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Archäologische Fälschungen: Den Verdacht fast immer bestätigt

Auf dem Markt für archäologische Güter wird es immer enger - und für Fälscher immer lukrativer. Häufig werden sie erst durch chemische Analysen entlarvt. Wir sprachen mit Ernst Pernicka. Er ist Professor für Archäometrie/Archäometallurgie an der Universität Tübingen sowie wissenschaftlicher Direktor des Curt-Engelhorn-Zentrums Archäometrie in Mannheim. Im Prozess gegen die Hehler der Himmelsscheibe von Nebra ist er einer der Gutachter.
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Herr Pernicka, wäre ich Fälscher, was müsste ich tun, damit Sie mich nicht erwischen?

Ernst Pernicka: Wenn Sie nicht aus unserem Geschäft kommen, haben Sie eigentlich keine Chance. Doch die meisten Fälschungen stammen ohnehin aus Regionen beziehungsweise Kreisen, die weder über eine ausgefeilte Analytik verfügen noch genügend Kenntnis der Materialien und Herstellungsmethoden haben – in Westafrika und China etwa, aber auch in Süditalien, Griechenland und Türkei. Meist handelt es sich dabei um Massenware von relativ geringem Wert.

Lohnt sich die Fälschung prominenter Stücke von hohem wissenschaftlichem Wert?

Pernicka: Nein. Hier liegt übrigens auch eines der Argumente für die Echtheit der Himmelsscheibe von Nebra. Denn Fälschungen sind vor allem dann erfolgreich, wenn es ähnliche Objekte bereits gibt, der "Fund" also in das Weltbild passt. Auch der berühmteste Fälschungsfall, der Piltdown-Mensch, zielte ja auf den damaligen Kenntnisstand der Forschung. Die primitiven Schädelknochen und ein Kiefer etwa ähnelten denen des einige Jahre zuvor gefundenen Kiefers des Homo heidelbergensis. Bei der Himmelsscheibe spricht ihre Einzigartigkeit also auch für ihre Echtheit.

Dieses Interview ist Teil des Schwerpunktes "Falsche Funde" in Abenteuer Archäologie 3/2005.
Aber auch sie könnte gefälscht worden sein. Durch Sie beispielsweise.

Pernicka: Heute wüsste ich wohl grundsätzlich, wie ich es machen müsste, aber vor fünf Jahren ahnten wir beispielsweise nicht, dass die Kupfer-Lagerstätten von Tirol bis Wien zwar chemisch überraschend ähnlich sind, sich aber in ihrer Bleiisotopenzusammensetzung stark unterscheiden. Tatsächlich haben wir in den Bronzeobjekten aus dem Hortfund von Nebra einerseits ganz ähnliche Arsen- und Nickel-Konzentrationen gemessen, zugleich aber auch stark variierende Blei-Isotope. Das hätten die Fälscher gar nicht wissen können.

Wenn ein kundiger Fälscher die Metallzusammensetzung nachahmen könnte, wäre er auch fähig, das Objekt mit einer täuschend echten Korrosionsschicht zu überziehen?

Pernicka: Nein, wir sind der Meinung, dass dies – noch – unmöglich ist. Tatsächlich wollen wir das in Zukunft auch versuchen. Wenn es uns wirklich gelingt, werden wir das Rezept aber sicher nicht veröffentlichen.

Wie gehen also die Fälscher ans Werk?

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Ernst Pernicka | Prof. Dr. Ernst Pernicka lehrt Archäometrie und Archäometallurgie am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen und leitet als wissenschaftlicher Direktor das Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim.
Pernicka: Manchmal primitiv, indem sie solche Schichten einfach aufmalen. Manchmal täuschen sie aber auch Experten, wie im Fall eines mittelalterlichen Kultobjekts. Da waren sich zwei Gutachter sicher, dass die Metallzusammensetzung für die angegebene mittelalterliche Datierung sprach. Immerhin empfahl einer von ihnen, die Korrosionsschicht zu untersuchen. Und so fanden wir darin nicht wie erwartet das basische Kupferkarbonat Malachit, sondern fast reines Kupfernitrat. Dies konnte keinen natürlichen Ursprung haben, vielmehr hatten die Fälscher das Objekt mit Salpetersäure auf alt getrimmt.

