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Ornithologie: Heimvorteil

Deutschlands Natur hat winters nicht viel zu bieten: Die Zugvögel sind im Süden, Insekten zeigen sich nicht, und viele Säuger halten ein Nickerchen. Reger Betrieb herrscht allerdings an Futterhäuschen für dagebliebene Meisen und Spatzen - zur Freude der Beobachter, aber auch der späteren Vogelküken.
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Übernervös und ängstlich wirken die Kohlmeisen: Sie fliegen geschwind zur Futtersäule, picken einen einzelnen Kern aus dem Sortiment und entfleuchen hektisch in den nahen Nadelbaum. Etwas kecker verhält sich die Blaumeise: Sie sortiert noch an Ort und Stelle missliebige Körner aus und flattert erst dann in die Deckung. Relativ locker sind dagegen die Grünfinken, denn sie verweilen minutenlang an den Zugangsöffnungen, knacken geruhsam die Hülsen und ziehen sich erst zurück, wenn sie gesättigt sind – größere Verschmutzungen hinterlassend. Die Haussperlinge arbeiten wiederum im Team, in dem die kräftigen Männchen die Säule plündern, während Weibchen und Jungtiere die zahlreich zur Seite fliegenden überzähligen Leckerbissen vertilgen. Als Aufräumkommando gesellt sich schließlich noch die Türkentaube hinzu, die übersehene Sonnenblumenkerne aufsammelt.

Auch wenn der milde Winter es eigentlich nicht erforderlich macht, ein Futterhäuschen für die daheim gebliebenen Piepmätze aufzustellen, das amüsante Treiben rund um Meisenknödel und Fettring zu beobachten, lohnt selbst im grünen Januar 2008 den Kauf und Betrieb einer derartigen kulinarischen Anlaufstelle.

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An der Futtersäule | Blaumeise und Grünfink an einer Futtersäule: Briten und US-Amerikaner geben pro Jahr drei Milliarden Euro für Vogelfutter aus.
Allerdings wurde in den letzten Jahren auch viel über Kontras der tierischen Winterfütterung debattiert. Die Vogelrestaurants stellten einen Eingriff in die Natur dar, monierten Kritiker, und Wildvögel verkämen zu verfetteten Wohlstandstieren, die verlernten, wie sie sich auf natürlichem Wege ernähren sollten. Es profitierten von den Gratiskörnern nur Allerweltsvögel wie Meisen, Finken oder Sperlinge, nicht aber die seltenen und eigentlich zu umsorgenden Arten. Und die, die kommen, seien dann noch gefährdet, weil sie sich Krankheiten am Futterplatz einfangen könnten.

Viele Vorbehalte konnten schon von Protagonisten der Zufütterung wie Peter Berthold, ehemaliger Direktor der Vogelwarte Radolzell und Autor des Buchs "Vögel füttern – aber richtig", widerlegt werden. So versorgen brütende Vogeleltern ihren Nachwuchs keineswegs mit auch im Frühling angebotenen Sämereien, wie Naturschützer befürchteten, sondern greifen wie gewohnt auf Insektenlarven als optimale Eiweißquelle für die Küken zurück. Und keinesfalls vergreifen sie sich an unpassendem Futter (etwa Kuchen), der ihnen den Magen verdirbt oder sie gar vergiftet: Falsche Nahrung nehmen sie nur auf, wenn sie ansonsten verhungern würden – so gesehen eine Wahl zwischen Teufel und Beelzebub.

Einige andere Fragen sind aber noch ungeklärt, und so kommt die Arbeit von Gillian Robb von der Queen's University Belfast und seinen Kollegen gerade noch rechtzeitig für die gegenwärtige Fütterungsperiode. Die beteiligten Wissenschaftler wollten klären, welchen Einfluss das zusätzliche Nahrungsangebot auf die körperliche Verfassung und den Bruterfolg im kommenden Frühjahr hat. Schließlich streuen allein die Briten so viel Futter unter die Vogelwelt, dass davon dreißig Millionen Kohlmeisen (Parus major) ausschließlich leben könnten – und weil sich in Wirklichkeit kaum ein Vogel auf eine einzige Quelle verlässt, sollte es sogar noch mehr Nutznießer geben. Die weitaus meisten Menschen stellen jedoch die Fütterungen ein, sobald die Tage länger werden, weshalb vor allem die Standvögel profitieren dürften, die den Winter vor Ort verbringen. Zugvögel dagegen würden benachteiligt, denn sie kehren zu spät zurück, um sich selbst noch an den Stationen bedienen zu können. Zudem müssen sie sich von der Reise ausgelaugt gegen die gemästete Konkurrenz durchsetzen.

