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Wohlstandsparadox: Eisenbahnen ließen Menschen schrumpfen

Steigender Wohlstand bedeutet nicht immer, dass es der Bevölkerung besser geht - im Gegenteil. Forschungen zeigen nun: Verkehrsverbindungen verbreiteten Ungleichheit
Eine alte Dampflokomotive zieht einen Zug durch den ländlichen Raum.

Einer der rätselhaftesten Widersprüche der Wirtschaftsgeschichte nähert sich wohl seiner Aufklärung. Das Einkommen-Körpergröße-Paradox in sich entwickelnden Gesellschaften hängt wohl direkt mit Eisenbahnverbindungen und Kanälen zusammen, wie der Ökonom Ariell Zimran in einem Arbeitspapier für die Nationale Agentur für Wirtschaftsforschung berichtet. Zimran untersuchte die vier Jahrzehnte vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg, in denen der Wohlstand der USA deutlich stieg, aber gleichzeitig die Bevölkerung schlechter ernährt und kränker wurde. Dazu verglich er die Daten von mehr als 25 000 Rekruten der US-Armee, die in den Jahren 1820 bis etwa 1850 in den ländlichen Gegenden der östlichen USA geboren wurden, mit den Verkehrsverbindungen ihrer Herkunftsregionen. Dabei zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Je besser eine Region an Flüsse und Städte angeschlossen war, desto kleiner waren die Menschen im Durchschnitt – um bis zu einen Zentimeter.

Schon lange vermuten Fachleute, dass der Effekt etwas mit Infektionskrankheiten und Lebensmittelpreisen zu tun hat. Speziell proteinreiche Nahrungsmittel wurden teurer, so dass zwar mehr Kalorien zur Verfügung standen, aber viele Kinder trotzdem schlechter ernährt waren. Krankheiten, so vermutete man, verbreiten sich schneller, wenn die Bevölkerung durch das zusätzliche Einkommen mobiler werden. Die neue Untersuchung stützt diese Einschätzung und präzisiert sie: Die bloße Präsenz von Transportwegen, so Zimran, erkläre bis zu zwei Drittel des Unterschiedes in der Körpergröße.

Das Einkommen-Körpergröße-Paradox bietet auch eine wichtige Lektion für die Gegenwart. Vieles deutet darauf hin, dass in sich entwickelnden Ländern die negativen Effekte durch steigende soziale Ungleichheit zuerst einmal überwiegen: Frühere Forschungen zeigen, dass wohlhabendere Schichten von den negativen Effekten durch Entwicklung ausgespart blieben, während der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung trotz steigenden Wohlstands schlechter dastand. Moderne Entwicklungsprogramme haben oft einen starken Fokus auf bessere Verkehrsverbindungen in schlecht entwickelte Regionen. Ignoriert man dabei die historischen Erfahrungen, besteht die Gefahr, dass große Teile der Bevölkerung auf Jahrzehnte hinaus vom steigenden Wohlstand nicht profitieren.

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