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World Ocean Conference: Nach mir die Sintflut

Es ist so groß wie die USA und beherbergt mehr Arten als das Mittelmeer. Doch seine Schönheit wird dem pazifischen Korallendreieck zum Verhängnis. Tauchtourismus und Fischerei rauben den Riffen die Widerstandskraft gegen den Klimawandel.
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Alona Beach auf der philippinischen Insel Panglao ist ein tropischer Traumstrand. Sanft wiegen sich Palmen in der leichten Brise. Entlang des Strands laden kleine Cafés und Restaurants mit bunten Sonnenschirmen zum Verweilen ein und Tauchschulen bieten Ausflüge zu den Riffen um Pangloa an, die zu den besten Revieren der Welt zählen.

Was wie eine Insel in einer Welt voller Krisen, Problemen und Umweltzerstörung wirkt, ist bei näherem Hinschauen so paradiesisch gar nicht. Kurt Biebelmann sitzt bei einem Becher Kaffee vor seiner Tauchschule am Strand und deutet in Richtung der weißen Auslegerboote, die sanft auf dem blauen Wasser des Pazifiks dümpeln. "Das sind die Boote der Tourunternehmen, die Delfin- und Walbeobachtungstouren anbieten. Die werfen ihre Anker, wo sie gerade wollen. Auch an den Korallenbänken."

Korallenvielfalt

Die Korallenzerstörung durch wildes Ankern ist ein ernstes Problem. Aber Überfischung, brutale Fischereimethoden mit Dynamit, Zyanid oder Schleppnetzen, die Verschmutzung des Wassers – sie stellen das Überleben des maritimen Ökosystems als Ganzes in Frage. Die Gewässer um Panglao sind Teil des Korallendreiecks, das den Pazifik zwischen Malaysia, den Philippinen, Osttimor, Papua Neuguinea, den Solomonen, Fidschi und Indonesien umfasst und flächenmäßig etwa halb so groß wie die USA ist. Das Gebiet beheimatet 30 Prozent aller Korallenriffe, 75 Prozent aller Riffe bauenden Korallen und 35 Prozent aller Rifffischspezies weltweit.

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Alona Beach | Alona Beach auf Panglao ist – gerade noch – ein tropisches Urlaubsparadies.
Alleine in den Gewässern um Panglao ist die Artenvielfalt größer als im gesamten Mittelmeer. Insgesamt leben in den 15 000 Hektar umfassenden Gewässern rund um Panglao und ihrer Schwesterinsel Bohol 1200 Krustentierspezies und mehr als 6000 Muschelarten. Im Rahmen des Panglao Marine Biodiversity Project haben Experten aus 19 Ländern vor vier Jahren 250 neue Arten von Krustentieren und gar 2500 bisher unbekannte Muschelspezies entdeckt.

Dass die Riffe um Panglao dennoch weit gehend intakt sind, zieht jährlich mehr als 10 000 Tauchtouristen an. "Deren Manieren unter Wasser sind ein großes Problem", sagt Biebelmann. Sein Atlantis Dive Centre ist eine der 17 Tauchschulen am Alona Beach. Vor allem Hobbytaucher aus asiatischen Ländern wie Südkorea würden ruppig mit den Korallenriffen umgehen. "Die brechen Stücke als Souvenir ab oder stellen sich mit ihren teuren Unterwasserkameras auf Korallen, um die Fische besser fotografieren zu können."

Spuren des Klimawandels

Und noch aus einer anderen Richtung erwächst den Riffen um Panglao und dem Korallendreieck Gefahr: Der Klimawandel macht sich – wenn auch noch schleichend – bemerkbar. "Wir haben hier zwar noch keine Korallenbleiche", sagt Biebelmann, dessen Tauchschule eine der vielen deutschen Unternehmen in Alona Beach ist, "aber seit einigen Jahren stellen wir Wetterveränderungen fest."

Mehr über die Auswirkungen des Klimawandels auf das Korallendreieck weiß Ove Hoegh-Guldberg von der australischen University of Queensland. Der Experte für Riffe und ihre Ökosysteme hat auf der Weltozeankonferenz, die vom 11. bis 15. Mai 2009 in Manado auf der indonesischen Insel Sulawesi stattfand, eine Studie der Umweltorganisation WWF vorgestellt. Das ernüchternde Ergebnis: Wenn die Welt nicht entschiedene Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreift, werden die Korallenriffe im Korallendreieck bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein.

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Taucherparadies | Auf zum Tauchabenteuer: Die Tauchreviere um Panglao gehören zu den besten und artenreichsten der Welt.
Bislang hat das Korallendreieck negative Umwelteinflüsse und Klimawandel einigermaßen verkraftet und könnte zu retten sein. "Einige Regionen verzeichnen einen langsameren Anstieg der Meerestemperatur und des Säuregehalts", heißt es in der Studie. "Die hohe Biodiversität, in Kombination mit schnellen Wachstums- und Erholungsraten, versetzt viele Ökosysteme des Korallendreiecks in die Lage, den Klimawandel überleben zu können."

