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News: Heiß begehrter Bodensatz

Irgendwann vor mehr als 3000 Jahren begann in Mittelamerika der Siegeszug einer schmackhaften Droge, der mittlerweile vermutlich ein Großteil der Menschheit verfallen ist. Zumindest für die letzten 2600 Jahre ist ihr Gebrauch nun auch chemisch belegt.
Kakaogefäß
Für das Jahr 2000 gibt der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie den Pro-Kopf-Verbrauch von Schokolade und Schokoerzeugnissen auf ganze 8,18 Kilogramm an – acht Kilo, die sich auf unzählige Variationen von Pralinen, Schokoriegeln und andere kakaohaltige Süßigkeiten verteilen und später vermutlich auf den Bauch und um die Hüften der Konsumenten. Dabei buhlen die Hersteller mit unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen um die Gunst der Käufer. Wer kann dieser Verführung schon widerstehen?

Im Grunde hat sich da in den letzten Jahrtausenden nichts geändert. Zwar waren es nicht Marzipan-, Mocca-Sahne- oder Alpenmilch-Aromen, welche die Ureinwohner von Mittelamerika einst verzückten, aber die Vielfalt war auch damals Trumpf: So weiß man, dass die Maya neben dem süßen Kakao, auch fruchtige Mischungen und vor allem würzigen Geschmack schätzten. Auf Honig als Zugabe waren sie dabei mindestens genauso scharf wie etwa auf Maismasse oder gar Chilipulver. Und die Maya bereiteten nicht nur aus den Bohnen des Kakaobaums, sondern auch aus dem Fruchtfleich ihre Speisen und Tränke. Die Bohnen waren ihnen jedoch so wertvoll, dass sie einige hundert Jahre sogar als Währung dienten.

Die Ursprünge des Kakaokonsums liegen indes weitgehend im Dunkel der Geschichte. Vermutlich kultivierten vor weit mehr als 3000 Jahren die Olmeken – eine frühe Zivilisation, die im fruchtbaren Tiefland am Golf von Mexiko lebte – den Kakaobaum Theobroma cacao. Denn das Wort "Cacao", das ursprünglich ka-ka-wa ausgesprochen wurde, gehörte bereits 1000 vor Christus zu ihrem Wortschatz. Das Wort "Theobroma" als Gattungsname stammt hingegen aus dem Griechischen, bedeutet so viel wie "Speise der Götter" und wurde erst 1753 von Carl von Linné eingeführt.

Neben den sprachlichen Hinweisen datieren auch Holzkohlefunde des Gewächs in die so genannte Präklassische Periode der Mayazeit (2600 vor bis 250 nach Christus). Die ältesten chemisch bezeugte Nachweise von Kakaoresten reichten bislang allerdings nur in die Frühklassik zurück (250 bis 600 nach Christus).

So fanden Archäologen 1984 bei Rio Azul in Guatemala in dem rund 1500 Jahre alten Grab eines Mayafürsten ein gut erhaltenes, verschraubtes Gefäß, dessen Deckel und Bauch mit jeweils sechs Hieroglyphen verziert waren, die es als Trinkgefäß für sowohl witik-, als auch für kox-Kakao auswiesen. Dabei stehen die Begriffe witik und kox offenbar für Geschmacksrichtungen, deren Bedeutung jedoch bis heute unklar ist. Jedenfalls fanden die Forscher im Inneren des Krugs Reste einer Substanz, die sich bei näherer Analyse tatsächlich als Kakao entpuppte.

Nun galt es erneut Gefäße auf Rückstände von T. cacao zu prüfen. Diesmal waren die Keramiken jedoch deutlich älter und stammten aus der Präklassischen Periode. Die beiden Biochemiker Jeff Hurst und Stanley Tarka, die bezeichnenderweise beim Schokoladenhersteller Hershey Foods ihre Brötchen verdienen, erhielten dazu je 500 Milligramm pulverförmiger Proben, die Archäologen der University of Texas at Austin um Terry Powis sorgsam aus 14 Keramikgefäßen herausgekratzt hatten. Die Pulverpröbchen lösten sie in je drei Milliliter destillierten Wassers, um sie anschließend mit Hochleistungs-Flüssigkeitschromatographie (HPLC) in Kombination mit äußerst sensibler Massenspektrometrie zu untersuchen.

Tatsächlich gelang es Hurst und Tarka auf diese Weise in drei Fällen, den verräterischen Bestandteil Theobromin nachzuweisen. Und da in Mittelamerika allein der Kakaobaum diesen Vertreter der Methylxanthin-Derivate enthält, ist damit auch der Nachweis erbracht, dass die Gefäße einst das kostbare Genussmittel enthielten. Weil die Keramiken, die von einer Grabungsstätte bei Colha im Norden von Belize stammen, auf bis zu 600 vor Christus datieren, ist dieser chemische Konsumnachweis rund ein Jahrtausend älter als der von Rio Azul.

Im Übrigen ist nicht nur der ehemalige Inhalt der Krüge von Colha interessant, sondern auch ihre Form. Diese erinnert nämlich mit ihrem langen nach oben gebogenen Ausguss sehr an eine Teekanne. Solche Gefäße wurden ausschließlich in der Präklassik hergestellt, sind relativ rar und waren in aller Regel Grabbeigaben für hochstehende Persönlichkeiten. Archäologen fanden sie meist zusammen mit anderem Geschirr wie Schälchen und Tellern – ein frühes Kaffee- oder besser Kakao-Service sozusagen.

Neben dem eigentlichen Trunk erfreute sich bei den frühen mittelamerikanischen Völkern vor allem auch der Kakaoschaum großer Beliebtheit. Von Inschriften und Bebilderungen der Klassischen Periode weiß man, dass die Maya und später wohl auch die Azteken den Kakao aufschäumten, indem sie ihn schnell von einem Gefäß ins andere gossen oder verquirlten. Die langen Tüllen der Präklassischen Epoche könnten dabei aber noch eine weitere Möglichkeit eröffnet haben, wie Hurst und seine Kollegen vermuten: So ließe sich der Ausguss nicht nur zum Einschenken nutzen, sondern auch um Luft ins Gefäß zu blasen und so den begehrten Schaum zu produzieren – eine Methode, die heute sicherlich nicht mehr dazu angetan wäre, die Stimmung beim Kaffeekränzchen zu heben.

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