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Das aktuelle Stichwort: Nukleardatenbank

Die Menschheit spielt gerne mit dem Feuer, und auch deshalb lagern in den Arsenalen der offiziellen und inoffiziellen Atommächte Kernwaffen, die den Planeten mehrfach vernichten könnten. Nur eine davon in den Händen skrupelloser Terroristen, die Folgen wären nicht auszudenken. Eine internationale Probensammlung soll zumindest im Nachhinein die Herkunft des Sprengsatzes verraten.
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Seit dem Atombombentest in Nordkorea (der mittlerweile durch radioaktive Spurenelemente in der Luft endgültig nachgewiesen wurde) greift die Angst vor dem Einsatz nuklearer Waffen wieder verstärkt um sich. Die Gefahr geht aber nicht nur von wenig kalkulierbaren Staaten wie Nordkorea oder Iran aus – sofern dieser eines Tages tatsächlich den Schritt von der Anreicherung zum fertigen Sprengkopf schaffen sollte.

Vielmehr befürchten Sicherheitsexperten und Politiker die unkontrollierte Weitergabe von spaltbarem Material oder funktionsfähigen Bomben an Terroristengruppen wie Al-Qaida. Sei es aus ideologischer Verbundenheit wie im Falle des pakistanischen Atomforschers Abdul Qadeer Khan, der den Traum von der islamischen Bombe befeuern wollte und die nötige Technologie mindestens an Drittstaaten übermittelte, oder sei es durch Diebstahl aus einem schlecht gesicherten Depot in Russland oder Pakistan: Atombomben in den Händen von Terroristen oder gar ein entsprechender Anschlag würden die Welt ins Chaos stürzen.

Raymond Jeanloz von der Universität von Kalifornien in Berkeley und seine Kollegen Jay Davis sowie Michael May fordern deshalb die Einrichtung einer offiziellen und vor allem umfassenden Datenbank nuklearen Spaltmaterials – quasi eine Art Bibliothek der Atomwaffenindustrie. In ihr ließe sich dann im Fall der Fälle nachschlagen, aus welchen Quellen die Bombe stammen könnte, um zumindest mögliche zweite Anschläge zu verhindern. Derartige Sammlungen bestehen bereits heute, unter anderem am Institut für Transurane (ITU) in Karlsruhe oder bei der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien, doch sind sie nur mangelhaft ausgestattet und keineswegs reaktionsschnell.

Die geforderte transparente und vor allem international anerkannte Datenbank – etwa unter der Obhut der IAEA oder der Vereinten Nationen – dürfte derartigen Mangel nicht aufweisen. Gewünscht wäre ein Depot, in dem die chemischen wie physikalischen Kennzeichen von Plutonium- und hoch angereicherten Uranproben sowie daraus erstelltem waffenfähigen Material gelagert wären. Zudem sollte es über die technischen Voraussetzungen verfügen, in kürzester Zeit eingehende Proben handzuhaben, zu analysieren, abzugleichen und schließlich zuzuordnen. International anerkannte Techniken dafür entwickeln und verwenden heute immerhin schon die Wissenschaftler am ITU im Rahmen einer Arbeitsgruppe, die sich mit der Prävention des Schmuggels spaltbaren Materials beschäftigt.

Schwieriger dürfte sich hingegen der Aufbau der physischen Probendokumentation gestalten. Anzunehmen ist, dass sich viele Staaten diesem Schritt zuerst verweigern, da sie militärische oder ökonomische Geheimnisse – etwa in Form patentierter Spezialverfahren – nicht preisgeben möchten. Je mehr Nationen jedoch liefern, desto stärker steigt der Druck auf verbleibende Geheimniskärmer, so das Kalkül der drei Forscher. Ob allein der zu befürchtende Ansehensverlust ausreicht, um Pariastaaten zu überzeugen, erscheint angesichts der gegenwärtigen politischen Kalamitäten mit Iran und Nordkorea allerdings zweifelhaft.

Jeanloz und seine Mitstreiter schlagen folglich weitreichende Kontrollmöglichkeiten vor Ort vor, wie sie schon heute bei verschiedenen Abrüstungsabkommen möglich sind. Die – unangekündigte – Inspektion von Waffenfabriken sieht beispielsweise die Internationale Chemiewaffen-Konvention vor und ist ebenso Bestandteil des jüngsten IAEA-Protokolls zur Überprüfung von kerntechnischen Anlagen, der jedoch nicht alle Unterzeichner zugestimmt haben. Druck zur Zusammenarbeit könnte weiterhin über Exportgenehmigungen für Nukleartechnologien ausgeübt werden: Staaten, die der Datenbank offen gegenüberstehen, könnten demnach die Lieferung von entsprechenden Gütern verweigern, wenn die Empfänger als Gegenleistung keine Prüfproben an die Sammlung überstellen.

Hürden türmen sich also viele auf, doch lohnt die Anstrengung einer internationalen Datenbank allemal, so die Autoren des Aufrufs. Ließen sich eines Tages die Spuren so genannter schmutziger Bomben – herkömmliche Sprengsätze gestreckt mit radioaktivem Material – oder echter Kernwaffen auf den Herkunftsort zurückverfolgen, so vermag dies allein schon die gewollte Weitergabe von Regierungen an Terrorgruppen zu be- und sogar verhindern: Müssten doch diese Staaten einen verheerenden Gegenschlag befürchten. Selbst die Gefahr von Diebstählen ließe sich auf diese Weise vielleicht verringern: Kein Staat möchte sich schließlich die Blöße geben, dass ausgerechnet aus seinen Beständen Atombomben entwendet wurden.
27.10.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27.10.2006

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