Dennoch haben die Fälscher offenbar so viel Erfolg, dass Sie neben Ihrer Forschung auch Echtheitszertifikate erstellen.

Pernicka: Bisher untersuchten wir im Schnitt zwei oder drei Dutzend Objekte im Jahr. Wir könnten aber wohl bis 200 Aufträge pro Jahr bekommen.

Konzentrieren Sie sich auf metallische Gegenstände?

Pernicka: Sicher liegt unsere Expertise auf diesem Gebiet. Aber wir sehen uns auch als Anlaufstelle für archäologische und kunsthistorische Objekte aller Art. Proben, die wir selbst nicht analysieren können, schicken wir an entsprechend spezialisierte Labors.

Wie viel Probenmaterial benötigen Sie?

Pernicka: Wo es eben geht, setzten wir zerstörungsfreie Methoden ein. Für die chemische Zusammensetzung eines Metallobjekts reicht im besten Fall weniger als ein Milligramm. Das ist ein winziger Span, mit einem 0,5 Millimeter dicken Bohrer einen halben Millimeter tief gebohrt, oder der Abrieb einer rauen Oberfläche. Bei heterogen zusammengesetzten Keramiken brauchen wir aber meist einige hundert Milligramm.

Wer kommt denn zu Ihnen?

Pernicka: Je nachdem, was und mit welcher Methode untersucht wird, entstehen Kosten von hundert bis einigen hundert Euro. Damit sich das lohnt, haben die Dinge, die wir untersuchen, also in der Regel wohl ein paar tausend Euro gekostet. Hauptsächlich bekommen wir Anfragen aus dem Kunsthandel. In den letzten Jahren beobachten wir eine Zunahme von Kunden aus Osteuropa und den USA. Museen fragen nur selten an, die sind ja nicht wirklich interessiert, Fälschungen in ihrem Bestand aufzudecken.

Als Fälscher oder auch Hehler von Objekten unbekannter Herkunft wende ich mich also am besten an die Museen?

Pernicka: An Museen und große Privatsammlungen. Die Gefahr besteht immer, wenn Objekte nicht vom Kunsthandel, sondern von Privatpersonen angeboten werden. Meist entscheiden Interessenten ja nach typologischer, also kunsthistorischer Sicht über den Kauf. Oft ist auch der Preis ausschlaggebend. Objekte aus Privathand sind schließlich meist günstiger als aus dem seriösen Kunsthandel.

Ist das in den Museen ein echtes Problem?

Pernicka: In Europa gibt es so viele originäre Stücke, dass sich Fälschungen nach meiner Einschätzung höchstens unter den angekauften Stücken befinden. Hier und in den USA, Japan und auch China gibt es viele private Sammlungen und Museen, die nur aus solchen Quellen schöpfen. Es ist also eine große Nachfrage entstanden, die durch archäologische Funde gar nicht gedeckt werden kann ...

... sondern durch Fälscher befriedigt wird.

Pernicka: Ja. Und durch Raubgräber. Denn der florierende Handel mit archäologischen Objekten macht den Gang mit der Metallsonde über die Felder ja erst interessant. Der Handel mit Objekten, die eine nachvollziehbare Geschichte haben – die etwa lange in Familienbesitz waren –, hat hingegen nichts Anrüchiges. Sicher gibt es Kunsthändler, die Fundgut unbekannter Herkunft oder auch Fälschungen ankaufen. Das tun Museen aber mitunter auch mit der Begründung, dass diese Funde sonst in das Ausland verkauft werden.

Wie oft müssen Sie denn Ihren Kunden die schlechte Nachricht überbringen, sie seien auf eine Fälschung hereingefallen?

Pernicka: Wer ein Objekt durch uns auf seine Echtheit überprüfen lassen will, hat ja meist schon einen Verdacht. Und den müssen wir tatsächlich fast immer bestätigen.
06.08.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 06.08.2005

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