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Coronavirus-Medikament: Remdesivir wirkt - aber was bedeutet das?

Das erste Medikament gegen Covid-19 scheint gefunden. Allerdings ist Remdesivir kein Wundermittel. Und es wird auf Monate hinaus nicht genug davon geben.
Hände halten ein Molekülmodell von Remdesivir.Laden...

Der bereits im Februar als aussichtsreichstes Medikament gegen Covid-19 gehandelte Wirkstoff Remdesivir scheint zu leisten, was Fachleute seit Beginn der Epidemie erhoffen. Nach Angaben des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) hat ein unabhängiges Überwachungskomitee eine kontrollierte klinische Studie mit dem Wirkstoff vorzeitig beendet – Remdesivir war laut dessen Bewertung so effektiv, dass es zum erreichen des Studienziels keiner weiteren Tests bedurfte. Dem Bericht zufolge wurden die Patientinnen und Patienten durch den Wirkstoff um ein Drittel schneller wieder gesund.

Bisher allerdings wirft das Ergebnis mehr Fragen auf, als es beantwortet. Neben der kürzeren Genesungszeit – im Durchschnitt 11 statt 15 Tage – berichtet das NIAID, dass die Sterblichkeit in der Studie nicht statistisch signifikant sank. Dass in der Placebogruppe fast zwölf Prozent der Infizierten starben und mit Remdesivir acht Prozent, zeigt vor allem: Das einst gegen Ebola entwickelte Medikament ist kein Wundermittel – ohnehin weisen Fachleute seit geraumer Zeit drauf hin, dass man mehrere Wirkstoffe und Therapieformen braucht.

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Als großen Fortschritt bewerten Fachleute das Resultat dennoch. Bisherige Untersuchungen mit dem Wirkstoff waren ermutigend, aber wenig aufschlussreich. Meist hatten sie keine Kontrollgruppe oder waren insgesamt zu klein; an der placebokontrollierten NIAID-Studie nahmen dagegen über 1000 Erkrankte teil. »Damit konnte zum ersten Mal die Wirksamkeit einer Substanz gegen Covid-19 in einer nach höchsten Standards durchgeführten Studie nachgewiesen werden«, sagt Gerd Fätkenheuer, der nicht nur die Infektiologie der Uniklinik Köln leitet, sondern auch eine klinische Studie an Remdesivir in Deutschland.

Der Mediziner rechnet nun mit einer schnellen Zulassung des Wirkstoffs. Das allerdings ist erst der Anfang. »Eine der wichtigsten Frage ist die, ob alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen von der Behandlung profitieren oder ob die Wirksamkeit je nach Schweregrad der Erkrankung unterschiedlich ist«, erklärt Fätkenheuer. Viele Fragen blieben bis zur vollständigen Veröffentlichung der Resultate in dem von den National Institutes of Health (NIH) angekündigten Abschlussbericht offen.

Die Herstellung dauert Monate

Das wichtigste Problem allerdings wird in dem kommenden Bericht bestenfalls am Rande Erwähnung finden: Wo bekommt man nun die nötigen Mengen Remdesivir her? Tatsächlich dauert es nach Angaben des Herstellers, ausgehend von den Ausgangsstoffen, insgesamt sechs bis acht Monate, um einen Wirkstoff wie Remdesivir zu produzieren. Hinter dem Engpass steckt vermutlich auch die Herkunft des Medikaments.

Ursprünglich hat der Hersteller Gilead das Molekül Remdesivir gegen Ebola entwickelt. Deswegen ist das Herstellungsverfahren so schnell und effizient, wie es sein muss, um einige tausend Infizierte pro Jahr zu versorgen. Die Produktion mit großem Aufwand so zu optimieren, dass binnen weniger Monate Millionen Menschen das Präparat bekommen könnten, machte bei einem Ebolamedikament keinen Sinn.

Eine weitere Schwierigkeit: Die einzelnen Schritte dieser Herstellung finden längst nicht mehr alle beim Hersteller statt, sondern bei Zuliefererfirmen, die oft in Indien oder China sitzen – und die komplexen Verfahren selbst erst lernen müssen. All das bedeutet, dass Remdesivir in den nächsten Monaten knapp sein wird.

Bis 2021 hofft Gilead, ausreichend Wirkstoff für die Behandlung von insgesamt etwa einer Million Menschen zu produzieren. Das wird angesichts der nach wie vor rasch wachsenden globalen Fallzahlen bei Weitem nicht reichen. Und damit stellt sich eine fast noch bedeutendere Frage: Wer bekommt das einzige existierende Mittel gegen Covid-19? Oder anders: Wer geht leer aus?

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19/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19/2020

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