Robbs Team hing deshalb in fünf Waldstücken Nordirlands Erdnussspender auf und bestückte diese regelmäßig über den Winter bis Anfang März: Sechs Tonnen der Ölsaat brachten die Forscher derart unter das Vogelvolk. Gleichzeitig versorgten sie die Tiere in diesen Gebieten wie in fünf weiteren Vergleichsarealen, in denen nicht gefüttert wurde, mit zusätzlichen Nistkästen. Der künstliche Wohnraum sollte vor allem Blaumeisen zur Brut anregen und es erleichtern, den potenziellen Bruterfolg zu überwachen.

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Blaumeisen im Nest | Im Winter konsequent gefütterte Blaumeisen legen früher ihre Eier und ziehen im Schnitt ein Küken mehr groß als darbende Artgenossen.
Und dieser stellte sich bei den subventionierten Tieren tatsächlich reichhaltiger – und früher – ein: Im Schnitt begannen diese Blaumeisen zweieinhalb Tage früher mit dem Eierlegen. Und sie zogen im Mittel ein Küken mehr bis zum Flüggewerden groß als ihre Artgenossen, denen die Erdnüsse vorenthalten wurden, obwohl beide Gruppen mit der gleichen Eierzahl starteten – und trotz des Versorgungsstopps sechs Wochen vor Beginn der Brutzeit. "Dies belegt, dass die Vögel bis in den Frühling hinein von der Fütterung profitieren", schlussfolgert Stuart Bearhop von der Universität in Exeter und Ko-Autor der Studie. "Vor allem das Vitamin E der Erdnüsse könnte der Gesundheit der Küken zuträglich sein", so der Forscher weiter.

Über die Eier wird dieses Antioxidantium an den Nachwuchs weitergegeben, was ihre Sterblichkeit nach dem Schlüpfen erwiesenermaßen senkt. Zugleich erhöhen Erdnüsse die Gesamtmenge bestimmter Bluteiweiße, die wiederum anzeigen, dass es den Vögeln gut geht und sie körperlich voll im Saft stehen. Entsprechend aufgepeppte Tiere können ihre Sprösslinge wohl kraftvoller verteidigen und mehr Nahrung für die hungrigen Mäuler herbeischaffen.

Die Medaille hat allerdings eine Kehrseite, wie Bearhop zu bedenken gibt: "Es ist noch unklar, ob Zugvögel dadurch nicht zusätzlich benachteiligt werden." Nicht nur müssten sie sich mit kräftigeren Standvögeln balgen, die wegen fehlender Auslese durch Hungertod zahlreicher durch den Winter gekommen sind. Da diese nun auch noch mehr Nachwuchs versorgen müssten, könnte weniger Nahrung für die Küken der Fernflieger bleiben. Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) oder Fitis (Phylloscopus trochilus) sind vielleicht derartige Leidtragende, denn ihre hiesigen Bestände schwinden seit langem.

Ob tatsächlich und wie genau sich diese Konkurrenz auswirkt, untersuchen Robb und Bearhop zukünftig. Bis dahin wollen sie aber weiterhin ihre Gartenvögel bewirten. Peter Berthold geht sogar noch einen Schritt weiter: Angesichts ausgeräumter Agrarlandschaften mit ihrem Mangel an Insekten und Sämereien empfiehlt er die ganzjährige Fütterung von Meise, Fink und Co – bei geeignetem Angebot naschen dann wahrscheinlich auch die wählerischen Zugvögel mit.
07.02.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07.02.2008

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