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Neozoen: Inselvogel trotzt eingeschleppten Feinden

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Wider erwarten hat sich der neuseeländische Glockenhonigfresser (Anthornis melanura) schnell und erfolgreich an räuberische Säugetiere angepasst, obwohl er in seiner Evolutionsgeschichte erst seit relativ kurzer Zeit mit ihnen konfrontiert wird – erst vor 700 Jahren gelangten die ersten räuberischen Säuger nach Neuseeland. Damit steht er im Gegensatz zu vielen anderen Inselarten, die gegenüber Ratten, Katzen oder Mardern mangels Kenntnis naiv reagierten, diesen leicht zum Opfer fielen und deshalb häufig ausstarben.

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Glockenhonigfresser am Nest | Glockenhonigfresser am Nest: Bedrohen eingeschleppte Feinde die Nester der Honigfresser, verhalten sie sich vorsichtiger als in Gebieten, die davon noch frei sind.
Nach Melanie Massaro von der University of Canterbury in Neuseeland und ihren Kollegen verändert der Glockenhonigfresser jedoch sein Brutverhalten, wenn Feinde anwesend sind. Auf dem neuseeländischen Festland, wo viele Prädatoren die Elterntiere und den Nachwuchs bedrohen, verbringt ein Partner nahezu regungslos sehr viel Zeit auf dem Nest. Damit minimieren sie das Risiko, durch Bewegungen von Räubern ausfindig gemacht zu werden. Zugleich fliegt das andere Tier das Nest deutlicher seltener an, um Nachwuchs und Partner zu füttern, was ebenfalls weniger Aufmerksamkeit erregen soll. Ihr Verhalten glich insgesamt eher jenem von verwandten Honigfressern, die auf Tasmanien leben, wo es schon immer von pelzigen Fressfeinden wimmelt und sich die Vögel mit diesen entwickelten und an sie anpassten.

Ganz anders verhielten sich dagegen Anthornis melanura von der kleinen Insel Aorangi vor der Küste, die stets frei von eingeschleppten Säugern blieb, weshalb die Vögel dort weiterhin das für Inselarten eher typische furchtlose Verhalten an den Tag legen. Die Eltern wechseln sich häufiger und rascher am Brutplatz ab, und sie füttern ihre Küken öfter. Eine dritte Vergleichsgruppe aus einem festländischen Naturschutzgebiet, in dem Ratten, Wiesel und andere so genannte Neozoen bekämpft und damit selten gehalten werden, lag zwischen den bedrohten und den ungefährdeten Glockenhonigfressern: Sie verbrachten zwar mehr Zeit auf dem Nest, flogen dieses aber auch ähnlich regelmäßig an wie die Vögel von Aorangi.

Trotz der Vorsichtsmaßnahmen gingen die Gelege der festländischen Glockenhonigfresser zwischen 50 und 100 Prozent häufiger verloren als jene der Insulaner, die nur durch andere Vögel, Insektenplagen oder Wetterkalamitäten gefährdet waren. Dennoch sehen die Forscher im geänderten Verhalten einen Fortschritt für die Art, der innerhalb von nur 700 Jahre zustandegekommen ist – damals eroberten die Polynesier Neuseeland und begann der Zustrom exotischer Spezies. Etwa die Hälfte der neuseeländischen Vogelspezies – darunter auch der verwandte Chatham-Glockenhonigfresser (Anthornis melanocephala) vom gleichnamigen Eiland – starb aus, weil unter anderem ihr Bruterfolg durch Nestplünderungen gen Null sank und die Alttiere gefressen wurden. (dl)
05.06.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 05.06.2008

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