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Tierplagen: Die Schlangengrube

Die Everglades in Florida stehen womöglich vor ihrer größten Krise: Ausgesetzte Riesenschlangen übernehmen den Sumpf - und kriechen auch schon vor den Toren Miamis. Die ersten drastischen Folgen für die Natur werden jetzt sichtbar.
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Der Kampf der Titanen endete für beide Seiten tödlich: Nachdem der vier Meter lange Tigerpython den Alligator erdrosselt hatte und zu verschlingen begann, zerriss es ihm durch die überdimensionierte Beute den Leib. Für die Ranger, die beide Reptilien kurze Zeit später entdeckten, war der Anblick ebenso bizarr wie erschreckend – ein Hinweis, dass die unangefochtene Stellung des amerikanischen Mississippi-Alligators an der Spitze der Nahrungskette in den Everglades nicht mehr länger gilt: Ein Neuankömmling macht ihm diese Stellung streitig. Und er verändert die Mutter aller Sümpfe im Süden Floridas womöglich umfassender, als es Umweltverschmutzung oder Wasserbau je konnten.

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Wer frisst wen? | Noch ist unklar, wer aus diesem Duell als Sieger hervorgeht: Der Alligator kaut zwar auf der Schlange herum, wird aber von dieser in den Würgegriff genommen.

"Zehntausende asiatische Tigerpythons und andere Würgeschlangen leben mittlerweile in den Everglades", schätzt Michael Dorcas vom Davidson College, der die Schlangen seit Längerem erforscht. Und sie breiten sich rasend schnell aus: Selbst in den Vororten von Miami tauchen einzelne Exemplare der Riesenschlangen auf und versetzen Bevölkerung wie Naturschützer in Aufruhr. Denn bislang konzentrierten sich Anstrengungen zum Schutz des empfindlichen Ökosystems darauf, Wassermangel und Überdüngung als größte Risiken für den Nationalpark einzudämmen – beide sind eng mit der intensiven Landwirtschaft verknüpft, die in den umliegenden Regionen der Halbinsel betrieben wird.

Während sich die Verantwortlichen auf technische Lösungsstrategien für diese Probleme konzentrierten, breiteten sich die Schlangen unter ihrem Radarschirm erst heimlich und dann immer offensiver aus. "Gerüchte über Pythons machten schon vor Jahrzehnten die Runde, und in den 1980er Jahren tauchten die ersten gesicherten Nachweise auf. Doch erst seit der Jahrtausendwende vergrößert sich ihre Zahl beträchtlich", erzählt Dorcas. Immer häufiger finden er und seine Kollegen trächtige Weibchen oder Gelege der Pythons; rund 2000 Exemplare wurden in den letzten Jahren im Park gefangen und entfernt – darunter mehrfach Exemplare, die mindestens fünf Meter Länge erreichten.

Rasch wachsende Plage – körperlich und zahlenmäßig

Viele von ihnen gehen auf Tiere zurück, die von Reptilienhaltern in die Freiheit entlassen wurden, weil sie diesen irgendwann über den Kopf wuchsen: Ein ursprünglich 50 Zentimeter langer Python kostet im Handel nur zwischen 20 und 80 Dollar, er nimmt allerdings rasch an Größe und Gewicht zu – um bis zu zwei Meter innerhalb eines Jahres bei guter Ernährung und Pflege. Viele dieser Reptilien landeten dann in der Natur. Eine markante Blutauffrischung erhielt die Startpopulation außerdem durch Hurrikan "Andrew", der 1992 über Südflorida zog – und dabei auch einen Tiergroßmarkt zertrümmerte, aus dem zahlreiche Babypythons entkommen sein sollen.

Es dauerte allerdings geraume Zeit, bis sie entdeckt wurden. "Ihre Färbung tarnt sie perfekt, und sie leben bis zu einer gewissen Größe heimlich in der dichten Vegetation des Sumpfs.

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Schlangennest | Mittlerweile vermehren sich die Tigerpythons auch in Freiheit, weshalb ihre Population in den Everglades zügig wächst.
Außerdem behindern die regelmäßigen Überflutungen in der Region den Zugang für Beobachter", erklärt John Willson von der Virginia Tech University. Dabei gehören die Tigerpythons und verwandte Arten zu den weltweit gefährlichsten invasiven Arten mit einem hohen Plagepotenzial: "Sie werden sehr schnell sehr groß. Sie sind Generalisten, die in einer Vielzahl von Lebensräumen existieren können und kaum eine Nahrung verschmähen. Sie tolerieren menschliche Nähe und sind sehr fruchtbar. Selbst Salzwasser hält ihre Ausbreitung nicht auf", zählt Willson die für die Eindämmung nachteiligen Eigenschaften des Pythons auf.

Wohin eine derartige unkontrollierte Vermehrung exotischer Schlangen führen kann, die kaum natürliche Feinde fürchten müssen, zeige das Beispiel Guam, so der Forscher: "Wenn ausreichend viele Arten verloren gegangen sind, können sich komplette Ökosystemprozesse ändern." Während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich auf der Pazifikinsel die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis), die ursprünglich aus Neuguinea und Australien stammt. Heute dominiert sie das Ökosystems Guams; dafür sind zehn der zwölf einheimischen Vogelarten, alle Fledermäuse und die Hälfte der Eidechsenspezies ausgestorben – restlos aufgezehrt von der Schlange, die sie als Fressfeind nicht kannten. Ohne die Vögel und Eidechsen vermehrten sich viele Insekten, von denen wiederum Spinnen profitierten. Wer heute durch den Wald auf Guam lauft, erlebt Gespenstisches: Kaum ein Vogellaut ist zu hören, dafür spannen sich überall Spinnennetze. Mittlerweile leiden sogar die Bäume des Eilands, die auf Früchte fressende Vögel und Fledermäuse zur Verbreitung angewiesen sind: "Sie vermehren sich kaum mehr und verschwinden", so Willson über den drastischen Umbau des Inselökosystems.

