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Astronomiegeschichte: Der gefälschte Sternenbote

Das Buch "Sidereus Nuncius" von Galileo Galilei revolutionierte vor 400 Jahren unser Weltbild. Ein 2005 aufgetauchtes, bis dahin unbekanntes Exemplar schien die Korrekturfassung zu sein, in der Galilei eigenhändig seine Mondansichten einzeichnete. Doch seit Kurzem steht fest: Es ist eine mit beträchtlichem Aufwand erstellte Fälschung.
Kasten 3: Spuren einer FälschungLaden...

In der Januarausgabe 2012 von "Sterne und Weltraum" erschien der Artikel "Die Geschichte von Galileos O – Ein Forschungsbericht zum Sidereus Nuncius", verfasst von Horst Bredekamp. Der Berliner Kunsthistoriker präsentierte darin die Ergebnisse seiner Forschungen an einem erst 2005 aufgetauchten, zuvor unbekannten Exemplar einer Schrift von Galileo Galilei, in der dieser die Befunde seiner teleskopischen Beobachtungen zusammenfasste. Der "Sidereus Nuncius" (der "Sternenbote") hatte im Jahr 1610 mit Wucht eine Entwicklung losgetreten, die dem geozentrischen Weltbild der Antike den Todesstoß versetzte und dem heliozentrischen Weltbild des Kopernikus zum Durchbruch verhalf. Aus Aufzeichnungen ist bekannt, dass 550 Exem­plare des "Sidereus Nuncius" gedruckt wurden. Von ihnen haben einige Dutzend die Zeiten überdauert und liegen – mit hohen Summen versichert – in verschiedenen Bibliotheken der Welt oder bei Privatsammlern (siehe Kasten 1).

Kasten 1: Der Laden...
Kasten 1: Der "Sidereus Nuncius" | Am 12. März 1610 erschien in Venedig im Verlagshaus von Tommaso Baglioni ein schmales, nur aus 30 Blatt bestehendes Bändchen, das Geschichte schrieb: Im "Sidereus Nuncius" (deutsch: "Der Sternenbote" oder "Die Botschaft von den Sternen") dokumentierte Galileo Galilei in lateinischer Sprache seine bahnbrechenden Himmelsbeobachtungen, die er mit Hilfe eines von ihm selbst gebauten Fernrohrs von Januar bis März 1610 durchgeführt hatte. Fünf Radierungen – von denen zwei identisch sind – zeigten Ansichten des Mondes mit Kratern, Bergen und Tälern. Weitere Abbildungen, die als Holzschnitte ausgeführt waren, veranschaulichten die wechselnden Positionen der vier hellsten Jupitermonde und enthüllten den Sternenreichtum der Milchstraße, der Plejaden und anderer Himmelsregionen. Von den 550 gedruckten Exemplaren der Erstausgabe sind heute noch einige Dutzend bekannt, die in der gesamten Welt verstreut sind. Durch einen Brief Galileis ist bezeugt, dass 24 Exemplare des "Sidereus Nuncius" keine Radierungen enthielten – die Stellen im Satzspiegel, an denen in einem weiteren Arbeitsgang die Mondansichten gedruckt werden sollten, blieben leer. Unter den noch erhaltenen Exemplaren des "Sidereus Nuncius" wurden acht nachgewiesen, in denen diese Abbildungen fehlen. Zeitweilig wurde der SNML als neuntes Exemplar gezählt – bis sich herausstellte, dass er eine Fälschung ist.

Das New Yorker Antiquariat Martayan Lan, das auf seltene Bücher und Landkarten spezialisiert ist, hatte 2005 das neu aufgetauchte Exemplar des "Sidereus Nuncius" angekauft. Dieser "Sidereus Nuncius Martayan Lan" wurde in Fachkreisen unter dem Kürzel SNML bekannt (siehe Kasten 2). Angeblich stammte er aus Südamerika, wo er im 19. Jahrhundert hingelangte. Stempel ließen vermuten, dass er sich einst im Besitz von Federico Cesi befand, der die Accademia dei Lincei in Rom gründete – diejenige Akademie, die Galilei im April 1611 als sechstes Mitglied aufnahm. Auf dem Titelblatt befindet sich die Unterschrift Galileis. Was den SNML aber einzigartig gegenüber allen anderen Exemplaren macht ist, dass die fünf darin enthaltenen Abbildungen des Mondes nicht als Radierungen, sondern als Tuschzeichnungen ausgeführt sind.

