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Sportgeschichte: Die Fußballklubs, die um Hitlers Gunst buhlten

Die Vereine der Fußballbundesliga waren einst willige Handlanger der NS-Ideologie. Lange haben die Klubs ihre Vergangenheit ignoriert. Das hat sich inzwischen geändert.
Die deutsche Nationalmannschaft zeigt 1935 den Hitlergruß.

Im Archiv des Leo Baeck Institute in New York liegt ein Brief, den der 1. FC Nürnberg an sein Mitglied Franz Anton Salomon richtete. Am 28. April 1933. Darin heißt es lakonisch:

»Wertes Mitglied, wir beehren uns, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass der Verwaltungs-Ausschuss (…) folgenden Beschluss gefasst hat: Der erste Fußball-Club Nürnberg streicht die ihm angehörenden jüdischen Mitglieder mit Wirkung vom 1. Mai 1933 aus seiner Mitgliederliste. Jüdische Mitglieder, die an der Front gekämpft haben oder die einen Sohn oder Vater im Weltkrieg verloren haben, können auch weiterhin Angehörige des Vereins bleiben. Wir geben Ihnen hiermit davon Kenntnis und teilen Ihnen mit, dass wir Sie (…) aus unserer Mitgliederliste gestrichen haben.«

Lange galt Salomon als der Einzige, dem der 1. FC Nürnberg während des Nationalsozialismus die Mitgliedschaft kündigte, weil er Jude war. Bislang. Denn inzwischen ist die verschollen geglaubte Mitgliederkartei der Jahre 1928 bis 1955 aufgetaucht. Sie war wohl die ganze Zeit über dort, wo sie hingehörte – auf dem Vereinsgelände am Valznerweiher in Nürnberg. In einem ungenutzten Kellerraum hatte der Hausmeister 15 graue Pappkartons entdeckt, gefüllt mit gewaltigen Mengen Papier. Es waren etwa 12 000 Karteikarten von Mitgliedern des 1. FC Nürnberg.

Eine 25 Jahre lange Suche geht zu Ende

»Mit Ausnahme von Hertha BSC verfügt meines Wissens kein anderer Klub über eine so vollständige Mitgliederkartei aus dem Zeitraum des Nationalsozialismus«, erzählt Bernd Siegler, Klubhistoriker des 1. FCN. »Der Fund ist eine Sensation. Seit 25 Jahren suchen wir nach den Namen der jüdischen Mitglieder, die in den 1930ern aus dem Klub geworfen wurden.« Siegler begann 1996, die Geschichte des Vereins aufzuarbeiten, die er seither in Büchern, Filmen und Ausstellungen veröffentlicht hat. Als die lange gesuchte Kartei wieder da war, berichtete eine Kollegin, habe Siegler Tränen in den Augen gehabt. »Mit der Mitgliederkartei können wir nicht nur die Namen der ausgeschlossenen jüdischen Mitglieder herausfinden, sondern diesen auch ein Gesicht und eine Geschichte geben.«

Franz Anton Salomon | Am 1. Mai 1933 warf der 1. FC Nürnberg Salomon aus dem Verein – weil er Jude war. Er war einer von Dutzenden, denen aus demselben Grund die Mitgliedschaft gekündigt wurde. Erst in den 2000er Jahren begannen deutsche Fußballvereine aufzuarbeiten, dass sie der NS-Ideologie willig Folge leisteten.

Diese Geschichten rekonstruiert Siegler derzeit in aufwändiger Recherchearbeit. Die bislang ans Licht gebrachten Biografien handeln von Flucht, Vertreibung und Internierung, von Überleben und Tod. Nach langen Odysseen schließen sie oft am anderen Ende der Welt ab – oder in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Auschwitz, Riga-Jungfernhof, Majdanek, Theresienstadt, Stutthof und dem Getto Izbica. Dabei ist es nur ein kleines Detail auf der Mitgliederkarte, das Siegler verrät, ob er gerade ein wichtiges historisches Zeugnis oder ein eher irrelevantes Dokument in den Händen hielt: Die Zeile »Austritt« ist auf der Karteikarte abgestempelt, mit dem Datum 30. April 1933. Hin und wieder finden sich auch Anmerkungen auf den Zetteln wie »Nicht-Arier«, »Soll Jude sein« oder »Jude«. In vielen Nachtschichten arbeitete sich Siegler durch den Papierberg, auf der Jagd nach dem verdächtigen Austrittsdatum. Es ist auf 147 Mitgliederkarten vermerkt, 142 davon gehörten nachweislich zu Mitgliedern jüdischen Glaubens aus den Abteilungen Tennis, Leichtathletik, Schwimmen und Fußball.

