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Raumfahrtpioniere: Glückwunsch, Grapefruit!

50 Jahre im All: Vanguard I
Frühjahr 1958, die ewigen Verlierer im Rennen um die Vorherrschaft im All sind verzweifelt. Gerade erst vor eineinhalb Monaten war wieder einmal routiniert das passiert, was hässliche Gewohnheit zu werden versprach: Ein Raketen-Startversuch, eine schnelle Explosion, Totalschaden, wieder einmal eine teure Vanguard-Rakete samt Nutzlast kaputt.

Und die damals ewigen Sieger im Rennen um den Kosmos, die Sowjets, konnten wieder einmal feixen. Ihr erster, der Menschheit erster Satellit namens Sputnik 1 war schließlich schon vor vier Monaten im Orbit gewesen und hatte von dort aus tagelang per entnervender Funk-Piepstöne gen Erde geprahlt. Mit dem erst drei Monate später improvisierten, gerade einmal zwölftägigen Mini-Trip des fünfmal leichteren ersten US-Satelliten Explorer 1 ins erdnahe All war diese Schmach für die selbsterklärte freie Welt nicht zu tilgen gewesen, zumal auf Sputnik 1 bald Version 2 gefolgt war.

Höchste Zeit also für neue Erfolge, fand das deprimierte US-Raumfahrtprogramm, und drückte der dreistufigen Vanguard-Rakete ganz besonders die Daumen, die da am 17. März vor 50 Jahren auf der Startrampe stand: Sie sollte ein Gerät für die Ewigkeit in die Umlaufbahn befördern – oder, nun gut, eine Sonde, die nach ersten Berechnungen rund 2000 Jahre länger um die Erde kreisen sollte als Sputnik, der knapp drei Monate nach seinem letzten Pieps in der Erdumlaufbahn verglüht war. Der Name des auf Nachhaltigkeit getrimmten Gerätes an der Spitze der Rakete: Vanguard I.

Der "Grapefruit-Satellit": Vanguard I | Im Jahr vor dem Start entstand dieses historische Foto aus der Prä-Nasa-Ära mit dem Wissenschaftler Roger Easton, seiner Tocher und einem Prototypen des Satelliten-Jubilaren, Vanguard I. Easton war einer der Projektmitarbeiter und entwickelte den Instrumentenpark des Orbiters. Apropos: Für eine "Grapefruit" – den Spitznamen erhielt Vanguard I vom sowjetischen Konkurrenten im Wettlauf ins All – erscheint der Prototyp auf dem Bild überraschend groß.
Das Daumendrücken war nötig, und es half – der Start Mitte März 1958 ist einer von nur drei erfolgreichen der insgesamt elf Versuche mit der unzuverlässigen Vanguard-Rakete. Schließlich aber war Vanguard I im Orbit, eine eineinhalb Kilo schwere Aluminiumkugel. Prompt erhielt sie vom ersten Vorsitzenden des sowjetischen Zentralkomitees, Nikita Chruschtschow, den liebevollen Spitznamen Grapefruit-Satellit.

Das Orbitobst begann unbeleidigt seine Arbeit, sammelte wissenschaftliche Informationen und sandte Flugdaten. Ausgestattet war das Gerät zum Beispiel mit inneren Temperaturmessfühlern, die die Qualität der isolierenden Hüllschichten überprüfen sollten. Das Messinstrumentarium lieferte Forschern auf dem Boden überdies erstmals vom All aus Informationen über die unrunde Form und die genaue Größe der Erde, über Dichte und Temperaturen in hohen Atmosphärenschichten und die Einschlaghäufigkeit winziger Mikrometeoriten.

Echte technologische Pionierarbeit leistete Vanguard I auf dem Gebiet nachhaltiger Energieversorgung – der Satellit war der erste, der seinen Strom nicht nur durch Quecksilber-Batterien, sondern auch durch zwei Solar-Paneele deckte. Damit war er rekordverdächtig lange einsetzbar: Der batteriebetriebene Transmitter fiel nach 20 Tagen aus, der solarbetriebene funkte auch noch nach sieben Jahren. Erst im Jahr 1964 verstummte die sonnenverwöhnte Grapefruit im All für immer. Stumm oder nicht – bis zum heutigen Tag legte sie dabei knapp 197 000 Erdumkreisungen hin und brachte eine Strecke von rund zehneinhalb Milliarden Kilometern hinter sich. Damit kann man auch zum Pluto kommen – und zurück.

Vorbei ist die Geschichte von Vanguard I damit aber noch lange nicht, schließlich hatte man seine Umlaufbahn ja auf Jahrtausende berechnet. Heute ist allerdings klar, dass die ewige Grapefruitreise so lange wie ursprünglich gedacht wohl doch nicht dauern wird – die Forscher der 1950er hatten den Strahlungsdruck der Sonne und die Reibung hoher Atmosphärenreste unterschätzt, und die Bahnhöhe von Vanguard I sinkt. Und auch wenn uns die kleine Kugel womöglich nur 200 statt 2000 Jahre lang umkreisen wird – ein paar runde Geburtstage vor dem finalen Verglühen werden es ganz sicher noch.

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