Kasten 3: Spuren einer FälschungLaden...
Kasten 3: Spuren einer Fälschung |

Wie subtil die Anzeichen für eine Fälschung des SNML sind, lässt sich anhand des Titelblatts zeigen. Hier sind Ausschnitte aus einem Original, das sich in der Warnock Library in Kalifornien befindet (rechts), und aus dem SNML (ganz rechts) gegenübergestellt. Das Original ist online zugänglich unter www.rarebookroom.org/Control/galsid/index.html.

Detail 1: Während in allen bekannten Exemplaren des Sidereus Nuncius in der 15. Zeile der Titelseite das Wort "periodis" steht, ist im SNML an dieser Stelle "pepiodis" zu lesen.

Detail 2: Unterhalb des Druckersiegels ist das "V" im Wort "VENETIIS" im SNML nach links gekippt.

Detail 3: Im Wort "Priuilegio" in der letzten Zeile ist das "P" im SNML mit einem nach links weisenden dunklen Fleck verziert.

Detail 4: Auch das "&"-Zeichen unmittelbar vor dem verunstalteten "P" weist im SNML eine Abweichung zum Original auf.

Genauere Untersuchungen zeigten, dass das gekippte "V" als gelegentliche Variante auch in anderen echten Exemplaren des Sidereus Nuncius vorkommt. Die Veränderung des "&"-Zeichens ist möglicherweise auf einen ungleichmäßigen Auftrag der Druckertinte zurückzuführen. Letztlich lieferte der dunkle Fleck am unteren Rand des "P" im Wort "Priuilegio " (Detail 3) den ersten entscheidenden Hinweis auf die Fälschung des SNML. Dieser Fleck ist in einem 1964 in Pisa erschienenen Faksimile des "Sidereus Nuncius" enthalten, das auf fotografischem Wege hergestellt wurde. Dieses Faksimile nutzte der Fälscher für die Produktion des SNML (und mindestens eines weiteren Exemplars, das kurzzeitig im Jahr 2005 auf einer Auktion auftauchte, seitdem aber wieder verschwunden ist).

Im Juli 2005 lud Richard Lan, der Mitinhaber des New Yorker Antiquariats, Bredekamp ein, das Exemplar zu begutachten. Wie sich Bredekamp im SuW-Artikel erinnerte, ließ ihn der "Anblick dieses Buchs … kaum weniger perplex zurück, als Galilei es bei seinem ersten teleskopischen Blick auf den Mond gewesen sein dürfte". Da seit gut hundert Jahren keine vergleichbaren authentischen Zeugnisse Galileis aufgetaucht waren, blieb Bredekamp "zugleich elektrisiert und skeptisch". Auf den ersten Blick vermochte er nicht zu entscheiden, ob es sich um ein echtes Dokument, eine zeitgenössische oder spätere Kopie oder gar eine Fälschung handelte.

Die Eigentümer des SNML stimmten zu, das Buch für eine Woche dem Berliner Kupferstichkabinett für genaue Untersuchungen zu überlassen. Dort versammelte sich im Februar 2006 ein Team aus verschiedenen Spezialisten: Kunsthistoriker, Papierexperten, Materialkundler und Bildanalytiker. Die Zeichnungen wurden mit den Radierungen aus den anderen "Sidereus-Nuncius"-Exemplaren und mit weiteren Mondzeichnungen von Galilei verglichen. Mit zerstörungsfreien Methoden wie der Röntgenfluoreszenzanalyse und der Infrarotreflektografie rückten sie dem Papier zu Leibe. Wohl noch nie zuvor war ein historisches Buch mit solcher Sorgfalt untersucht und auf Indizien für Fälschungen geprüft worden. Am Ende der umfangreichen Analysen stand für die Forscher fest: Das Buch enthalte kein Material, das nach dem 17. Jahrhundert benutzt worden sei.

