein Gefühl von Männlichkeit ziehen, erläutert der finnische Meme-Forscher Immonen. Frauen mit denselben Fähigkeiten könnten dieses Gefühl bedrohen, deshalb würden ihnen Nerd-Kompetenzen grundsätzlich abgesprochen.

Natürlich gibt es auch weibliche Nerds: Mathematikerinnen, Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen, die ebenso unsportlich und altbacken erscheinen wie ihre männlichen Pendants und sich auf Partys ähnlich fehl am Platz fühlen. Nur müssen Nerdinen mehr Kompetenz beweisen, um als solche und nicht als Mauerblümchen angesehen zu werden. Weibliche Geeks haben es dagegen leichter. Obschon einige Geek-Kulturen männlich dominiert sind, zweifelt niemand grundsätzlich an ihrer Existenz.

7. Geeks leben Fantasien aus

Was motiviert Geeks dazu, viel Zeit und Energie für ihre Passionen aufzubringen? Dieser Frage widmete sich eine Studienreihe mit über 2300 teils mehr, teils weniger geekigen Versuchspersonen. Das Team um Psychologin Jessica McCain prüfte verschiedene Hypothesen: Flüchten sich Geeks in eine Fantasiewelt, weil sie in der realen Welt nicht zurechtkommen? Hat das Geektum eine therapeutische Funktion? Oder geht es darum, einer Gruppe von Gleichgesinnten anzugehören?

Zunächst untersuchten die Forschenden, was die Geeks von den Nicht-Geeks unterschied. Je mehr sich die Befragten geektypischen Interessen widmeten, desto extravertierter und offener waren sie, desto mehr neigten sie zu Größenfantasien und hofften, in Kunst oder Wissenschaft viel zu erreichen. »Die Geek-Kultur ist besonders für Narzissten attraktiv«, schreiben McCain und ihre Kollegen.

Geeks hätten außerdem einen vermehrten Hang zu Depressionen, und je engagierter sie ihren Leidenschaften nachgingen, desto besser fühlten sie sich. Von einer »Flucht in die Fantasiewelt« könne dennoch nicht die Rede sein: Geeks hätten auch ein Leben außerhalb ihrer Geek-Kultur; sie engagierten sich beispielsweise häufiger in Nachbarschaftsgruppen. Das Klischee vom exzentrischen Einzelgänger treffe ebenso wenig zu. Geeks neigten zwar häufiger zu eigentümlichen Ansichten wie dem Glauben an Telepathie. Das deuten die Autoren jedoch als Zeichen für Fantasiereichtum und kreatives Denken. Ihr Bild von Geeks: »anders, aber nicht dysfunktional«.

8. Unter Geeks gibt es Spezialisten und Generalisten

Das Team um Jessica McCain besuchte so genannte Conventions wie die »Comic Con«, ein Treffen von tausenden Gleichgesinnten. Das Ziel: ein Inventar ihrer Leidenschaften zu entwickeln und in Kategorien zu fassen. Tatsächlich fanden die Forschenden Spezialinteressen, die häufig gemeinsam auftraten, zum Beispiel die Begeisterung für Heldenkostüme, Historienspiele und Waffen, für japanische Zeichentrickfilme und Comics (Anime und Manga) und für die Genres Sciencefiction und Fantasy sowie für britische Serien.

»Generalisten«, die viele Interessen pflegen, unterscheiden sich laut McCains Studien in vielerlei Hinsicht von den »Spezialisten«, die nur eine Leidenschaft haben. Die Generalisten beschrieben sich als extravertierter, umgänglicher und depressiver, womit sie eher eine geektypische Persönlichkeit haben als Menschen mit nur einer Leidenschaft. Letztere fühlten sich auch weniger als Geeks.

9. Ein Bücherwurm ist kein Nerd

Das schöne englische Wort »bookish« wird mit »gelehrt« oder »lebensfern« übersetzt und passt damit nicht schlecht in das Bild von Nerds. Doch Bücherwurm und Nerd können grundverschieden sein. Beide gelten zwar als Stubenhocker, und wer viele Sachbücher liest, verfügt auch eher über unterdurchschnittliche soziale Fertigkeiten, wie kanadische Psychologen feststellten. Auf Romanleserinnen und -leser treffe das aber nicht zu – im Gegenteil. Sich in das Leben fiktiver Charaktere zu vertiefen, fördere sogar soziale Kompetenzen. Ein Faible für Fantasy-Romane etwa spräche eher für eine Kombination aus Bücherwurm und Geek.

10. Heutzutage ist es cool, ein bisschen nerdig zu sein

Laut Nerd-Forscherin Lori Kendall tauchten die ersten nerdigen Charaktere im Fernsehen in den 1970er Jahren auf, unter anderem in der Sitcom »Happy Days«. In den 1980er Jahren galten vor allem computer- und technikbegeisterte Jungs als Nerds. Daran hat sich bis heute nichts geändert, aber seit den späten 1990er Jahren wandelt sich das Bild vom einst ungelenken Außenseiter hin zum Techbrain mit erfolgreichem Start-up, schreibt Kendall. So zählen Nerds zu den männlichen Rollenvorbildern, auch wenn es für das klassische Männerstereotyp weiterhin an der nötigen Athletik fehlen mag.

Die Hipster, die sich mit dicker Brille einen Anstrich von (gepflegter) Nerdiness geben, scheint das allerdings nicht zu stören. Manchen Menschen sind solche Etiketten ohnehin seit jeher gleich, und irgendwann erreichen auch die meisten anderen den nötigen Reifegrad. Damit war »Big Bang Theory«-Sweetheart Penny ihrer Zeit ein ganzes Stück voraus: als sie sich, entgegen den Gesetzen der sozialen Physik, für Leonard entschied.

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