Keine drei Monate war Hitler an der Macht, zeigten sich die Fußballklubs gehorsam

Die Zeit des Nationalsozialismus ist wohl das unrühmlichste Kapitel des deutschen Fußballs. In vorauseilendem Gehorsam setzten Funktionäre und Verbandsspitzen die Rassenpolitik der neuen Machthaber um. Das war auch in Nürnberg, das von Hitler zur Stadt der Reichsparteitage gekürt wurde, nicht anders: »Der 1. FC Nürnberg war einer der ersten und konsequentesten Klubs beim Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder. Wie die meisten Vereine in Deutschland hat auch er um die Gunst der neuen Machthaber gebuhlt«, sagt Siegler. Bereits am 9. April 1933, keine drei Monate nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, veröffentlichten 14 Klubs aus Süddeutschland eine gemeinsame Erklärung: Sie würden sich der nationalen Regierung »freudig und entschieden« zur Verfügung stellen und »insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen« die »nötigen Folgerungen« ziehen. Soll heißen: sie rauswerfen.

Die Unterzeichner der so genannten »Stuttgarter Erklärung« bildeten damals die Prominenz des süddeutschen Fußballs: FSV Frankfurt, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, Stuttgarter Kickers, Karlsruher FV, Phönix Karlsruhe, Union Böckingen, SpVgg Fürth, SV Waldhof, Phönix Ludwigshafen, FC Bayern München, TSV 1860 München, 1. FC Kaiserslautern und FK Pirmasens. Drei Monate später zieht auch der DFB nach.

Die Anbiederung der Fußballfunktionäre an die Nationalsozialisten

Nur einen Tag nachdem der 1. FC Nürnberg einstimmig den Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder beschließt, gehen am 28. April 1933 die Briefe an die ehemaligen Vereinskameraden raus. Die Stempel mit dem Austrittsdatum, die Bernd Siegler 89 Jahre später stutzig machen werden, dokumentieren die Anbiederung der Fußballfunktionäre an die Nationalsozialisten.

Einer dieser Briefe landete bei Franz Anton Salomon, der ihn auf seiner Flucht quer durch Europa über Trinidad bis nach New York bei sich behalten hatte. »All diese Jahre hatte Franz Anton Salomon dieses Schreiben aufbewahrt. Das ist bemerkenswert. Es zeigt, welchen Stellenwert seine Mitgliedschaft beim 1. FC Nürnberg für ihn hatte und wie traumatisch der Ausschluss für ihn war«, davon ist Siegler überzeugt.

Ähnlich erging es Jenő Konrád. Der Ungar jüdischen Glaubens war Trainer beim 1. FCN von 1930 bis 1932. Nachdem das antisemitische Hetzblatt »Der Stürmer« nach einer 0:2-Niederlage gegen Bayern München geiferte, der Club ginge »am Juden zu Grunde«, und eine Fahrkarte nach Jerusalem für Konrád forderte, zog dieser Konsequenzen aus den Angriffen und floh aus Nürnberg.

Jenő Konrád | Als der Trainer des 1. FCN 1932 mit seinem Team im Halbfinale der deutschen Meisterschaft gegen den FC Bayern München unterlag, hetzten Antisemiten gegen ihn. Konrád floh daraufhin aus Nürnberg.

Beim 1. FCN sind sie sich heute ihrer historischen Verantwortung bewusst. Der Club bietet seit 2019 Gedenkstättenfahrten in das ehemalige KZ Flossenbürg an; Stadtrundgänge unter dem Motto »Gegen das Vergessen« beleuchten bedeutende Orte der NS-Zeit; und gemeinsam mit dem TSV Maccabi Nürnberg veranstaltet der Club regelmäßig den »Jenö Konrad-Cup«. Es ist ihr wichtigstes Projekt zur Geschichtsvermittlung, bei dem es nicht nur ums Kicken geht. Vor dem eigentlichen Turnier beschäftigen sich die teilnehmenden Schülerinnen und Schülern mit der Biografie von Jenö Konrad, und sie befassen sich mit Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit im Sport.

Jahrzehntelange Verdrängungskultur beim DFB

Dabei wollte man im Fußball sehr lange nichts von Schuld und Tätern wissen. »Wie in anderen Bereichen auch, zeichnete sich das Erinnerungsverhalten im Sport nach 1945 zunächst durch kollektive Verdrängung und Erinnerungsverweigerung aus«, schreibt der Sport- und Sozialwissenschaftler Hans Joachim Teichler in einer Studie über die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im bundesdeutschen Sport. Was die Sache über Jahrzehnte hinweg erschwerte, war die personelle Kontinuität zwischen dem NS-Regime und der jungen Bundesrepublik. Soll heißen: Die alten Verbandsvertreter saßen weiterhin in ihren Ämtern. Ihre Aktivitäten während der NS-Zeit taten sie als »unpolitisch« und »nur dem Sport verpflichtet« ab.