Vergleich Fälschung mit OriginalLaden...
Vergleich Fälschung mit Original | In authentischen Exemplaren des "Sidereus Nuncius" sind die in Holzschnitt hergestellten Sternsymbole häufig von Tintenrändern umgeben, im SNML wurden diese – zu sauber – wegretuschiert (oben). Umgekehrt vergaß der Fälscher, in seinen Druckplatten Stellen zu retuschieren, die sich nicht im Papier hätten eindrücken dürfen – wie am oberen Rand des Blattes 4 zu sehen (rechts; Vorderseite oben, Rückseite unten).

Seine kunsthistorische Deutung des SNML veröffentlichte Bredekamp 2007 in einem Kapitel seines Buchs "Galileo der Künstler". Er meinte, die Tuschzeichnungen seien die Vorlagen für den Kupferstecher gewesen, der die Druckplatten für die Mondabbildungen fertigte. Demzufolge sei zu vermuten, dass Galilei die Zeichnungen mit eigener Hand angefertigt habe. Um die materialkundlichen Untersuchungen zu vertiefen, liehen die Besitzer den SNML im April 2008 erneut an das Kupferstichkabinett aus. Zugleich wurden zwei weitere Exemplare des "Sidereus Nuncius" nach Berlin geholt: eines aus der Universität Graz und eines von einem Privatsammler in Paris (Letzteres wurde zwischenzeitlich an die Library of Congress in Washington verkauft). Alle drei wurden hinsichtlich des Papiers, der Wasserzeichen und der Druckmaterie ihrer Buchstaben und Abbildungen untersucht.

Die Berliner Gruppe zog Paul Needham hinzu, einen Spezialisten für frühmoderne Buchkunst an der Rare Books Library in Princeton, USA. Needham hatte in einem langjährigen Projekt mehr als 80 weltweit noch überlieferte Exemplare des "Sidereus Nuncius" untersucht. Im Wesentlichen lassen sich die damaligen Ergebnisse der Forschungsgruppe so zusammenfassen:

  • Der SNML befindet sich in einer Bindung aus dem 17. Jahrhundert, aus der er nie entfernt wurde.
  • Er besteht aus Druckfahnenpapier.
  • Sein Text ist die noch mit zahlreichen Druckfehlern durchsetzte Fassung der ersten Korrekturfahne.
  • Die Signatur Galileis und der Stempel der Accademia dei Lincei auf der Titelseite weisen darauf hin, dass Galilei dieses Exemplar bei seiner Aufnahme in die Akademie dieser übereignet hat.
  • Alle verwendeten Materialien – wie Papier, Druckerschwärze und Tusche – waren in dieser Form zu Beginn des 17. Jahrhunderts gebräuchlich.
  • Spuren wiesen darauf hin, dass die Zeichnungen auf Kupferplatten übertragen wurden, mit denen schließlich in einem zweiten Druckprozess die Radierungen in den anderen Exemplaren gedruckt wurden.
  • Der Stil der Mondzeichnungen ist der gleiche, den Galilei für seine späteren Zeichnungen des Mondes nutzte.

Ihre ausführlichen Forschungsergebnisse veröffentlichte die Gruppe 2011 in dem zweibändigen Werk "Galileo’s O". Diese Bezeichnung spielt auf den Umstand an, dass auf dem Titelblatt des "Sidereus Nuncius" der Name des Autors als GALILEO GALILEO geschrieben wurde und die für den Großbuchstaben "O" benutzte Letter – um 90 Grad gedreht – an anderen Stellen des Buchs auch als Symbol für den Planeten Jupiter Verwendung fand.

Ein mysteriöser Fleck entlarvt die Fälschung

Die in "Galileo’s O" vorgelegte Interpretation des SNML sollte nur wenige Monate Bestand haben. Als auslösendes Element für eine Neubewertung erwiesen sich Ereignisse im italienischen Neapel. Dort hatte im Dezember 2011 Marino Massimo De Caro den Posten des Direktors der Biblioteca Girolamini übernommen. Diese Personalie entpuppte sich alsbald als Politikum, denn de Caro war ein weitgehend unbeschriebenes Blatt und unerfahren in solchen Ämtern. Die Gründe, warum ausgerechnet er als Direktor der staatlichen Bibliothek eingesetzt wurde, verbergen sich im Filz der italienischen Politik.