Leer gefressener Sumpf

Von diesem Schicksal sind die Everglades noch entfernt. Erste Warnzeichen tauchen jedoch bereits auf: Zählungen von Dorcas, Willson und ihren Kollegen zeigen, mit welchem Hunger die Reptilien im Nationalpark aufräumen. "Säugetiere mittlerer Größe sind in Teilen der Everglades bereits fast völlig verschwunden", so Dorcas. Waschbären, Kaninchen, Oppossums oder auch Füchse und selbst Rotluchse verschwanden fast völlig aus den Gebieten, in denen die Pythons am längsten etabliert sind, während sie in schlangenfreien Regionen immer noch so zahlreich wie früher auftreten. Die Zahlen mancher Arten gingen um mehr als 99 Prozent zurück. Andere Einflüsse wie Seuchen oder natürlich vorkommende Fressfeinde schließen die Forscher dagegen aus: "Wir haben keine Hinweise darauf gefunden. Und Schwarzbären oder Floridapumas hätten sich im letzten Jahrzehnt beträchtlich vermehren müssen, um diese Rückgänge zu verursachen. Das lässt sich ebenfalls nicht belegen."

Der Appetit beschränkt sich nicht nur auf Säugetiere: In den Mägen von obduzierten Reptilien fanden sich regelmäßig die Überreste von Ibissen, Rallen und sogar großen Waldstörchen. Und wie das tragische Ende der im Todeskampf mit ihrem Opfer vereinten Tigerpython zeigt: Auch große Alligatoren sind nicht sicher vor Attacken, ihr Nachwuchs endet ohnehin regelmäßig als Beute im Inneren der Schlangen. "Die Pythons richten verheerende Schäden in einem der schönsten, ökologisch reichsten und am meisten geschätzten Nationalparks Nordamerikas an", fasst deshalb Marcia McNutt, amtierende Direktorin des United States Geological Survey und wissenschaftliche Beraterin des US-Innenministeriums, die Krise knapp zusammen – und fordert: "Unsere letzte Hoffnung, dass wir ihre weitere Ausbreitung eindämmen, ist schnelles und gezieltes Handeln."

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Aug' in Aug' | Immer wieder kommen sich Alligatoren und Pythons in den Everglades in die Quere – im Kampf um den Platz an der Spitze der Nahrungskette. Der Ausgang ist durchaus offen.

Und das bedeutet: Töten, wo immer die Pythons auftauchen. Jede Schlange, die die Ranger im Nationalpark aufspüren, wird getötet. Um ihre Suche nach den heimlichen Reptilien effizienter zu gestalten, setzt die Parkverwaltung sogar auf so genannte Judasschlangen: Individuen, die mit Sendern ausgestattet werden und dann über die Signale die Jäger zu Artgenossen führen – eine höchst effiziente Methode: Im Schnitt spüren die Ranger pro Judasschlange fünf weitere Pythons auf, die sie dann eliminieren können. 2010 initiierte die Parkverwaltung erstmals eine massive Drückjagd, um die Bestände der Art zu senken – allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Zudem suchen Herpetologen wie Frank Mazzotti von der University of Florida in Fort Lauderdale fieberhaft nach biologischen Bekämpfungsmethoden wie spezifischen Krankheiten, um die Plage zumindest zu kontrollieren. Und spezifische Duftstoffe, so genannte Pheromone, sollen die Tiere eines Tages während der Paarungszeit in die Irre und dabei in Fallen führen. Doch diese Arbeiten stecken noch in den Kinderschuhen.

Völlige Ausrottung praktisch ausgeschlossen

Mehrere Millionen US-Dollar haben die Behörden für die Bestandskontrolle bislang zur Verfügung gestellt hat, die Anstrengungen gleichen jedoch bislang eher einer Sisyphusarbeit. "Noch nie gelang es, eine eingeschleppte Schlangenart wieder völlig auszuschalten, wenn sie sich über mehr als ein paar Hektar Fläche ausgebreitet hat", so Dorcas. Allein die Everglades umfassen jedoch ein Gebiet von mehreren tausend Quadratkilometern. Vor den Toren Miamis entdeckten Forscher mit Afrikanischen Pythons – nahen Verwandten des Tigerpythons – und Abgottschlangen (Boa constrictor) weitere Würgeschlangen mit Ausbreitungspotenzial, die sich in der Natur vermehren. Zudem tauchen immer wieder Sichtmeldungen einzelner Anakondas aus Südamerika auf, die wahrscheinlich ebenfalls von ihren Haltern in die Umwelt entsorgt wurden und zum Problem werden könnten.

Der U.S. Fish and Wildlife Service hat deshalb ein striktes Verbot für den Import dieser Arten erlassen und untersagte den Handel mit lebenden Individuen über Bundesstaatengrenzen hinweg – ein Schritt, den viele Ökologen begrüßten, auch wenn Haltung und Handel zum Beispiel innerhalb Floridas weiter erlaubt bleiben. Ob sich diese Maßnahmen auszahlen, um die weitere Ausbreitung der Kriechtiere zu verhindern, zeigen erst die nächsten Jahre. Bis dahin müssen ihre Gegner wohl noch öfter auf das Wetter hoffen: Extreme Frosteinbrüche wie im Winter 2010 treffen die kälteempfindlichen Pythons schwer; viele erfrieren durch die ungewohnten Minusgrade. Entwarnen möchte Michael Dorcas deswegen noch lange nicht: "Wir erwarten, dass die Schlangen sich bald von dieser Katastrophe erholen werden."

5. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 5. KW 2012

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