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News: Den kenn' ich doch...

Ständig treffen wir neue Menschen. Im Laufe unseres Lebens nehmen wir Tausende von Gesichtern war. Dennoch können wir einen lange nicht mehr gesehenen Freund auf Anhieb wieder erkennen. Dies geschieht, indem unser Gehirn die Abweichungen des individuellen Gesichtes von einem gespeicherten Muster eines Durchschnittsgesicht registriert. Deutsche Wissenschaftler konnten jetzt nachweisen, dass sich dieses gespeicherte Mustergesicht kurzfristig verändern kann.
Samstagnachmittag in der Fußgängerzone. Menschenmassen hasten achtlos vorbei. Doch plötzlich schießt es einen durch den Kopf: "Den kenn' ich doch." Tatsächlich, der alte Schulfreund, den man seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, steht vor einem. Obwohl auch die Jahre an ihm nicht spurlos vorbei gegangen sind, war unser Wiedererkennen kein Problem. Wie vollbringt das Gehirn diese erstaunliche Leistung?

Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass unser Gehirn ein Standardgesicht als Prototyp abspeichert. Jedes neu wahrgenommene Gesicht vergleicht das Gehirn mit diesem Standardmuster und registriert die Abweichungen als individuelle Erkennungsmerkmale. David Leopold vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen glaubt, dass das Gehirn dieses Muster ständig neu bildet. Aus den Tausenden wahrgenommener Gesichtern ermittelt es ein Standardgesicht von "Dietrich Durchschnitt" und "Erika Mustermann".

Um zu testen, ob dieser Prototyp veränderbar ist, entwickelte Leopold zusammen mit seinen Kollegen aus den charakteristischen Merkmalen der Gesichter von 100 Personen – wie Kopfform, Nase oder Stirn – ein Durchschnittsgesicht. Als Testgesichter wählten die Wissenschaftler vier real existierende Personen aus: Adam, Jim, John und Henry. Dann konstruierten sie zu jedem der vier Gesichter ein "Gegen-Gesicht". Wenn beispielsweise Adams Nase zu 50 Prozent knolliger war als die Durchschnittsnase, dann hatte "Anti-Adam" nur eine halb so dicke Nase wie der Durchschnitt. Schließlich entwickelten sie aus den Testgesichtern abgeschwächte Varianten, die immer mehr dem Durchschnittsgesicht ähnelten. Dann begann der Test: Die Versuchspersonen (vier Männer und fünf Frauen zwischen 22 und 30 Jahren) prägten sich die vier Namen und Gesichter ein. Dann versuchten sie Adam, Jim, John und Henry aus den abgeschwächten Varianten wieder zu erkennen. Nach einiger Übung erkannten sie beispielsweise Adam auch dann, wenn das für 200 Millisekunden gezeigte Bild nur zu einem Drittel "Adam-ähnlich" war.

Im zweiten Schritt kam "Anti-Adam" ins Spiel: Die Versuchspersonen sahen sein Gesicht für fünf Sekunden – mit drastischen Konsequenzen. Jetzt erkannten sie Adam schon dann, wenn die Charakteristika des gezeigten Gesichtes nur zu zehn Prozent denen von Adam entsprach. Bei Jim, John und Henry dagegen versagten die Versuchspersonen – die Wiedererkennungsrate ging deutlich zurück. Außerdem verwechselten sie jetzt öfter das Durchschnittsgesicht mit Adam (Nature Neuroscience vom Januar 2001).

Die Wissenschaftler schließen hieraus, dass das Gehirn das gespeicherte Mustergesicht nicht fest fixiert hat, sondern durch Adaptation verändern kann. Eine ähnliche Adaptation findet auch im Auge statt, wenn wir auf eine rote Fläche schauen und danach ein grün-blaues "Geisterbild" sehen, da sich unsere Farbwahrnehmung zur Komplementärfarbe verschoben hat. Wie hier dauert die Gesichtsadapation nur kurz an: Nach weniger als einer Sekunde ist der Effekt verschwunden. Anya Hurlbert von der Newcastle University Medical School glaubt jedoch, dass auch ein längerer Effekt auftreten kann: "Es ist sicher möglich, dass der Prototyp für längere Zeit verschoben wird, wenn sich die Gesichter, die wir sehen, permanent verändern – zum Beispiel, wenn wir aus einer ländlichen Gegend von Iowa in ein isoliertes Dorf in den chinesischen Bergen ziehen."

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