Als im März 2012 der Kunsthistoriker Tomaso Montanari die altehrwürdige Biblioteca Girolamini aufsuchte, fand er sie in völliger Unordnung vor. Hunderte von Büchern lagen auf den Fluren herum, und der Schäferhund des Direktors streunte ungehindert durch die Räume. Montanari kamen Gerüchte zu Ohr, denen zufolge des Nachts zahlreiche Bücher aus der Bibliothek entwendet worden waren. Er informierte die Presse, woraufhin Hunderte italienischer Wissenschaftler und Intellektuelle eine Untersuchung der merkwürdigen Vorfälle forderten. Zwischenzeitlich hatte ein Münchner Auktionshaus für den 9. Mai 2012 die Versteigerung zahlreicher wertvoller Bücher angekündigt, die offenbar italienischer Herkunft waren. Unter den mehreren tausend Losen befanden sich Erstausgaben von Kopernikus, Kepler und Galilei.

Unter dem Auktionslos 530 verzeichnete der Online-Katalog ein Exemplar des "Sidereus Nuncius" für ein Startgebot von 200 000 Euro. Zwei Dinge weckten das Interesse von Paul Needham: Zum einen schien es sich um ein Exemplar zu handeln, das er noch nicht in seiner Liste der erhaltenen Erstausgaben erfasst hatte. Zum anderen legten die Abbildungen im Katalog nahe, dass es auf Feinpapier gedruckt worden war. Hatte nicht Galilei einige Exem­plare des "Sidereus Nuncius" auf Feinpapier drucken lassen, um seine Befunde weltlichen und kirchlichen Würdenträgern vorzustellen?

Kurz vor der geplanten Versteigerung zog das Auktionshaus mehrere hundert Lose zurück, darunter auch den angebotenen "Sidereus Nuncius". Der Verdacht war aufgekommen, dass die Raritäten zu den aus der Biblioteca Girolamini entwendeten Büchern gehörten. Die von der italienischen Staatsanwaltschaft aufgenommenen Ermittlungen führten zur Verhaftung de Caros, der schließlich im März 2013 zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde. An dem Tag, an dem die Auktion in München hätte stattfinden sollen, nahm der britische Kunsthistoriker Nick Wilding, der an der Georgia State University tätig ist, per E-Mail Kontakt zu Paul Needham auf. Ausgelöst durch die Ereignisse in Neapel hatte er nachgeforscht: De Caro war offenbar der Mann, von dem Richard Lan 2005 den SNML erworben hatte. Und bei seinen Recherchen waren Wilding einige Details im Erscheinungsbild des SNML aufgefallen, die er für Anzeichen einer Fälschung hielt.

Mehrere Tage lang tauschten Wilding und Needham Argumente aus – der eine an der Echtheit des SNML zweifelnd, der andere die Echtheit verteidigend. Hellhörig wurde Needham, als Wilding von einem weiteren besonderen Exemplar des "Sidereus Nuncius" berichtete, das im November 2005 – aus dem Umfeld de Caros auftauchend – auf einer Auktion in New York angeboten, aber nicht verkauft worden war. Needham hatte auch dieses Exemplar nicht auf seiner in langen Jahren zusammengestellten Liste, doch Wilding konnte ihm ein Foto der Titelseite jenes "neuen" Bandes zusenden.

Wilding wies dabei auf winzige Details in den beiden letzten Zeilen dieser Seite hin, die ihm auch beim SNML aufgefallen waren, aber bei anderen Exemplaren des "Sidereus Nuncius" offenbar nicht vorkamen. Besonders ein dunkler Fleck, der sich an der Unterseite des Anfangsbuchstabens "P" im letzten Wort "Priuilegio" befand, hatte seine Aufmerksamkeit erregt (siehe Kasten 3: "Spuren einer Fälschung"). Und beide im Jahr 2005 aufgetauchten Exemplare teilten eine weitere Gemeinsamkeit: Statt des Wortes "periodis" in der 15. Zeile des Titelblatts stand "pepiodis". Diese Eigenheit hatte Needham bisher übersehen.

Nun war klar: Beide Exemplare des "Sidereus Nuncius", die im Jahr 2005 – und aus derselben Quelle stammend – auf dem US-amerikanischen Buchmarkt auftauchten, wiesen dieselben Merkwürdigkeiten auf. Drei davon (die im Kasten "Spuren einer Fälschung" genannten Details 2 bis 4) waren in einem Faksimile nachzuweisen, das 1964 – anlässlich Galileis 400. Geburtstag – auf fotografischem Wege in Pisa hergestellt und in einer Auflage von 1000 Exemplaren vertrieben wurde.

