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Tierkrankheiten: Satanische Zellen armer Teufel

Mit seinem schwarzen Fell, den großen unschuldigen Augen und dem rundlichen Körper sieht er eigentlich ganz putzig aus. Im Kampf jedoch macht der Tasmanische Teufel seinem Namen alle Ehre. Nur hilft ihm das nicht gegen die teuflische Krankheit, die das Überleben der urigen Art bedroht.
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Bis zur Ankunft der Menschen war Australien eine kleine einzigartige Welt für sich: Hier lebten neben Kängurus und Koalas auch Riesenwombats, überdimensionierte Schildkröten und straußengroße Gänse. Bis auf zwei Eier legende Kloakentiere, das Schnabeltier und den Ameisenigel sowie die Fledermäuse waren alle einheimischen Säuger inklusive der vierbeinigen Fleischfresser Beuteltiere – eine Tiergruppe, die bis auf wenige Ausnahmen in Amerika weltweit völlig von den Plazentatieren verdrängt wurde.

Als dann die Aborigines vor knapp 40 000 Jahren auf den Fünften Kontinent übersiedelten, nahm diese evolutionäre Isolation ein jähes Ende, denn die Neusiedler jagten nicht nur die Beuteltiere und veränderten die Landschaft durch die Nutzung des Feuers. Sie brachten auch neue Arten mit ins Land – darunter mit dem Dingo, einer Hundeart, einen sehr effizienten Jäger. Er war den einheimischen Beutelwölfen (Thylacinus cynocephalus) und Beutelteufeln (Sarcophilus harrisii) überlegen und trug so mit zu ihrer Verdrängung vom Festland bei: Der Beutelwolf starb in Australien wohl schon vor 3000 Jahren aus, der kleinere Beutelteufel folgte ihm dann im 15. Jahrhundert.

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Gesunder Beutelteufel | Ein gesunder Beutelteufel auf nächtlicher Pirsch: Die Art ist der größte überlebende Raubbeutler, nachdem der Beutelwolf in der gemeinsamen Heimat Tasmanien wohl ausgestorben ist.
So blieb beiden Arten nur Tasmanien als dingofreie letzte Zuflucht, bis hier die Europäer anlandeten. Sie bejagten beide Arten, weil sie um ihre Schafe fürchteten, was dem Beuteltiger wohl 1936 endgültig zum Verhängnis wurde, als das letzte bekannte Exemplar im Zoo der Inselhauptstadt Hobart starb. Die kleinere der beiden Raubbeutlerarten hatte mehr Glück: Sie überlebte bis heute, weil sie 1941 unter strengen Schutz gestellt wurde und sich ihre Bestände auf mehr als 100 000 Tiere erholen konnten.

Doch nun sucht seit Beginn des neuen Jahrtausends eine grausige Seuche mit dem Namen Teufelsgesichtstumorkrankheit (DFTD) die kleinen Teufel heim und dezimiert ihre Population auf ein Neues. Ausgehend von kleinen Verletzungen rund um den Mund treten dort erste krebsartige Wucherungen auf, die sich dann auf das ganze Gesicht und den Nacken ausweiten und schließlich den gesamten Körper mit offenen Geschwüren überdecken können. Die Beutelteufel haben deshalb zunehmend Schwierigkeiten beim Fressen, bis sie schließlich nach drei- bis achtmonatiger Leidenszeit verhungern oder ihre Körperfunktionen durch die auszehrenden Tumoren versagen.

Vieles an dieser Krankheit ist noch mysteriös – etwa warum sie sich so rasend schnell unter den Tieren ausbreitet. Anne-Maree Pearse und Kate Swift vom tasmanischen Umweltministerium untersuchten dazu die Zellen junger Geschwüren sowie primärer und sekundärer Karzinome von Tieren aus dem gesamten Nordosten Tasmaniens auf ihren genetischen Inhalt und verglichen diesen mit dem Erbgut erkrankter und gesunder Teufel.

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Chromosomenvergleich | Gesunde Zellen eines Beutelteufels haben einen 14-teiligen Chromosomensatz (oben), die Zellen seiner Gesichtstumoren dagegen bestehen nur aus 13 Paaren (unten): Manche Chromosomen fehlen und wurden stattdessen ducrh andere ersetzt. Außerdem sind sie teilweise stark verändert.
Während der normale Bausatz von Sarcophilus harrisii 14 Chromosomen umfasst, beinhalteten die Zellen der jungen Krebsstadien nur deren 13, und diese sind auch noch in höchstem Maße abnormal verändert. Ihnen fehlen beide Geschlechtschromosomen sowie das Chromosomenpaar Nummer 2, außerdem ist nur noch ein Chromosom 6 vorhanden. Dafür enthalten sie vier neue, noch unbenannte Markerchromosomen. Diese Anomalien traten quer durch die gesamte untersuchte Population auf, ohne dass die beiden Wissenschaftlerinnen jemals irgendein Zwischenstadium zwischen gesunden und krankhaft veränderten Zellen finden konnten.

Darüber hinaus entdeckten sie in allen gesunden Zellen eines Tieres eine mittige Einstülpung in einem der beiden Chromosome 5, die jedoch in den Tumorzellen fehlte. Dort hätte diese aber auch auftreten sollen, wenn die Geschwulst originär aus dem Gewebe des Teufels Amok gelaufen wäre. Pearse und Swift vermuten deshalb, dass es sich bei DFTD um die infektiöse Übertragung von Zellmaterial handelt, das anschließend wie ein parasitärer Klon auf dem Körper des Raubbeutlers lebt und gedeiht. Diese Zelllinie entstand wahrscheinlich um die Jahrtausendwende durch Mutation in einem Tumor unbekannter Art und wird seitdem von Teufel zu Teufel weitergegeben.

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Kranker Beutelteufel | Krebskranker Beutelteufel: Eine ansteckende Krankheit namens DFTD bedroht das Überleben der Spezies. Sie verbreitet sich wahrscheinlich durch infektiöse Zellen über Bisswunden. Die wuchernden Tumoren behindern die Nahrungsaufnahme und lassen das Tier innerhalb weniger Monate verhungern.
Denn Beutelteufel pflegen äußerst unverträglich miteinander umzugehen: Ein zufälliges Zusammentreffen außerhalb der Paarungszeit endet häufig in wütenden Beißattacken. Verletzungen entstehen dabei häufig rund um die Schnauze, und erkrankte Tiere geben so unbeabsichtigt, aber leicht die infektiösen Krebszellen weiter. Für den Bestand der Art ist es dabei sehr problematisch, dass sie wegen ihres hohen Verwandtschaftsgrades untereinander eine verringerte genetische Vielfalt aufweisen und deshalb der DFTD nur eine eingeschränkte Immunabwehr entgegensetzen können. Die fatale Folge: Die Krankheit breitet sich wie ein Lauffeuer über Tasmanien aus.

Mittlerweile kommt die teuflische Seuche auf mehr als fünfzig Prozent des Beutelteufelterritoriums vor. Wo sie auftritt, rafft sie bis zu achtzig Prozent der Tiere hinweg. Gegenmittel gibt es bislang keine. Die Naturschutzbehörden versuchen die Plage mit dem Entfernen kranker Exemplare und dem Aufbau gesunder Zuchtbestände in den Griff zu bekommen – auch in der letzten Zuflucht wird es langsam eng für den Beutelteufel.
03.02.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 03.02.2006

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