Bis in die 1990er Jahre kann im deutschen Sport eher von einer Verdrängungs- als einer Erinnerungskultur die Rede sein. Wie weit das beim deutschen Fußball gehen konnte, erfuhr der Rhetorikprofessor Walter Jens (1923–2013): In einem Vortrag anlässlich der 75-Jahr-Feier des DFB forderte er den Verband 1975 auf, sich endlich mit seiner eigenen Geschichte kritisch auseinanderzusetzen – und stieß auf eine Mauer des Schweigens. 1999 sagte Jens in einem Buchinterview, er könnte dasselbe Referat unverändert noch einmal halten. So wenig habe sich verändert.

Die Zeit des Nationalsozialismus ist wohl das unrühmlichste Kapitel des deutschen Fußballs

Im Jahr 2000 begann der DFB schließlich, sich ernsthaft mit der Thematik auseinanderzusetzen: Als es anlässlich seiner 100-Jahr-Feier erneut Kritik hagelte, beauftragte der größte Sportverband Deutschlands den Historiker Nils Havemann von der Universität Stuttgart, die Verbandsgeschichte im Nationalsozialismus zu erforschen. 2005 erschien sein Buch dazu mit dem Titel »Fußball unterm Hakenkreuz«, das Historikerinnen und Historiker allerdings auch kritisieren – Havemann würde Sachverhalte verharmlosen. Seit 2005 verleiht der DFB zudem jährlich den Julius-Hirsch-Preis an Menschen, die sich für Freiheit und Toleranz einsetzen. Julius Hirsch war ein deutscher Fußballnationalspieler, der wegen seines jüdischen Glaubens von seinem Verein, dem Karlsruher FV, 1933 ausgeschlossen werden sollte. Hirsch kam dem Rauswurf zuvor und trat »bewegten Herzens« aus. Später wurde er in Auschwitz ermordet.

Die Fußballklubs wollen inzwischen ihre Vergangenheit aufarbeiten

Auch bei den Vereinen sah es lange nicht viel besser aus, bestätigt Siegler. »Die Klubs haben erst Ende der 1990er Jahre damit begonnen, sich mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.« Denn lange Zeit gaben sie an, selbst Opfer der Gleichschaltung gewesen zu sein. »Das hat sich inzwischen geändert, der eigene Täteranteil wurde erkannt«, sagt Siegler.

Das kann auch Luis Engelhardt vom jüdischen Sportverband Makkabi Deutschland bestätigen: »In den meisten Vereinen ist das Thema mittlerweile angekommen. Fast jeder Bundesligaklub unterhält heute ein Fußballmuseum, in dem auch die eigene Rolle während des NS thematisiert wird. Die Klubs tauschen sich untereinander aus und entwickeln gemeinsam pädagogische Konzepte.« Die Plattform dazu bietet das Netzwerk deutschsprachiger Fußballmuseen und Vereinsarchive, in dem Vertreterinnen und Vertreter von 40 Klubs organisiert sind.

Zwar behandeln die mehr als 24 000 Fußballvereine in Deutschland mit ihren unterschiedlichen Mitgliederstrukturen, Größen und Ressourcen das Thema naturgemäß sehr unterschiedlich. Blickt man auf die Liste der veröffentlichten Studien und Gutachten, lassen aber zumindest die großen Klubs die eigene Geschichte während des Nationalsozialismus untersuchen.

»Gemeinsam Erinnern – Gemeinsam gegen Antisemitismus«

Oft gaben Einzelpersonen den Anstoß dazu. Etwa Daniel Lörcher, Abteilungsleiter für »Corporate Responsibility« beim BVB. »Daniel Lörcher hat es geschafft, innerhalb des Vereins einen Wandel herbeizuführen. In Dortmund gab es immer wieder Probleme mit Neonazis und Rechtsextremismus innerhalb der Fananhängerschaft. Das hat sich geändert, rechtsextreme Fußballfans werden dort weniger«, erzählt Engelhardt. Heute organisiert der BVB Fahrten zu Gedenkstätten und der Fanshop bietet Schals an, auf denen der Spruch »Gemeinsam Erinnern – Gemeinsam gegen Antisemitismus« prangt.

