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News: Das Wiesel war's

Populationsgrößen schwanken, das ist an sich nicht ungewöhnlich. Wenn auf extreme Vermehrungsphasen aber regelmäßig ganze Generationen dahinsterben wie Lemminge, dann sollten dafür Gründe zu finden sein.
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Zunächst gilt es, mit einer Legende aufzuräumen: Nein, Lemminge begehen keinen Massenselbstmord. Dennoch hält sich die Mär hartnäckig, vielleicht wegen der charakteristisch heftig schwankenden Bevölkerungszahlen typischer Lemming-Gemeinschaften. Schließlich folgen hier in einem regelmäßigen, etwa vierjährigen Populationszyklus auf veritable Lemming-Babyboom-Phasen – die den begrenzten Lebensraum buchstäblich mit Nachwuchs-Nagern überschwemmen – stets derart dramatische Einbrüche der Lemming-Kopfzahl, dass wiederkehrende Suizidwellen irgendwie plausibel ins Bild zu passen scheinen.

Der tatsächliche ökologische Grund für die auffälligen Populationsschwankungen, so dachten Biologen seit geraumer Zeit, sollte eigentlich leicht auszumachen sein. Immerhin sind die klassischen Lemming-Ökosysteme in der frostigen nördlichen Tundra artenarm und somit übersichtlich. Vielleicht, so eine Theorie, vermehren sich Lemminge hier einfach regelmäßig über vier Jahre so ungestört und übermäßig, bis sämtliches Nahrungsangebot verputzt ist und bevölkerungsregulierender Hungertod unausweichlich wird. Einer anderen Theorie zufolge könnte stattdessen der wachsende Sozial-Stress der Überbevölkerung Grund für die dramatisch einbrechenden Lemmingzahlen sein.

Beides falsch, meint nun Ilkka Hanski von der Universität Helsinki, der zusammen mit Benoît Sittler von der Universität Freiburg und Kollegen die Daten aus 15 Jahren Feldforschung im nordwestlichen Grönland auswertete. Besonderes Augenmerk legten die Wissenschaftler auf die Zusammenhänge der Populationsentwicklung aller im Nahrungs-Beziehungsnetz der Lemmingheimat relevanten Spezies. Das sind gerade einmal fünf: vier Jäger – das Hermelin, der Eisfuchs, die Schnee-Eule und die Falkenraubmöwe – und eben, als deren einzig bejagtes Standardopfer, der Grönländische Halsbandlemming Dicrostonyx groenlandicus.

Irgendwie logisch, dass die Populationszahlen von Eule, Fuchs und Raubmöwe über alle Jahre eng dem typischen Vier-Jahres-Zyklus ihrer Lemmingbeute folgten: Alle drei Jäger haben ähnliche Fortpflanzungszeiten wie die Lemminge und gedeihen besonders gut, wenn die große Zahl der Lemminge ihnen ein üppiges, leicht zugängliches Nahrungsangebot liefert. Nur, eine Erklärung für die dramatischen Schwankungen liefert dieser typische Jäger-Beute-Zusammenhang nicht.

Dafür ist vielmehr, so fanden die Forscher heraus, das Hermelin verantwortlich. Auch die Populationszahlen dieser Wiesel folgen einem zyklischen Auf und Ab; anders als bei den anderen Jägern aber hinkt der Hermelin-Reproduktionszyklus dem der Lemminge regelmäßig deutlich hinterher. Und das muss nach Modellrechnungen der Wissenschaftler für Bewegung sorgen: Während in einem optimalen Lemmingjahr der zurückhinkende Wieselnachwuchs noch ausbleibt, wachsen und gedeihen die Lemminge so prächtig, das sie zu immer leichteren Zielscheiben der ebenso schnell boomenden Jagdgesellschaft aus Eulen, Füchsen und Möwen werden. Die drei Arten halten ab einer bestimmten Schwelle die Lemmingzahlen konstant.

Dann aber addieren sich zu diesem fragilen Jäger-Beute-Gleichgewicht auf hohem Niveau plötzlich zu viele junge Hermelinjäger massenhaft als Nachzügler – und die Lemmingpopulation bricht unter diesem maximalen Räuberdruck ein. Am anderen Ende des Zyklus erholt sich die Lemmingzahl erst, wenn auch die Jägerdichte aus Mangel an Beute sinkt – und boomt wieder besonders, wenn die nachhinkenden, geburtenschwachen Jahrgänge der Wieselgeneration durchschlagen. Und das alle vier Jahre wieder.

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