Das eigene Immunsystem des Korallendreiecks funktioniert jedoch auf Dauer nur, wenn radikale Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden. In Übereinstimmung mit dem Bericht des UN-Klimarats, demzufolge spätestens 2020 der Anstieg der Kohlendioxidemissionen als Hauptursache des Klimawandels gestoppt und umgekehrt sein muss, betont Hoegh-Guldberg, dass die "Stabilisierung der CO2-Emissionen auf oder unter 450 Teile Kohlendioxid pro Million Teile Atmosphäre für das Überleben des Korallendreiecks absolut essentiell" sei.

Auf der Weltozeankonferenz beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Coral Triangle Initiative (CTI) – einem Zusammenschluss aus Philippinen und anderen Anrainerstaaten – nun in ihrer "Deklaration von Manado", dass auf der im Dezember 2009 stattfindenden internationalen Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Kopenhagen ein konkreter Fahrplan zum Schutz des Korallendreiecks auf der Agenda stehen muss. Umweltorganisationen wie der WWF sehen diesen Beschluss mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lida Pet-Soede, Chefin des Korallendreieckprogramms des WWF, sagt: "Das ist rechtlich nicht bindend, bildet aber eine gute Ausgangsplattform."

Gedankenloses Handeln

Dass sich die Regierungen in Kopenhagen wirklich auf verbindliche Maßnahmen einigen werden erscheint allerdings fraglich. Zu groß ist das Wirrwarr zwischen den Interessen der Industrienationen sowie der Schwellen- und Entwicklungsländer. Die globale Wirtschaftskrise verstärkt zudem die Tendenz, der heimischen Wirtschaft gegenüber dem langfristigen, nachhaltigen Schutz ihrer Lebensgrundlagen den Vorzug zu geben.

Besonders die asiatisch-pazifischen Anrainerstaaten des Korallendreiecks dürften unter dieser "Nach-mir-die-Sintflut"-Haltung bitter zu leiden haben. "Mehrere zehn Millionen Menschen werden durch den Verlust ihrer Häuser, ihrer Ernährungsgrundlagen und ihres Einkommens aus den ländlichen Küstenregionen abwandern und so Druck ausüben auf die regionalen asiatischen Städte sowie auf die der benachbarten Länder wie Australien oder Neuseeland."

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Auslegerboote | Hübsch sind sie, die weißen Auslegerboote, auf denen Urlauber zu Touren zur Beobachtung von Walen und Delfinen unternehmen können. Doch ihre Besitzer werfen die Anker sogar in Korallenbänke.
Kommerz und Umweltschutz prallen auch in Panglao aufeinander – manche Tauchschulbetreiber sind wahrlich keine Umweltengel. "Besonders bei den von Einheimischen geführten Betrieben fehlt jeder Sinn für Nachhaltigkeit. Sie wollen den schnellen Profit. Das geht auf Kosten der Umwelt und oft auch gegen die Sicherheit der Kunden", klagt Holger Horn, Eigentümer der Tauchschule Bohol Fundivers.

Aber auch manch einer der "Expats", der ausländischen Unternehmer, sei nicht viel besser, so Horn, der Einheiten der philippinischen Küstenwache zu Meeresschützern ausbildet. "Die sagen sich, ich bin vielleicht maximal zehn Jahre hier und in der Zeit will ich so viel wie möglich herausholen." Horn fehlt das Verständnis dafür. Wenn schon nicht der Umwelt zuliebe, dann müssten sie doch wenigstens aus reinem Geschäftsinteresse am Erhalt der Riffe interessiert sein. "Ohne die Riffe gäbe es hier keinen Tourismus."

Schwieriger Meeresschutz

Dabei stehen die Philippinen eigentlich nicht schlecht da mit ihrer Umweltpolitik. Zumindest auf dem Papier gibt es gute Gesetze, wie auch in den anderen CTI-Staaten. Nur an deren Umsetzung und Durchsetzung hapert es. Mal ist kein Geld für Projekte da. Mal ist es da, aber die Bürokratie verzögert die Auszahlung. Ein weiteres Problem ist die Korruption. Meeresschutz berührt natürlich die Interessen der kommerziellen Großfischerei oder eben von Tourismusunternehmen. Da werden Politikern und Ordnungshütern oft ansehnliche Summen unterm Tisch zugesteckt, um Gesetze zu boykottieren oder zu umgehen.

Und Kompetenzgerangel ist auch nicht eben förderlich. In den Philippinen sind alleine 13 Ministerien für Wasser zuständig. Auch in Panglao steht man sich selbst im Weg. "Wir haben seit vier, fünf Jahren eine Reihe von maritimen Schutzzonen. Zuständig sind die drei Verwaltungseinheiten hier auf Panglao und die können sich bisher nicht auf gemeinsame Standards und Regeln einigen", sagt Horn.
21. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21. Woche 2009

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