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Räuber-Beute-Beziehung

Massenstelldichein der Riffhaie

Haie stehen an der Spitze der Nahrungskette und sind deshalb eher selten. An einem kleinen Südsee-Atoll ist aber genau das Gegenteil der Fall.
Graue Riffhaie am Fakarava-Atoll in Französisch-Polynesien

Seit 2006 werden Haie rund um die Atolle Französisch-Polynesiens verstärkt geschützt; die Südseeinseln weisen daher einige der gesündesten Haipopulationen weltweit auf. Die strengen Gesetze sind jedoch nicht der Grund für eine einzigartige Ansammlung an Grauen Riffhaien (Carcharhinus amblyrhynchos) rund um die Fakarava-Inselgruppe: Bis zu 700 Exemplare versammeln sich hier jeden Winter in einem nur 100 Meter breiten und 30 Meter tiefen Meereskanal zwischen den Eilanden – die weltgrößte Ansammlung dieser Raubfische, die Forscher bislang kennen. Zum Sommer hin nimmt ihre Zahl dann zwar auf 250 Tiere ab, doch übersteigt ihre Menge immer noch die eigentliche Kapazität des lokalen Ökosystems. Dazu kommen Individuen von vier weiteren Haiarten, so dass insgesamt bis zu 900 der Raubfische gleichzeitig vor Ort sein können. Die Haie stellen damit die örtliche Nahrungspyramide auf den Kopf, so Johann Mourier von der Macquarie University in Sydney und seinem Team, denn die normalerweise hier vorhandenen anderen Fische reichen als Beute nicht aus.

Graue Riffhaie streiten sich um Zackenbarsche
Graue Riffhaie bei der Fressorgie | Die auf den Kopf gestellte Nahrungspyramide im Atoll ist nur möglich, weil alljährlich Massen an Zackenbarschen zum Laichen einwandern.

Dennoch wandern die Haie über Wochen und Monate nicht zur Jagd aus dem Kanal ab, wie die Biologen mit Hilfe von kleinen Sendern herausgefunden haben. Die 13 damit ausgestatteten Haie waren meist wenig mobil – stattdessen warteten sie darauf, dass die Beute zu ihnen schwamm. Und das geschieht tatsächlich alljährlich im Winter der Südhalbkugel, wenn tausende Zackenbarsche in den Kanal schwimmen, um dort zu laichen. Arten wie Epinephelus polyphekadion suchen dann im Juni und Juli aus einem Umkreis von 50 Kilometern und mehr den Bereich auf, um sich zu paaren und Eier abzulegen. Die normale Fischbiomasse liegt während der überwiegenden Zeit des Jahres bei etwa 17 Tonnen und befriedigt damit die Futterbedürfnisse der Haie nicht, nun steigt sie auf mehr als 30 Tonnen an. Zu dieser Zeit ist es dann deutlich mehr, als die Haie fressen können.

Trotz der Verluste lohnt sich das Massenablaichen der Zackenbarsche im sonst vom offenen Meer geschützten Bereich also offenkundig. Da die Zackenbarsche zudem selbst räuberisch leben, verschärft sich übrigens die Umkehrung der Nahrungspyramide noch – sie wird an der formalen Spitze quasi noch breiter. Allerdings sind die Rifffische primär mit der Fortpflanzung und nicht mit dem Fressen beschäftigt. Ursprünglich wurde Mouriers Team vom Massenlaichen der Zackenbarsche angelockt; erst vor Ort bemerkten sie, was damit noch alles zusammenhängt.

Die hohe Konzentration an Haien und Zackenbarschen beruht aber auf einer heiklen Balance. Vielerorts wurden Massenversammlungen von Fischen kommerziell ausgebeutet und so das Ökosystem mindestens geschädigt oder sogar gestört. Kämen die Bewohner Französisch-Polynesiens also auf die Idee die Zackenbarsche zu fangen, würde dies auch die Haie treffen. Die Biologen empfehlen stattdessen langfristig einen nachhaltigen Tauchtourismus aufzubauen, um das Schauspiel zu erhalten.

31/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31/2016

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