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Weltweite Seuchen: Pandemie-Warnstufen

Die Weltgesundheitsorganisation hat für die Schweinegrippe die höchste Alarmstufe für Pandemien ausgerufen. Grund zur Panik? Wir erklären Ihnen, was hinter diesen Warnstufen steckt.
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Mit dem Ausrufen der Pandemie-Alarmstufe 6 hat die Weltgesundheitsorganisation das ursprünglich in Mexiko aufgetauchte Schweinegrippevirus zur globalen Pandemie erklärt. Die sechs Stufen der WHO-Skala orientieren sich an der Häufigkeit der Übertragung von Mensch zu Mensch sowie der geografischen Verteilung des Virus.

In den Stufen eins und zwei sind potenzielle Pandemieviren bekannt, aber noch nicht auf den Menschen übergesprungen. Geschieht das, ist Stufe drei erreicht. Ende April erreichte die Schweinegrippe Stufe vier, gekennzeichnet durch regelmäßige Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus. Stufe fünf der Influenzapandemie ist erreicht, sobald sich der Erreger in mehreren Ländern etabliert hat, und Stufe sechs, sobald er auf mindestens zwei unterschiedlichen Kontinenten vorhanden ist und sich dort frei in der Bevölkerung ausbreitet.

Weltweit sind inzwischen mindestens 30 000 Fälle in 74 Ländern bekannt. Allerdings verhält sich die Schweinegrippe derzeit nicht, wie die Influenzaexperten der Weltgesundheitsorganisation erwarteten, als sie unter dem Eindruck einer drohenden Vogelgrippeepidemie im Jahr 2005 das sechsstufige Pandemiewarnsystem ausarbeiteten.

Trotz seiner globalen Verbreitung verhält sich der Erreger eher maßvoll und breitet sich geradezu gemächlich in der Bevölkerung aus. Laut Daten aus Mexiko ist die Reproduktionszahl des Erregers lediglich 1,4: Ein Infizierter gibt das Virus an durchschnittlich 1,4 andere Menschen weiter. Die Spanische Grippe von 1918 hatte eine Reproduktionszahl von etwa 3. Zusätzlich verlaufen die allermeisten Fälle der Schweinegrippe mild, 145 Todesopfer sind bislang zu verzeichnen. "Wimpy" nannte die "New York Times" den Erreger – ein Weichei. Die normale alljährliche Grippewelle tötet mehrere tausend Menschen pro Saison, allein in Deutschland.

Dieses Missverhältnis zwischen Warnstufe und tatsächlicher Gefährdung bereitet den Gesundheitsbehörden Kopfschmerzen, denn an die Pandemiewarnung sind weit reichende nationale und internationale Notfallpläne gekoppelt. Bereits bei Stufe vier sieht die WHO Reisebeschränkungen vor und empfiehlt, großflächig antivirale Medikamente einzusetzen sowie die Bevölkerung vor der Pandemie zu warnen. Grundlage dieser Empfehlung sind Szenarien, die zum Beispiel in Deutschland von etwa 100 000 zusätzlichen Todesfällen ausgehen.

Angesichts der bisherigen Harmlosigkeit der Schweinegrippe sind diese Maßnahmen jedoch deutlich überzogen. Die Weltgesundheitsorganisation bemüht sich deswegen nach Kräften, die Bedeutung der Pandemiewarnungen herunterzuspielen, ohne dabei die reale Gefahr zu verharmlosen – ein schwieriger Balanceakt, den man in Zukunft vermeiden will. Nach Angaben von Keiji Fukuda, dem obersten Grippeexperten der WHO, diskutiert die Organisation derzeit, bei zukünftigen Pandemiewarnungen zusätzliche Informationen über die Schwere der Erkrankungen herauszugeben.

Obwohl die Befürchtungen der Wissenschaftler bisher nicht eingetreten sind, gibt es noch keinen Grund zur Entwarnung. Denn nach wie vor besteht das Risiko, dass der Schweinegrippeerreger mutiert und zu einem wesentlich aggressiveren Virus wird. Derzeit konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Influenzaexperten auf die Südhalbkugel, wo mit dem Beginn des Südwinters nun die reguläre Grippesaison startet. Im letzten Jahr war dort ein Erreger des H1N1-Subtyps weit verbreitet, der gegen das Medikament Tamiflu resistent war.
25. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25. Woche 2009

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