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News: Rhythmus im Blut

Musik kann uns in Hochstimmung versetzen oder in tiefe Trauer stürzen. Die Macht der Noten ist verblüffend. Doch wie wirkt sie sich auf Kinder aus? Schließlich können auch sie schon zwischen traurigen und fröhlichen Melodien unterscheiden. Während die Allerkleinsten damit noch einige Schwierigkeiten haben, verlassen sich Fünfjährige dafür auf das Tempo der gehörten Klangfolgen. Erst ab dem sechsten Lebensjahr entwickeln Kinder ein Gefühl für den grundsätzlichen Unterschied von Dur- und Moll-Tonarten.
Getragen erfüllen die d-Moll-Klänge von Mozarts Requiem den Raum. Beinahe scheint der Zuhörer den Hauch des Todes zu spüren, der auch den Komponisten zu einem seiner letzten Werke inspiriert haben soll – obwohl inzwischen bekannt ist, dass es sich um eine reine Auftragsarbeit handelte. Traurigkeit und Schwermut breiten sich aus, fröhliches Lachen scheint undenkbar.

Nicht jedoch für eine Dreijährige, berichten Simone Dalla Bella von der Université de Montreal und ihre Kollegen. Sie untersuchten, ab welchem Alter Kinder zwischen trauriger und fröhlicher Musik unterscheiden können – und an welchen Merkmalen sie ihre Entscheidung festmachen. Dafür spielten sie Drei- bis Achtjährigen verschiedene computergenerierte Motive aus klassischen Stücken vor, langsame und schnelle, in Dur und in Moll. Anschließend veränderten sie Tempo, Tongeschlecht oder beides und ließen ihre kleinen Versuchspersonen erneut wählen.

Die Jüngsten unter ihnen, im Alter von drei bis vier Jahren, tippten nur zufällig richtig. Das heißt nicht, dass sie kein Gefühl für Musik haben: Andere Studien zeigten sehr deutlich, dass Kinder bereits im ersten Lebensjahr sehr empfindlich auf Tonabstände, Rhythmus oder Harmonien reagieren. Doch wahrscheinlich waren sie von den komplexen Melodien schlicht überfordert, vermutet Dalla Bella.

Fünfjährige hingegen zeigten ein sehr ausgeprägtes Gespür für fröhliche oder traurige Stimmungen in der Musik. Allerdings beurteilten sie die Stücke allein nach dem Tempo – flotter Takt bedeutete fröhliche Lieder. Das Tonsgeschlecht spielte hingegen noch keine Rolle, die Kinder konnten freundliches Dur nicht von schwermütigem Moll unterscheiden. Bei den über Sechsjährigen war auch das kein Problem mehr: Sie erreichten fast dieselbe gute Trefferquote wie Erwachsene.

Carol Krumhansl von der Cornell University hält es für durchaus nachvollziehbar, dass Kinder bereits unterschiedliche Tempi wahrnehmen, während sie den Ausdruck von Tonarten erst später entwickeln. "Viele unserer Verhaltensweisen sind im Grunde rhythmisch, beispielsweise Sprache und Bewegung", erklärt sie.

Die Studie zeigt Dalla Bella zufolge auch, dass musikalisches Empfinden wohl nicht allein auf Lernprozessen beruht, sondern ein gewisses Grundgefühl uns bereits innewohnt. Eine interessante Frage ist noch, inwieweit sich die Musik unterschiedlicher Kulturen auf Menschen aus anderen Kulturkreisen auswirkt. Versetzt Mozarts Requiem beispielsweise auch Chinesen oder Araber in Schwermut? Dazu gibt es bisher nur wenige Untersuchungen. Doch die vorhandenen Daten weisen daraufhin, dass Stimmungen in der Musik nahezu eine internationale Sprache sprechen und fast überall ähnlich empfunden werden.

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