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Wahrnehmung: Gedanklich reist man leichter südwärts

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Dass, wer auf einer Karte "nach oben" fährt, keinen mühsamen Anstieg hinlegen muss, sondern einfach in nördlicher Richtung unterwegs ist, dürfte den allermeisten Menschen sehr wohl bewusst sein. Unbewusst scheint hingegen ein Großteil der Menschen diese feine Unterscheidung nicht zu treffen: Wie Psychologen beobachteten, ziehen viele Probanden von zwei gleich langen Wegen denjenigen vor, der einen Schlenker nach Süden macht. Einen vergleichbaren Unterschied in Ost-/Westrichtung gibt es hingegen nicht.

Den Wissenschaftlern um Tad Brunyé von der Tufts University in Medford/Somerville war diese Asymmetrie eher durch Zufall aufgefallen. Jetzt überprüften sie sie unter rigideren Bedingungen. Sie forderten dazu Studenten auf, mehrfach unter verschiedenen Routen auf einer Karte die "kürzere oder einfachere" Route auszusuchen. In rund zwei Dritteln der Fälle favorisierten die Probanden Südrouten. Freilich waren in den entscheidenden Durchläufen die beiden Wege gleich lang. Ihre irrationale Präferenz war den Probanden überdies zu keiner Zeit bewusst.

Als Ursache vermuten Brunyé und Kollegen, dass ihre Freiwilligen tatsächlich "oben auf der Karte" unbemerkt mit "oben im Sinne von Höhe" assoziierten. Dafür sprechen laut ihrer Untersuchung einige Gründe, etwa die Tatsache, dass sich die Probanden auch bei der Streckendauer systematisch verschätzten und die Nordroute im Mittel als zeitaufwändiger einschätzten. Sie schrieben diesen Wegen sogar tendenziell ein lohnenderes Panorama zu – verständlich, da man ja "von oben" die bessere Aussicht hat.

Dass nicht andere, versteckte Faktoren den eigentlichen Einfluss ausüben, versuchten die Psychologen so gut es geht auszuschließen. So zeigte sich zum Beispiel keine Bevorzugung von Links- oder Rechtskurven, was einige der Befunde ebenfalls erklärt hätte.

Als entscheidend erwies sich hingegen, welche Perspektive die Streckenplaner einnahmen: Nur wer die Route den Experimentatoren aus der Sicht der ersten Person beschrieb, offenbarte die Südtendenz. Zwangen die Forscher ihre Probanden, die Strecke unter Bezug auf Himmelsrichtungen zu beschreiben, blieb die Asymmetrie in der Bevorzugung aus. Offenbar muss eine Person also das Kartenbild vor sich haben und sich gleichzeitig in denjenigen hineinversetzen, der den ausgewählten Weg schließlich auch zurücklegt.

Dass an sich bedeutungslose Konventionen – wie die Position von Norden und Süden – subtile Effekte auf die Wahrnehmung haben können, ist kein ungewöhnliches Phänomen und zum Beispiel durch Untersuchungen an räumlichen Metaphern belegt: Bei Sprachen, die Zeitdauern durch Längenbegriffe ausdrücken, neigen Sprecher dazu, das Erscheinen einer längeren Linie etwa auf einem Bildschirm gleichfalls für "länger" einzuschätzen als das ebenso lang dauernde Aufscheinen einer kurzen Linie. (jd)
24. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24. KW 2010

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