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Wiederaufbau von Notre-Dame: Je extravaganter, desto besser

Experten streiten darüber, wie man die ehrwürdige Kathedrale am besten wiederaufbauen sollte. Über die meisten Entwürfe von Architekten können sie nur lachen - bisher gleicht der Wettbewerb eher einem Schaulaufen.
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Ein Unwetter wäre jetzt schlecht, ein schwerer Sturm, vielleicht sogar eine Fallböe, wie sie in Sommergewittern hin und wieder vorkommt. Ob die Mauern von Notre-Dame einer solchen Wucht standhielten, da sind sich Architekten und Bauexperten nicht sicher. Denn mehr als die Hälfte seiner Widerstandskraft gegen den Wind hat das Gebäude eingebüßt, schätzen Experten.

Wirklich gerettet ist das Pariser Wahrzeichen also noch immer nicht. Der Großbrand ist zwar gelöscht, doch das Mauerwerk des gotischen Bauwerks hat unter Hitze und Löschwasser stark gelitten. Und die Wahrscheinlichkeit ist erschreckend groß, dass die skelettartige Konstruktion doch noch einstürzt.

Wasserbecken, Grünterrassen oder ein klotzartiges Stahl-Glas-Gebilde?

Angesichts dieses möglichen Szenarios ist es schon kurios, wie viele Entwürfe für einen Wiederaufbau bereits im Umlauf sind. Wasserbecken, Grünterrassen und etliche klotzartige Stahl-Glas-Gebilde werden gehandelt, eingereicht von den üblichen männerdominierten Architekturbüros dieser Welt. Ein solcher Wettbewerb ist natürlich auch immer ein Schaulaufen, es folgt der Logik der Medien: je schriller und extravaganter, desto höher die Aufmerksamkeit.

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Notre-Dame | Einsturz des Dachreiters

Spricht man mit Dombaumeistern oder Kunsthistorikern über solche Konstruktionen, dann hört man höchstens ein amüsiertes Prusten. Zum einen müsse nun erst einmal der Schaden festgestellt und das Gebäude gesichert werden, bevor groteske Entwürfe besprochen werden, heißt es. Zum anderen kommen als Ersatz für das zerstörte Dach ohnehin nur zwei Materialien in Frage: Holz oder Stahl. Glas oder anderer Schnickschnack wird mit Sicherheit nicht verbaut, so viel scheint unter Experten bereits festzustehen.

Die Schäden festzustellen ist schwieriger als gedacht. In manche Abschnitte sind die Experten aus Sicherheitsgründen noch gar nicht vorgedrungen, an ihrer Stelle übernehmen Roboter die aufwändige Schadensanalyse. Was man sicher weiß: Ein Großteil des Holzdachstuhls ist eingestürzt, außerdem hielt der Vierungsturm den Flammen nicht stand.

Als die 93 Meter hohe Holzkonstruktion am Abend des 15. April 2019 in sich zusammensackte, beschädigte sie zwei Pfeiler, einen in der Vierung, den anderen im Langhaus. Zudem stürzten drei Gewölbejoche ein. Doch das sind nur die sichtbaren Schäden an der Kathedrale. Wie sehr die Konstruktion insgesamt gelitten hat, müssen nun die weiteren Untersuchungen zeigen. Dazu muss wohl jeder Stein einzeln untersucht werden.

Filigrane Skelettkonstruktion

Notre-Dame trieb ihre Baumeister einst zu kreativen Höchstleistungen an. Wurden in der Romanik noch Baukörper mit massiven Wänden errichtet, sah die gotische Konstruktion eine Verlagerung der tragenden Elemente in den Außenbau vor. Dadurch wurden die Wände entlastet, der Innenraum verschlankt und die Kathedrale konnte in die Höhe wachsen. Zudem konnte die Bauherren prachtvolle Fenster in die Wände integrieren. Die leichte und gleichzeitig flexible Bauweise der Gotik wurde dadurch erst möglich – massive romanische Bauwerke verwandelten sich im Lauf des Mittelalters in filigrane Skelettkonstruktionen.

Diese setzen sich typischerweise aus Pfeiler, Strebewerk, Spitzbogen und dem Kreuzrippengewölbe mit seinen selbsttragenden Rippen zusammen. Notre-Dame ist eines der führenden gotischen Bauwerke Frankreichs und wurde zwischen 1163 bis 1345 errichtet. Der beim Großbrand eingestürzte Holzturm über der Vierung stammte allerdings aus dem 19. Jahrhundert, als Notre-Dame schon einmal aufwändig restauriert wurde.

