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News: Forschung an vorderster Front

Kreativität, Geschick, mathematisches und physikalisches Verständnis - Eigenschaften, die jedem Forscher gut zu Gesicht stehen. Aber an Wissenschaft im heutigen Sinne war noch nicht zu denken, als die Gelehrten der Antike ihre Verderben bringenden Geschossmaschinen konstruierten, oder doch?
Katapult
Sizilien, 399 vor Christus: Dionysios I. (430-367), amtierender Tyrann von Syrakus, wirbt geschickte Handwerker aus den Städten und Dörfern an, die seiner Kontrolle unterstehen. Er lockt mit gutem Salär und üppiger Belohnung, im Falle guter Arbeit. Ziel des Herrschers: eine große Zahl von Waffen zu schaffen; durchschlagskräftige weitreichende Waffen, die ihm einen Vorteil gegenüber seinen Feinden verschaffen, denn von denen gibt es genug.

Wie uns Diodorus von Sizilien (90-21) im Nachhinein überliefert, strich Dionysios tagein, tagaus zwischen den Konstrukteuren umher, um die Arbeit zu kontrollieren. Die Eifrigen belohnte er mit Geschenken und lud sie gar an seine Tafel. Offensichtlich hat sich die zuvorkommende Behandlung gelohnt, denn wenngleich der Herrscher die missliebigen Punier nicht von "seiner" Insel vertreiben konnte, so gelang es ihm doch, nicht zuletzt dank seiner fortschrittlichen Waffen, den Feind in Schach zu halten und seine Herrschaft zu festigen.

Aber worin bestanden die Wunderwaffen, welche die Baumeister Dionysios bescherten? Es waren Katapulte – oder zumindest die Vorläufer davon. Im Grunde sahen die Schussgeräte noch aus wie eine zu groß geratene Armbrust, die zum Spannen zwischen Boden und Bauch des Soldaten eingespannt wurde. Diese Gastrophetes bewährten sich offenbar bei den Auseinandersetzungen, denn schnell kamen verbesserte Modelle auf: größer, schneller und mit mehr Durchschlagskraft. Und der Katapultbau entwickelte sich in Kürze zur gefragten Handwerks-Disziplin.

Anders als heute war der Ruf der frühen Waffenkonstrukteure damals wohl über jeden Zweifel erhaben. Könige und Despoten scharten gerne die fähigsten Köpfe um sich, halfen sie doch ihre Macht zu sichern. Deshalb flossen offenbar durchaus üppige Forschungsgelder in die antike Rüstungsindustrie. Überhaupt waren die Katapultbauer so etwas wie der Vorläufer des modernen Wissenschaftlers, wie Serfina Cuomo vom Imperial College London schreibt. Technisch versiert, mathematisch begabt, gutes physikalisches Verständnis und eine systematische Herangehensweise, Probleme zu lösen, waren nur einige ihrer Tugenden.

Und wie sich das gehört, wurden die neuesten Ergebnisse in einschlägiger Fachliteratur veröffentlicht – Paradebeispiel dafür: das Standwerk von Philo von Byzanz (um 200 vor Christus). Man begriff sich als Teil einer internationalen Gemeinde von Gleichgesinnten, die sich rege über ihre Arbeit austauschten. Auch Forschungsreisen standen damals bereits auf dem Programm der Katapult-Community.

Für mehrere Jahrhunderte – im Grunde bis zur Nutzung des Schießpulvers – war Katapult-Design so die Spitzenwissenschaft des Mittelmeerraums schlechthin. Man mag es bedauerlich finden, dass diese frühe Forschung allein den Zweck hatte, bessere Waffen hervorzubringen, doch der damit einhergehende wissenschaftliche Fortschritt ist unbestritten, und sicherlich hat er auch hie und da zivile Errungenschaften hervorgebracht. Wer weiß, ob ein Archimedes auch nur eine seiner legendären Erfindungen und Entdeckungen gemacht hätte, wenn er nicht zuvor sein Hirn mit militärischen Problemstellungen geschult hätte?

Glücklicherweise hat der Mensch in nachfolgenden Jahrhunderten entdeckt, dass die Wissenschaft nicht nur für effiziente Waffentechnik zu gebrauchen ist. Wollen wir hoffen, dass sich dieser Trend fortsetzt.

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