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Covering Climate Now: Ökostrom: Außen grün, innen grau?

Grünstrom beziehen, um das Klima zu schützen? Ganz so einfach ist das leider nicht: Längst nicht alle Ökotarife tragen zur Energiewende bei. Wer hier sichergehen will, sollte darauf achten, dass sein Geld in den Bau neuer Windräder und Solaranlagen fließt.
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Zeigen die »Fridays for Future«-Proteste Wirkung? Oder sind es die weltweiten Wetterkapriolen, die dazu führen, dass die Bundesbürger derzeit in großer Schar ihre konventionellen Stromverträge kündigen und zu grünen Tarifen wechseln? Schwer zu sagen – aber klar ist auf jeden Fall: Ökostrom ist bei den Verbrauchern derzeit so begehrt wie seit der Atomkatastrophe von Fukushima nicht mehr. Das Vermittlungsportal Verivox meldet, dass die Nachfrage nach solchen Verträgen in den letzten Monaten enorm gestiegen ist.

Insgesamt 58 Prozent der Nutzer des Portals entschieden sich im Juni 2019 für einen grünen Tarif. Ein Jahr zuvor waren es nur 33 Prozent. »Verbraucher greifen vermehrt zu Ökostrom, wenn sie sich durch externe Ereignisse individuell betroffen fühlen. Das konnten wir nach dem Super-GAU in Japan beobachten. Und auch heute wieder, wo die Erderwärmung durch Greta Thunberg stärker ins Zentrum des gesellschaftlichen Diskurses gerückt ist«, zitiert die Pressemitteilung von Verivox dessen Energieexperten Valerian Vogel.

Dabei müssen die Kunden für den grünen Strom meist kaum mehr zahlen: Der Bundesnetzagentur zufolge kostete die Kilowattstunde Ökostrom für Haushalte Ende 2018 im Durchschnitt 29,2 Cent. Konventionelle Tarife sind nur 0,4 Cent günstiger. In der Grundversorgung – also dann, wenn ein Kunde noch nie seinen Stromanbieter gewechselt hat – sind dagegen gar 31,5 Cent fällig. Wenn Haushalte aus diesem Tarif zu einem Ökostromangebot wechseln, können sie pro Jahr rund 50 bis 100 Euro sparen. Dabei haben die Kunden große Auswahl: Das Umweltbundesamt (UBA) zählte 2017 insgesamt 1157 Ökostromtarife in Deutschland, 350 mehr als 2013. Allerdings ist in den Regionen immer nur ein Teil der Tarife verfügbar, da nicht alle Anbieter bundesweit tätig sind.

Kohlestrom wird zu Ökostrom

Wenn man etwas für den Klimaschutz tun will, sollte man jedoch genau hinschauen, wer den Ökostrom liefert und woher die Energie kommt. »Viele Ökostromtarife gehören konventionellen Versorgern, die auch ›Graustrom‹-Tarife mit Kohle- und Atomstrom im Angebot haben«, erklärt Thomas Engelke, Leiter des Teams Energie und Bauen des Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Anders als reine Ökostromanbieter sind solche Unternehmen also Teil der fossilen Energiewirtschaft. »Wechselwillige Verbraucher müssen für sich entscheiden, ob sie einen solchen Versorger wollen – oder ob sie nicht lieber zu einem reinen Grünstromanbieter gehen«, so Engelke.

Noch viel wichtiger für Energiewende und Klimaschutz ist allerdings die Frage, wo und wie die Energie produziert wird. In der Regel verkaufen die Versorger ihren Ökokunden Strom mit so genanntem Herkunftsnachweis. Diese Nachweise erwerben sie bei Betreibern von Erneuerbare-Energien-Anlagen, meist Wasserkraftwerken in Skandinavien oder den Alpen. Damit dürfen die Versorger Energie, die sie als Graustrom an der Börse einkaufen oder selbst in Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerken produzieren, als grün deklarieren. Register stellen sicher, dass jeder Nachweis nur einmal verwendet wird.