»Das ist wie beim Arzt: Keine Behandlung ohne Anamnese«(Stephan Albrecht, Universität Bamberg)

Eugène Viollet-le-Duc, der damalige Architekt des Wiederaufbaus, vertrat dabei eine Auffassung, die heute wohl wahre Shitstorms in den Sozialen Medien auslösen würde. Sie bestand darin, Abgebranntes nicht einfach nachzubauen, schreibt die Schweizer Historikerin Nanina Egli in einem Gastbeitrag in der »Neuen Zürcher Zeitung«. Es sei ihm vielmehr darum gegangen, einen neuen Ausdruck zu finden. Heute ist solch eine Haltung nur noch schwer vorstellbar.

Zuständig für die Koordination der angebotenen Hilfen aus Deutschland ist die bekannte Architektin und Kunsthistorikerin Barbara Schock-Werner. Die 72-Jährige war bis vor sieben Jahren Dombaumeisterin des Kölner Doms, kürzlich konnte sie sich als erste Deutsche selbst ein Bild vor Ort machen. Das Ausmaß der Zerstörung hat auch sie beeindruckt. In der Kirche sehe es »dramatisch« aus, sagte sie dem Deutschlandfunk. Sie sah große schwarze Haufen aus verbrannten Balken, herabgestürzte Steine und verbranntes Blei am Boden liegen. Außerdem sei die Kathedrale nach wie vor stark einsturzgefährdet. »Es ist noch gar nicht sicher, dass die Gewölbe, die noch oben sind, oben bleiben«, sagte sie.

Stahl oder doch lieber Holz?

Die Rekonstruktion des Dachstuhls ist für sie daher nicht nur eine modische Frage, sondern vor allem eine konstruktive. Aus Sicherheitsgründen plädiert sie für einen Dachstuhl aus Stahl, wie er auch im Kölner Dom und im Wiener Stephansdom verbaut ist. Die französischen Verantwortlichen tendieren allerdings in eine andere Richtung. Sie wollen den Dachstuhl aus Eichenholz wieder so aufbauen, wie er vor dem Brand war. Nur ohne die darüber liegenden Bleiblech-Dachplatten versteht sich, die das Feuer erst richtig entfachten – und an der Kathedrale und in deren Umfeld beträchtliche Umweltverschmutzung zurückließen. Ohne die Dachplatten, so mutmaßen Experten, hätte das Großfeuer nicht so schlimm wüten können.

Für ein Stahldach plädierte zunächst auch der Kunsthistoriker Stephan Albrecht von der Universität Bamberg. Mittlerweile hat er seine Einstellung geändert. Er habe eine Holzkonstruktion schätzen gelernt, sagt Albrecht. Auch habe er Ehrfurcht vor der Bauweise des Mittelalters, daher gebe es seiner Meinung nach keine Alternative zu Holz. Auch wenn er eine komplette Rekonstruktion des alten Dachs für ausgeschlossen hält, plädiert er für einen möglichst detailgetreuen Nachbau. »Ein ähnlicher Dachstuhl wäre keine schlechte Idee«, sagt er. Doch bevor solche Gedankenspiele umgesetzt werden, müsse man Notre-Dame erst einmal eingehend untersuchen. »Das ist wie beim Arzt: keine Behandlung ohne Anamnese.«

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Notre-Dame vor dem Brand | So sah die Kathedrale bis zum 15. April 2019 aus – dem Tag des großen Brands.

Albrechts Plädoyer für Holz hat mehrere Gründe. Einer davon ist statischer wie konstruktiver Natur. So seien Gewölbe und Strebepfeiler auf eine Holzkonstruktion mit seinem speziellen Gewicht abgestimmt. Ein Dachstuhl aus Stahl wäre hingegen deutlich leichter, er würde dieses Gleichgewicht durcheinanderbringen. So absurd und kontraintuitiv es klingt: Ein Dachstuhl mit weniger Gewicht wäre erst recht eine Gefahr für die Standsicherheit des Bauwerks. Als Folge könnten sich zum Beispiel die Mauern verformen – oder gar nachgeben.

Fest, tragfähig, elastisch – Holz wird unterschätzt

Ein anderer Grund sind die positiven Eigenschaften von Holz. Der alte Werkstoff garantiert höchste Festigkeit und Tragfähigkeit, ist stabil und gleichzeitig elastisch, fast überall verfügbar und klimaneutral. Zudem trotzt er Orkanen und hält Erdbeben stand. Und dennoch hält sich ein Vorurteil über die Holzbauweise bis heute hartnäckig: dass solche Häuser leicht entflammbar wären und ein Brand wilde Feuerstürme auslösen könnte.