Mancherorts werden auch die Fans aktiv: Bei einem Derby 2012 zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem FC Bayern München organisierten die Nürnberger Ultras eine Choreografie zu Ehren des vertriebenen Trainers Jenő Konrád. Und die Ultragruppe »Schickeria« des FC Bayern hielt in München die Erinnerung an den ehemaligen jüdischen Präsidenten Kurt Landauer mit Choreografien wach. Seit 2006 veranstaltet die »Südkurve München« ein Fußballturnier zu Ehren Landauers. Im Jahr 2004 gründeten Fußballfreunde zudem die Initiative »!Nie Wieder«, die sich seither für eine Gedenkkultur engagiert und sich gegen jegliche Art der Diskriminierung in den Stadien einsetzt.

Auch 77 Jahre nach Kriegsende hat der deutsche Fußball ein Problem mit Antisemitismus und Rassismus

Bei all dem geht es nicht allein um Vergangenheitsbewältigung oder Imagepflege. Auch fast 77 Jahre nach Kriegsende hat der deutsche Fußball ein Problem mit Antisemitismus und Rassismus. Laut einer von Makkabi Deutschland in Auftrag gegebenen Studie von 2021 waren 39 Prozent der Befragten Makkabi-Mitglieder bereits selbst einmal von antisemitischen Vorfällen betroffen, in den Fußballabteilungen waren es sogar mehr als zwei Drittel. Befragte berichten von körperlichen Attacken, Hakenkreuzen am Vereinsheim und krassen Beschimpfungen.

Erklärungsansätze dafür, dass Antisemitismus im Fußball verbreiteter zu sein scheint als in anderen Sportarten, gibt es viele. Fußball ist die beliebteste Sportart in Deutschland, zirka sieben Millionen Menschen sind Mitglied in einem Verein. Hier lässt sich also stärker als in anderen Disziplinen ein Querschnitt der Gesellschaft finden. Engelhardt kennt noch eine politische Komponente: »Immer dann, wenn der Nahostkonflikt hochkocht, wird die jüdische Bevölkerung weltweit für den Staat Israel in Haftung genommen« – auch auf deutschen Fußballrasen. »Studien [des Sport- und Geschichtswissenschaftlers] Florian Schubert haben gezeigt, dass ›Du Jude‹ im Fußball die größtmögliche Beleidigung ist«, sagt Engelhardt. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass Fußball identitätsstiftend ist. »Und dabei geht es oft um das Wir-gegen-euch. Darum, das Gegenüber ab- und sich selbst aufzuwerten.«

Makkabi Deutschland hat reagiert und das Präventionsprojekt »Zusammen1« gegründet. In pädagogisch aufbereiteten Trainingseinheiten werden Mannschaften auf dem Rasen aufgeklärt, Projektleiter Engelhardt und seine Kolleginnen und Kollegen bieten Klubs darüber hinaus Schulungen und Beratungen zum Thema Antisemitismus an. Die Nachfrage für das im Frühjahr 2021 gegründete Projekt sei schon jetzt hoch. Engelhardt findet, es reiche nicht aus, sich nur zu positionieren. Die Klubs sollten aktiv ihre Rolle nutzen – etwa wie beim 1. FCN: »Der Jenö Konrad-Cup ist ein ideales Beispiel dafür, wie Klubs die Strahlkraft des Fußballs nutzen können, um sich gegen Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit einzusetzen.« Die Arbeit an der wiederaufgetauchten Mitgliederkartei des 1. FCN verfolgten sie auch bei Makkabi.

In Nürnberg ist zu dem Thema derweil einiges geplant: Die Geschichte der jüdischen Mitglieder soll in einer Ausstellung und einem Buch veröffentlicht werden. Außerdem will der Club ein Projekt zur Biografieforschung aufstellen, an dem sich Fans beteiligen können.

Der 1993 verstorbene Franz Anton Salomon, den sein Rauswurf zeitlebens schmerzte, wird etwas späte Gerechtigkeit erfahren. Thomas Grethlein, Aufsichtsratsvorsitzender des 1. FC Nürnberg, verkündete bei der letzten Mitgliederversammlung, dass der 1. FCN den Ausschluss der jüdischen Mitglieder rückgängig gemacht hat.

Anm. der Redaktion: Im Text hieß es, Julius Hirsch sei vom Karlsruher FV ausgeschlossen worden. Er war aber, nachdem er von der »Stuttgarter Erklärung« erfahren hatte, dem Ausschluss zuvorgekommen und ausgetreten. Wir haben dies entsprechend geändert.

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