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News: Lesen muß jeder

Von einer direkten Konkurrenz zwischen den klassischen Printmedien und den neuen Medien kann keine Rede sein. Vielmehr setzen die neuen Nutzungsvarianten des Computermediums die traditionelle Lesekompetenz als Grundlagenfähigkeit voraus. Das klassische Lesen gilt gerade im Zusammenhang einer Mediengesellschaft als Schlüsselkompetenz, die erst die Voraussetzung für eine aktive Teilnahme an der Mediengesellschaft schafft. Diese Konsequenz ziehen Professor Dr. Norbert Groeben vom Psychologischen Institut der Universität zu Köln und Dr. Ursula Christmann von der Universität Heidelberg.
Im 20. Jahrhundert entstanden zunehmend neue Medien. Dabei wurden Rundfunk und Film, später Fernsehen und Computer zunächst als eine Art Todfeind des Printmediums empfunden. Unterstützt durch das Anwachsen der Freizeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Lesen von Büchern jedoch seinen Stellenwert lange Zeit halten können.

In den letzten 20 Jahren ist die Buchlektüre durch das Stagnieren des Freizeitumfangs und die rasante Entwicklung im Bereich Bildschirmmedien deutlich zurückgegangen. Laut Professor Groeben und Dr. Christmann schließen sich das Lesen von Büchern und die Nutzung von Bildschirmmedien aber gerade nicht gegenseitig aus, denn auch heute gibt es neben den Intensivnutzern neuer Medien auch Intensivnutzer von Büchern etc. Vielleser sind zumeist auch diejenigen, die andere Medien ebenfalls häufig nutzen. Allerdings gilt das Gleiche nicht umgekehrt. Denn für Vielseher – Fernsehen, Video und Computer – ist in der Tat ein durchschnittliches Absinken der Leseintensität festzustellen.

Entscheidend ist dafür die Unterhaltungsmotivation, die nicht selten zu einer Vorliebe für das einfacher aufnehmbare audiovisuelle Medium führt. Außerdem ist die Art der Mediennutzung vor allem von der sozialen Schicht abhängig, und hier insbesondere von der Bildung des Umfelds, die sich schon frühzeitig über das Leseverhalten in Familie und sozialen Bezugsgruppen auswirkt.

Das Lesen am Bildschirm bezieht sich auf andere Textstrukturen und erfordert damit auch veränderte Kompetenzen des Lesers als das Lesen von Druckwerken. Die klassische Buchlektüre, in der Abschnitt für Abschnitt von vorne nach hinten gelesen wird, ist beispielsweise im Internet durch eine Struktur ersetzt, welche eine Aufarbeitung von Information durch Anklicken entsprechender Verbindungen, sogenannter Links, ermöglicht. Hier wird nicht mehr ein Abschnitt nach dem anderen verarbeitet, sondern der Leser wählt aus einem Netzwerk von Informationseinheiten seinen eigenen Verarbeitungsweg aus.

In der Zukunft wird sich zeigen müssen, in welchem Ausmaß die für die Buchlektüre kennzeichnenden Lese- und Verarbeitungsprozesse für das Verständnis von Texten in den Bildschirmmedien verändert werden müssen. Dabei ist es weder sinnvoll, mit einer kulturpessimistischen Einstellung an der unveränderten Funktion alter Medien festhalten zu wollen, noch in einem unkritischen Kulturoptimismus alle neuen Formen des Lesens quasi von vornherein als Fortschritt zu sehen. Aussagen darüber, daß eine Textstruktur im Internet der menschlichen Gedächtnisstruktur besser entspricht und dadurch jegliches Lesen verbessert wird, sind nach Auffassung der Lesepsychologie unangebracht. Es kommt vielmehr darauf an, eine optimale Integration von erhaltenswerten alten und dazugewinnenden neuen Formen des Lesens zu erreichen.

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