Das ist aber nicht richtig: Massive Holzbalken lassen sich nicht so leicht entzünden und brennen im Gegensatz zu Stahlbeton wenigstens kontrolliert ab. Zudem habe man keinerlei Erfahrung damit, wie sich ein Stahldachstuhl bei einem Brand verhielte, sagt Albrecht. Wie er sich also verdreht, verformt oder gar einstürzt. Und außerdem sei eine Holzkonstruktion bei Winddruck flexibler als sein Pendant aus Stahl. Die Elemente verschieben sich leichter zueinander.

An Stelle des Dachs bedeckt nun eine riesige Plane in Form eines Spitzdachs das Gebäude notdürftig. Der große Regenschirm schützt das Gebäude vor dem Einfluss der Elemente, seine Form sorgt dafür, dass sich kein Wasser darauf sammelt. Glücklicherweise hat es in Paris aber seit Wochen nicht mehr geregnet, und daher machen auch Gewitter derzeit einen großen Bogen um die französische Hauptstadt.

Wie groß sind die Schäden wirklich?

Das lässt bitter nötige Zeit, um an der Grundlage der Rekonstruktion zu arbeiten. Drohnen fliegen am Bauwerk entlang, sie vermessen mit neuester Technik jeden einzelnen Stein. »Das ganze System ist geschwächt«, sagt Stephan Albrecht. Er befürchtet, dass sich Risse und sogar Löcher im Mauerwerk gebildet haben. Der Grund: Durch die große Hitze des Feuers hätten die Steine geglüht.

Dabei dehnen sie sich stark aus, ehe sie sich wieder abkühlen und zusammenziehen – Schwundrisse entstehen. Außerdem seien Eisenanker im Mauerwerk verarbeitet, die sich anders ausdehnen als Kalkstein. Eine mögliche Folge könnte sein, dass das Eisen den Stein an manchen Stellen gesprengt haben könnte. Denkbar ist auch, dass der Mörtel gelitten hat. Und das Löschwasser hat vermutlich zu weiteren Schäden beigetragen.

Um die Brandwunden mit dem früheren Zustand zu vergleichen, werten Wissenschaftler wie er nun ältere 3-D-Scans aus. Glücklicherweise existieren gleich eine ganze Reihe von ihnen. Stephan Albrecht zählte vor einigen Jahren selbst zu denen, die Notre-Dame vermessen haben. Sein Scan ist der insgesamt jüngste, wie sich bei Absprachen mit Kollegen herausstellte. Mit der Aufnahme wollte er die Entwurfs- und Ausführungstechnik solcher Bauwerke verstehen. Zusammen mit seinem Team hat er daher alle Elemente des Bauwerks unterhalb des Gewölbes aufgenommen. Kollegen aus New York haben zudem einen vollständigen Scan des Dachstuhls zur Verfügung gestellt.

Bereits vor dem Brand gab es Mängel

Als sich Albrecht die Scans von früher noch einmal genauer ansah, erkannte er kleine Schönheitsfehler im Bauwerk. »Das Querhaus war ziemlich stark verzogen«, sagt er, »zudem ist das Gebäude leicht nach oben verdreht.« Ganz sauber habe das Bauwerk also auch vor dem Brand nicht ausgesehen. Diese Erkenntnis ist nicht unwichtig für die Sanierung und Rekonstruktion des Gebäudes. Sie zeigt den Verantwortlichen, dass sie als Grundlage und Abgleich für den Neuaufbau nicht von einem perfekten Bauwerk ausgehen dürfen.

Auf einer Fachtagung wollen die Experten bald über solche Fragen diskutieren. Am 18. September kommen sie in Paris zusammen, um sich über Notre-Dame und ihre Zukunft auszutauschen. Eingeladen ist auch Stephan Albrecht, er wird sich in einer von zehn Task Forces mit seinen Kollegen über die Scans beraten. Er hofft, dass die Wissenschaftler am Ende ein gehöriges Wort über den Wiederaufbau mitreden dürfen. Und er hofft, dass bei Politik und Gesellschaft durch den Brand wenigstens ein Lerneffekt eingetreten sei. Dass man solche Bauwerke kaputtspart oder bei der Sicherheit knapst, wie im April geschehen, habe einfach keinen Zweck. Der Verlust ist am Ende mit Geld nicht aufzuwiegen.

30/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30/2019

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