»Viele Ökostromtarife gehören konventionellen Versorgern, die auch ›Graustrom‹-Tarife mit Kohle- und Atomstrom im Angebot haben«(Thomas Engelke)

Mit einem Anteil von 47 Prozent kam das Gros der Nachweise 2017 – neuere Zahlen liegen nicht vor – aus Norwegen. Auf Deutschland entfielen nur 14 Prozent. Warum so wenig, wo hier zu Lande doch so viel grüner Strom produziert wird? Weil die Betreiber von Windrädern, Solarsystemen, Bioenergieanlagen und Wasserkraftwerken, die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert werden, ihre Energie nicht als Ökostrom verkaufen dürfen. Klingt widersinnig, hat aber seinen Grund: Der Bund will damit verhindern, dass sie den Strom doppelt vermarkten – schließlich erhalten die Eigentümer über das EEG bereits eine Vergütung, die einen wirtschaftlichen Betrieb der Anlagen ermöglicht. Das betrifft nahezu alle Erneuerbare-Energien-Anlagen, die in den letzten 20 Jahren errichtet wurden. Die hier zu Lande ausgestellten Herkunftsnachweise stammen daher fast ausschließlich aus alten Wasserkraftwerken, die keine EEG-Förderung erhalten.

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Covering Climate Now | »Spektrum der Wissenschaft« beteiligt sich wie rund 200 andere Zeitungen, Nachrichtenmagazine und Onlineportale an der globalen Aktion »Covering Climate Now«, um in der Woche vor dem Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York (21. bis 23. September) verstärkt über Klimaschutz und Klimawandel zu berichten.

Engelke sieht dieses System kritisch. »Mit den Herkunftsnachweisen wird das Ziel von deutlich mehr Ökostrom und weniger Kohlestrom verfehlt«, sagt der Verbraucherschützer. Es entfalte erst dann seine Wirkung, wenn die Nachweise aus norwegischer oder österreichischer Wasserkraft einmal knapp werden. »Dann würde die weitere Nachfrage einen Anreiz zum Bau von Erneuerbare-Energien-Anlagen setzen«, erklärt Engelke. Damit dieser Mechanismus greift, muss die Zahl der Ökostromkunden allerdings deutlich steigen. Denn es gibt europaweit derzeit noch sehr große Mengen an Strom aus erneuerbaren Quellen, für die bislang keine Nachweise ausgestellt werden. »Damit könnte eine gut 30-prozentige Nachfragesteigerung ohne weiteren Zubau von Erzeugungsanlagen gedeckt werden«, heißt es in einer Studie des Umweltbundesamts vom August 2019.

Auf Labels achten

Die Herkunftsnachweise bringen also bislang rein gar nichts für den Klimaschutz. Sind Grünstromtarife damit eine Mogelpackung? So pauschal kann man das nicht sagen, meint Boris Demrovski, Kampagnenleiter der gemeinnützigen Beratungsgesellschaft co2online: »Eine Reihe von Anbietern garantiert nämlich, dass pro verkaufte Kilowattstunde Ökostrom eine gewisse Summe in den Bau von Neuanlagen fließt. Deren Kunden helfen mit, den Anteil der erneuerbaren Energien im Strommix zu erhöhen und Kohlestrom zu verdrängen.«

Wer sich nicht durch das Kleingedruckte der Versorger arbeiten will, um zu erkennen, ob ein Unternehmen den Ausbau der erneuerbaren Energien fördert, kann sich an den beiden Gütesiegeln »ok power« und »Grüner Strom Label« orientieren. Sie zeichnen anhand definierter Kriterien Unternehmen aus, die aktiv zur Energiewende beitragen. Ok power wird vom Öko-Institut und dem HIR Hamburg Institut Research getragen, das Grüner Strom Label von mehreren Umweltschutzorganisationen. »Die beiden Labels sind absolut vertrauenswürdig«, erklärt Demrovski.

