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Klimawandel: Steigender Meeresspiegel erzeugt Geisterwälder

Noch steigt der Meeresspiegel weitgehend unsichtbar. Doch in Nordamerika erzeugt er nun eine charakteristische Landschaftsform: Geisterwälder entstanden nach der letzten Eiszeit - nun kommen sie wieder.
Geisterwald auf Cockspur Island in Georgia. Gebleichte Bäume, getötet vom Salzwasser um ihre Wurzeln.Laden...

Ausgedehnte Geisterwälder aus den gebleichten Stämmen toter Bäume, abgestorben durch herandrängendes Salzwasser des steigenden Ozeans, breiten sich überraschend schnell an der Ostküste Nordamerikas aus. Das berichtet jedenfalls eine Arbeitsgruppe um die Doktorandin Emily Ury von der Duke University anhand von Satellitendaten eines Naturschutzgebietes. Wie das Team in der Zeitschrift »Ecological Applications« berichtet, seien seit 1984 etwa elf Prozent des Waldes im tief liegenden Alligator-River-Naturschutzgebiet im US-Bundesstaat North Carolina durch den steigenden Atlantik in die eigentümliche Landschaftsform Geisterwald verwandelt worden.

Geisterwälder sind der Übergangszustand zwischen einem Wald und der salztoleranten Vegetation einer tief liegenden Küstenmarsch. Damit sind sie quasi die natürliche Landschaftsform bei steigendem Meeresspiegel: seit dem Ende der Eiszeit entstanden an den Küsten des Atlantiks immer wieder Geisterwälder. Ihre überfluteten Überreste findet man unter anderem auch rund um die Nordsee, am Rand des versunkenen Doggerlandes. Die bekanntesten Geisterwälder allerdings sind jene an der Nordwestküste Nordamerikas, die nach dem letzten schweren Erdbeben der Cascadia-Subduktionszone entstanden, als im Jahr 1700 ein Erdbeben der Magnitude 9,0 die Küstenregion um bis zu zwei Meter absinken ließ.

Ausmaß und Geschwindigkeit des Baumsterbens entlang der gesamten US-Ostküste lassen Fachleute nun aufhorchen – mit ihm kommt eines der sichtbarsten Zeichen des Landverlustes ans Meer zurück. Neben dem steigenden Meeresspiegel tragen auch andere Faktoren zum Waldverlust bei, und nicht alle haben mit dem Klimawandel zu tun, wie die Arbeitsgruppe um Ury schreibt. Große Teile der einst landwirtschaftlich genutzten Küstengebiete sind von alten Drainagegräben durchzogen. Diese lassen nicht nur Süßwasser aus dem Boden abfließen, sondern erleichtern das Vordringen des Meerwassers ins Hinterland.

Daneben beförderten Extremereignisse den Waldverlust in dem Naturschutzgebiet. Wie das Team berichtet, entstanden knapp 5000 Hektar neuer Geisterwald im Jahr 2012 – nachdem 2011 nicht nur eine Rekorddürre und Waldbrände, sondern auch die Sturmflut eines großen Wirbelsturms die Küste trafen. Nun überlegen Fachleute, ob es weiterhin sinnvoll ist, das Naturschutzgebiet sich selbst zu überlassen – oder ob sie die Entstehung der Salzmarschen aktiv fördern sollen, um die Küste besser zu schützen.

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