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News: Bestechung ist teuer geworden

Das marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftssystem in Rußland beruht auch heute noch auf den Praktiken, die sich vor dem Beginn der Perestroika Ende der 80er Jahre im sowjetischen Planwirtschaftssystem etabliert haben. Die russische Wirtschaft ist dual strukturiert. Das heißt, neben dem offiziellen Markt wirtschaften russische Unternehmen auch auf einer inoffiziellen Ebene. Personen nutzen ihre offizielle Entscheidungsgewalt über Güter und Ressourcen, um inoffiziell zu handeln und zu produzieren, ohne Steuern abzuführen. Diese Praxis macht russische Unternehmen anfällig für Erpressungen oder Betrugsversuche durch Geschäftspartner.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Dr. Barbara Zschoch, die sie am Institut für Völkerkunde der Universität zu Köln angefertigt hat. Die Studie untersuchte die wirtschaftliche Lage und Entwicklung von Kleinunternehmen der russischen Stadt Jaroslavl während des Zeitraums von 1994 bis 1995. Da gerade Kleinunternehmen auf ein verändertes wirtschaftliches Umfeld sehr schnell reagieren, können anhand der vorliegenden Studie Schlüsse auf den Zustand des gesamten Wirtschaftssystems gezogen werden.

Zur Zeit der Sowjetunion führte die unflexible, bürokratische Planwirtschaft zu Engpässen und Knappheit von Gütern und Dienstleistungen, was die Entstehung einer zweiten, inoffiziellen Wirtschaftsebene förderte. Auf diesem inoffiziellen Markt strebten die Akteure nicht, wie in der marktwirtschaftlich orientierten Wirtschaft üblich, nach Gewinnmaximierung, sondern nach der Maximierung ihrer Kontrolle über Verteilungsprozesse. Nach dem Wegfall der sozialistischen Staatsform blieb diese Dualität des Wirtschaftssystems jedoch erhalten. Die Ursache hierfür sieht die Kölner Wirtschaftsethnologin in der Steuergesetzgebung Rußlands. Zu hohe Steuern machen es gerade den Kleinunternehmen praktisch unmöglich, ökonomisch zu arbeiten. Sie können es sich im wörtlichen Sinne nicht leisten, auf illegale Praktiken wie Steuerhinterziehung zu verzichten, so daß sie wie früher an den offiziellen Stellen vorbei arbeiten. Im Vergleich zur Situation in der Sowjetunion hat die inoffizielle Seite der russischen Wirtschaft sogar noch an Bedeutung gewonnen. Sowohl Anzahl als auch Höhe der Bestechungssummen sind, so die vorliegende Studie, deutlich gestiegen.

Dennoch sind es gerade die Kleinunternehmen, die die Entwicklung der Wirtschaft in Rußland zu einem marktwirtschaftlich orientierten System vorantreiben können. Da Kleinunternehmen in der Regel nicht selber über ausreichend Ressourcen verfügen und auf diese Weise Macht innerhalb des inoffiziellen Marktes ausüben können, sind sie praktisch auf das Funktionieren der offiziellen regulären Wirtschaftsmechanismen angewiesen. Hinzu kommt natürlich die wachsende Überzeugung vieler Unternehmer, daß ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem nach westlichem Vorbild die wirtschaftliche Situation in Rußland positiv beeinflussen würde. Eine Möglichkeit, Gesetzestreue und marktorientierte Tätigkeit für die Unternehmer lukrativ zu machen, sieht Zschoch darin, die Steuern zu senken. Mit dem Machtwechsel in der russischen Regierung zugunsten der "Reformer" zu Beginn des Jahres 1997 stehen die Chancen für eine solche Entwicklung nicht schlecht.

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