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Verhaltensbiologie: Mit List und Tücke

Auch weibliche Braunbären halten es mit der Treue nicht so genau: Sie paaren sich mit vielen Partnern. Doch steckt dahinter nicht einfach Lust, sondern eine ausgeklügelte Strategie zum Schutz des zukünftigen Nachwuchses.
Der Drang, sich fortzupflanzen, hat wenig mit Lust und viel mit Populationsbiologie zu tun. Denn jedes Individuum möchte seine Erbinformation in die nächste Generation hinüberretten und wählt oftmals drastisch anmutende Wege, um sich Vorteile zu verschaffen. So auch männliche Braunbären: Sie haben während der Paarungszeit von Mai bis Juli haben männliche Braunbären vor allem das Ziel, möglichst viele Weibchen zu befruchten.

Ein Hindernis dabei sind aber jene Weibchen, die auf Grund bereits vorhandener Jungen noch nicht wieder paarungsbereit sind. Die Braunbären-Männchen haben dagegen ein einfaches wie radikales Mittel entwickelt: Die Nachkommen, so sie denn von einem anderen männlichen Bären abstammen, werden kurzerhand getötet und so die Mutter wieder empfängnisbereit gemacht.

Aus dieser instinktiven Vorgehensweise ergeben sich für den individuellen Braunbären gleich zwei Vorteile: Zum einen werden jene Jungbären eliminiert, die Gene eines anderen Vaters weitervererben würden; zum anderen kann das nun empfängnisbereite Weibchen mit den eigenen Erbanlagen befruchtet werden.

Für das weibliche Muttertier hat die Tötung des eigenen Wurfes aber einen bedeutenden Nachteil: Eine Generation mit ihren Erbanlagen geht verloren. Doch wie ein Team der Universität für Bodenkultur in Wien nun feststellte, haben die Bärenweibchen in Populationen, in denen diese Tötungen des Nachwuchses gehäuft auftraten, eine Gegenstrategie entwickelt.

"Dann glauben später alle, sie seien der Vater, und lassen den Wurf in Ruhe"
(Andreas Zedrosser)
Der Clou: Promiskuität. "Normalerweise paart sich ein Braunbärenweibchen nur mit einem Männchen. Das führt aber auch dazu, dass zahlreiche andere Männchen der Bärenpopulation den folgenden Nachwuchs nicht als eigenen ansehen und eventuell umbringen", erklärt Projektleiter Andreas Zedrosser. "Anders ist es, wenn die Braunbärin mit vielen Männchen kopuliert – dann glauben später alle, sie seien der Vater, und lassen den Wurf in Ruhe. Tatsächlich haben 54 Prozent der während des Projekts beobachteten Bärenmütter diese Strategie angewendet."

Betäubte Braunbärenfamilie | Eine kurzfristig betäubte Familie junger Braunbären mit drei Jährlingen: Zum Verhindern der Auskühlung während der kurzen Betäubungsphase wurden die vier Bären nahe zusammen gelegt.
Paart sich das Weibchen mit mehreren Männchen, ist keineswegs immer der erste Partner der biologische Vater. Vielmehr legt die Studie den Schluss nahe, dass Bärenweibchen die Möglichkeit haben, ihren Eisprung zu kontrollieren, und sich erst nach der Befruchtung für die Spermien eines bestimmten Partners entscheiden. Obwohl noch nicht geklärt ist, wie sie dies erreichen, zeigen die Daten, dass bei der Wahl des Vaters insbesondere zwei Kriterien eine wichtige Rolle spielen: die Körpergröße und der Grad an Mischerbigkeit – also die Vielfalt der Erbinformation. Letztere erlaubt eine größere genetische Vielfalt innerhalb des Wurfes und damit bessere Überlebenschancen für die gesamte Population.

Diese überraschenden Erkenntnisse über die fein aufeinander abgestimmten Fortpflanzungs-Strategien wurden möglich durch umfangreiche Beobachtung von europäischen Braunbären in Skandinavien. Um das Verhalten der Bären zu studieren, wurden zwischen den Jahren 1984 und 2003 erwachsene Braunbären sowie Weibchen mit ihren Jungen eingefangen und mit Radiotransmittern ausgestattet. Die nun im Rahmen des Projekts ausgewerteten Daten leisten einen wichtigen Beitrag zum bisher kaum erforschten Paarungsverhalten von europäischen Braunbären.

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