So wirkungslos die Herkunftsnachweise allein für den Klimaschutz derzeit sind, so sehr dürften sie demnächst an Bedeutung gewinnen: Mit ihrer Hilfe können Versorger künftig alte Windräder vor dem Aus retten. Anfang 2021 läuft nämlich für Anlagen mit einer Leistung von zusammen fast vier Gigawatt die EEG-Förderung aus. Bis 2025 betrifft das gar Windräder mit einer Leistung von zusammen 16 Gigawatt. Die Betreiber brauchen dann neue Geschäftsmodelle, mit denen sie Erlöse erzielen können, die höher liegen als die Betriebskosten, also die Ausgaben etwa für Genehmigungen, Wartung, Pacht und Versicherungen. Eine Option ist, die Windenergie an Ökostromversorger zu verkaufen. Mit Herkunftsnachweisen können sie belegen, dass die Energie tatsächlich aus den Altanlagen stammt. »Das Modell trägt zwar nicht zum Ausbau der erneuerbaren Energien bei, vermindert aber den Abriss bestehender Anlagen«, sagt Thomas Engelke vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Oliver Hummel, Vorstand des Versorgers Naturstrom, sieht hier gar eine Zäsur auf dem Ökostrommarkt: »Bislang finden die Ökostromerzeugung in Deutschland und die Energiebeschaffung für Ökostromtarife in Parallelwelten statt. Das wird sich ab 2021 ändern, wenn mit Auslaufen der 20-jährigen EEG-Förderung Windstrom für die Belieferung von Endverbrauchern zur Verfügung steht.« Naturstrom hat, ebenso wie die Konkurrenten Greenpeace Energy und Lichtblick, bereits erste Direktabnahmeverträge mit Betreibern alter Windparks geschlossen.

Strom aus der Region

Seit Anfang 2019 haben Verbraucher zudem die Möglichkeit, gezielt Ökostrom zu beziehen, der in ihrer Region erzeugt wurde. Die Voraussetzung dafür hat das Umweltbundesamt mit der Einrichtung eines Regionalnachweisregisters geschaffen. Die Versorger erwerben bei den Produzenten zusammen mit dem Strom Nachweise, mit denen sie die Herkunft der Energie aus der Region – definiert als Umkreis von 50 Kilometern um das Postleitzahlengebiet des Kunden – belegen können. Allerdings dürfen die Versorger ihre Angebote nicht als Ökostromtarif verkaufen. Grund dafür ist das Doppelvermarktungsverbot von Strom aus Anlagen, die nach dem EEG gefördert werden. Die Regionaltarife tragen daher Namen wie »Unser Landstrom« oder »Strom von hier«. Diese Praxis ist alles andere als verbraucherfreundlich, kritisieren Ökostromversorger. Sie fordern deshalb von der Politik einfachere, transparentere Regeln für die Stromkennzeichnung.

Noch einen Schritt weiter gehen neue Geschäftsmodelle, bei denen die Verbraucher ihren Strom direkt bei Erzeugern einkaufen, ohne dass ein Versorger involviert ist. Möglich machen das Unternehmen wie Enyway oder Lumenaza, die Plattformen für den Handel bereitstellen und den Produzenten regulatorische und administrative Aufgaben abnehmen. Kunden können sich damit einen Lieferanten aussuchen – etwa den Handwerksbetrieb um die Ecke mit einer großen Fotovoltaikanlage auf dem Dach oder eine Energiegenossenschaft, die vor Ort einen Windpark betreibt. Wenn die Erneuerbare-Energien-Anlagen nicht liefern können, springen die Dienstleister ein, indem sie Ökostrom andernorts zukaufen. So ist jederzeit eine sichere Versorgung gewährleistet.

Solche Regional- und Direktbezugskonzepte sind bislang allerdings nur ein Nischenthema im Markt, die Zahl der Angebote wie der Kunden ist noch sehr überschaubar. Das gilt auch für das so genannte Mieterstrommodell, bei dem Wohnungsbaugesellschaften in Kooperation mit Energiedienstleistern auf den Dächern ihrer Häuser Fotovoltaikanlagen oder auch ein Mini-Blockheizkraftwerk im Keller installieren und den Strom an die Mieter verkaufen.

Dieses Modell könnte dafür sorgen, dass in den Städten deutlich mehr Solarstrom produziert wird. Könnte – denn für die Wohnungsbaugesellschaften ist das Geschäft derzeit alles andere als attraktiv, sagt Energieexperte Demrovski. »Die rechtlichen Anforderungen sind viel zu kompliziert für die Vermieter«, erklärt er. Zudem sei die Förderung nicht ausreichend. Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind bis zum Juli 2019 Mieterstromanlagen mit einer Leistung von insgesamt gerade einmal 15 Megawatt angemeldet worden. Das entspricht vier Windrädern an Land. Die Bundesregierung hat erkannt, dass sie hier handeln muss: Sie will das Mieterstromgesetz in diesem Herbst nachbessern.

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