Dieses Faksimile war Needham bekannt. Als Vorlage dafür hatte angeblich ein Exemplar des "Sidereus Nuncius" fungiert, das sich in der Nationalbibliothek in Florenz befand. Needham hatte aber anhand von typografischen Eigenheiten nachgewiesen, dass nicht das Florentiner Exemplar als Vorlage gedient hatte, sondern eines, das dem Osservatorio Astronomico di Brera in Mailand gehört. Da Needham eine Fotokopie des Mailänder Exemplars besaß, konnte er Wildings Verdacht unmittelbar nachprüfen und bestätigen. An der Stelle, an der das "P" auf der Titelseite des SNML durch einen dunklen Fleck verunstaltet ist, befindet sich im Mailänder Exemplar eine hellere Struktur gleicher Größe. Derjenige, der vor einem halben Jahrhundert die Aufnahmen für das Faksimile erstellte, hatte diese Struktur nicht retuschiert, so dass sie sich im Nachdruck dunkel abzeichnete.

Ein neues Forschungsprojekt

Die Argumente, die Wilding vorgebracht hatte, überzeugten Needham: Der SNML war offenbar gefälscht! Dabei war doch gerade jenes Exemplar des "Sidereus Nuncius" von führenden Experten der Welt intensiv begutachtet und analysiert worden!

Eines der stärksten Argumente für die Authentizität hatte das Druckbild geliefert: Alle Buchstaben waren tief in das Papier eingedrückt, wie es bei historischen Drucken üblich ist, die nach Gutenbergs Methode mit beweglichen Lettern hergestellt wurden. Fotografisch hergestellte Faksimiles hingegen weisen ein flaches Druckbild auf. Hatte der Fälscher etwa mit großem Aufwand Druckplatten hergestellt, die das historische Druckverfahren simulierten? Und wie waren der Stempel der Accademia dei Lincei und die Signatur Galileis zu erklären? Und vor allem die gezeichneten Mondabbildungen?

Gerade diese getuschten Zeichnungen waren für Bredekamps Forschungen eine wichtige Grundlage gewesen. Galt das alles nun nicht mehr? Und warum waren zuvor trotz intensiver Analysen die Argumente für die Echtheit des Buches stärker als diejenigen für eine Fälschung? Was hatte die Berliner Forschungsgruppe übersehen?

Nachdem die Mitglieder des Berliner Teams ihren ersten Schock überwunden hatten, beschlossen sie, den SNML erneut und noch intensiver als zuvor zu analysieren. Schnell war klar, dass man für vergleichende Studien auch andere Werke hinzuziehen müsse, und zwar sowohl authentische als auch gefälschte. Offenbar bargen bisherige Vergleiche, die sich oftmals auf Fotografien oder auf zeitlich nacheinander erfolgende Begutachtungen an verschiedenen Orten stützten, erhebliche Fehlerquellen.

Nach entsprechenden Vorbereitungen traf sich die Forschungsgruppe im Oktober 2012 erneut im Berliner Kupferstichkabinett. Dessen Direktor hatte dem Team das Labor für eine Woche überlassen; auch Analysegeräte der Bundesanstalt für Materialforschung kamen zum Einsatz. Aus New York war der SNML nun zum dritten Mal nach Berlin gebracht worden. Zusätzlich hatten die Forscher zur Verfügung: einen authentischen "Sidereus Nuncius" von der Universität Graz, ein anderes authentisches Werk von Galilei aus der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, nämlich eines von nur 60 gedruckten Exemplaren des "Compasso", sowie zwei nachweislich gefälschte Blätter eines Buches von 1650 aus Lima. Ein bekanntermaßen gefälschter "Compasso" aus Padua sollte hinzukommen, doch durfte dieser als Beweisstück im Verfahren gegen de Caro nicht aus Italien ausgeführt werden. Needham hatte jedoch die Möglichkeit, unmittelbar nach Untersuchung des echten Darmstädter Exemplars die gefälschte Variante in Padua zu begutachten.

