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Ökosystem und Kultur: Mensch und Muschel formten die Pazifikküste

Die Pazifikküste war nach der Eiszeit bald auch eine Kulturlandschaft, berichten Archäologen: Muscheln machten ihre Züchter satt - und veränderten über Jahrhunderttausende die Küstenlinie.
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Küstenlandschaften und ihre Ökosysteme verändern sich weltweit, und die Ursache ist beileibe nicht nur der Klimawandel: Auch andere menschengemachte Eingriffe und Unterlassungen spielen eine wesentliche Rolle. Ein anschauliches Beispiel für die Auswirkungen des Zusammenspiels von Mensch, Kultur und Natur aus dem pazifischen Nordwesten Amerikas liefert ein Forscherteam um Ginevra Toniello von der Simon Fraser University in Kanada. Die Wissenschaftler haben sich angesehen, wie von Menschen angelegte Venusmuschelkulturen die Küsten sowie die Weichtierökologie vor Ort über gut 10 000 Jahre hinweg verändert haben. Ihre in »PNAS« veröffentlichte Studie macht deutlich, wie essbare Muscheln über viele Jahrhunderte gezüchtet wurden und gemeinsam mit den Muschelzüchtern und ihren Siedlungen gut gedeihen konnten. Erkennbar ist aber auch, wie die Zucht mit der Ankunft der Europäer in Nordamerika zusammenbrach – und welche Auswirkungen das schließlich schon vor der Moderne auf die Landschaft der Pazifikküste hatte.

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Venusmuscheln einst und heute | An der kanadischen Pazifikküste leben seit der Eiszeit Venusmuscheln wie Saxidomus gigantea. Im Durchschnitt waren sie zunächst – vor 11 500 bis vor 11 000 Jahren – deutlich kleiner als heute (links). In den Jahrtausenden danach gediehen sie vor allem wegen ökologischer Veränderungen besser und wurden immer größer (rechts eine typische Schale aus der Zeit von vor 10 900 bis vor 9500 Jahren). Noch später nahm sich der Mensch der Muschelzucht an und verbesserte die Lebensbedingungen der Weichtiere weiter.

Die Wissenschaftler sammelten für ihre Studie die Schalen verschiedener in der Salish Sea vor dem kanadischen Bundesstaat British Columbia heimischer Muschelarten. Seit der Eiszeit leben hier unter anderem essbare Venusmuscheln wie Saxidomus gigantea, die die über die Seeroute nach Amerika vordringenden Menschen sicher schon auf ihren Speiseplan gesetzt hatten. Vor 11 500 Jahren waren dann Siedler permanent an der Küste heimisch. Im gleichen Zeitraum vor rund 10 900 bis vor 9500 Jahren begannen sich die Muscheln zu verändern, wie die Auswertung der kanadischen Forscher zeigt: Während die älteren Schalen eher klein waren – sie erreichten im Durchschnitt nur vier Fünftel der heutigen Größe –, wurden sie nun im Lauf der Zeit immer größer. Das lag vor allem daran, dass die zu Ende gehende Eiszeit mit den zurückweichenden Gletschern den Weichtieren ein geeigneteres Habitat mit felsigen, flachen Buchten bescherte.

Dann, vor rund 9000 Jahren, nahmen Menschen sich der Muschelzucht an und perfektionierten sie über die folgenden Jahrtausende. Dies belegt unter anderem ein von dem Forscherteam dokumentierter wohlorganisierter, rund 5500 Jahre alter Muschelaufzuchtgarten: eine durch terrassierte Wälle vor Räubern geschützte künstliche Lagune, in der Plankton als Muschelnahrung gut gedeihen konnte und wo die Weichtiere im warmen Flachwasser schnell heranwuchsen. Derartige Aquakultur-Infrastruktur verfiel dann allerdings, als die amerikanischen Ureinwohner durch europäische Zuwanderer mehr und mehr verdrängt wurden.

Heute verändern sich die Küsten und die Muscheln weiter, schreiben die Autoren: Zunehmend warmes Meerwasser und die von der Holzindustrie mit Nährstoffen und Schwebeteilchen angereicherten Abwässer aus dem Binnenland sorgen für Algenwuchs, und ein größerer Zustrom von Sediment lässt viele der felsigen, für Muscheln notwendigen Böden immer mehr versanden. Darum schrumpft die Muschelpopulation vor Ort allmählich.

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