Bereits vor Beginn des neuen Projekts waren die Mitglieder des Teams übereingekommen, alle Befunde und Meinungen zu veröffentlichen und dabei auch abweichende und konträre Stellungnahmen zuzulassen. Angesichts der Perfektion, mit welcher der oder die Fälscher ans Werk gegangen waren, stand das Team vor großen Herausforderungen. Schnell zeigte sich, dass eine Woche Analysen in Berlin nicht reichten – die erforderlichen Arbeiten zogen sich schließlich über mehr als ein Jahr hin. Anstatt mehrere Einzelveröffentlichungen zu erwägen, kamen die Teammitglieder überein, einen gemeinsamen Abschlussbericht zu verfassen. Erschienen ist er nun Mitte Februar 2014 als Band 3 der Reihe "Galileo’s O".

Weitere Fälschungsindizien

Der Abschlussbericht ähnelt in weiten Teilen einer kriminalistischen Studie. Von den darin zusammengetragenen Indizien für eine Fälschung sollen hier nur zwei weitere erwähnt werden.

Zum besseren Verständnis muss man sich zunächst die historische Drucktechnik vor Augen führen. Im klassischen Hochdruckverfahren mit beweglichen Lettern sind die druckenden Teile erhaben, die nicht druckenden Teile liegen vertieft. Beim Auftragen der Druckfarbe nehmen nur die hochstehenden Flächen Farbe an. Durch Pressen des Druckträgers auf den Papierbogen wird die Farbe auf das Papier abgegeben, wobei sich die Lettern auch tief in das Papier eindrücken. (Gerade dieses Reliefbild im Papier des SNML wurde ja anfangs als Indiz für die Echtheit des Buches gedeutet.)

Bevorzugt an den Rändern der Satzform kann es beim Auftragen der Farbe passieren, dass Farbe auch an die vertieften Teile des Druckträgers gelangt. Diese Farbe kann dann beim Pressen ebenfalls auf das Papier übertragen werden, das Papier wird jedoch an diesen Stellen nicht eingedrückt.

Eine solche Stelle ist im SNML am oberen Rand der Seite 4r zu erkennen. Das Merkwürdige jedoch: An dieser Stelle ist das Papier genauso eingedrückt worden wie durch die zu druckenden Buchstaben. Es muss sich also um eine erhabene Struktur im Druckträger gehandelt haben. Der Fälscher hatte beim Herstellen der Druckplatten offenbar vergessen, diese Struktur zu retuschieren.

Auf ähnliche Weise liefern die im "Sidereus Nuncius" vorhandenen Sternsymbole Hinweise auf eine Fälschung des SNML. Die Sterne wurden als Holzschnitt erstellt, das heißt, die Sternstruktur wurde aus einem kleinen Holzblock geschnitzt. Auch hier konnte es beim Druck passieren, dass der Rand des Blocks Farbe aufnahm und sanft auf das Papier übertrug. In den authentischen Exemplaren des "Sidereus Nuncius" ist das häufig zu bemerken. Hier ging der Fälscher aber genau andersherum vor: Indem er diese Strukturen in den Druckplatten komplett retuschierte, lieferte er einen weiteren Hinweis auf sein Falsifikat.

So fügte sich ein Indiz zum andern. Den endgültigen Beweis für eine Fälschung lieferten aber Faserproben: Das Papier des SNML enthält Fasern aus Baumwoll-Linter, die herstellungstechnisch nicht vor dem 19. Jahrhundert zu Papier verarbeitet werden konnten.



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  • Quellen

Bredekamp, H.: Galilei der Künstler. Der Mond. Die Sonne. Die Hand. Zweite, korrigierte Auflage. Akademie Verlag, Berlin 2009

Bredekamp, H. (Hg.): Galileo’s O. Vol. I: Brückle, I., Hahn, O. (Hg.); Galileo’s Sidereus Nuncius. A comparison of the proof copy (New York) with other paradigmatic copies; Vol. II: Needham, P.: Galileo Makes a Book. The first edition of Sidereus Nuncius, Venice 1610. Akademie Verlag, Berlin 2011. Vol. III: Bredekamp, H., Brückle, I., Needham, P. (Hg.): A Galileo Forgery. Unmasking the New York Sidereus Nuncius. Akademie Verlag, Berlin 2014

Bredekamp, H.: Die Geschichte von Galileos O. In: Sterne und Weltraum 1/2012, S. 42 – 51

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